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Das Eis schmilzt rasend schnell

Grönland-Expedition Das Eis schmilzt rasend schnell

Die Grönlandforscher um den Potsdamer Wilfried Korth haben mit der Auswertung ihrer Messdaten begonnen. Erschreckendes Ergebnis: In einem Bereich nahe der Westküste ist das Team etwa 30 Meter unterhalb der Route seiner Expedition von 2002 gelaufen. So viel Höhe hat der Eispanzer dort schon verloren.

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Das Campen im Eis von Grönland hat auch seine idyllischen Seiten.

Quelle: privat

Potsdam. Das Gesicht ist sonnenverbrannt. Die Stirnfalten sind dünne weiße Striche in der geröteten Haut. In den Fingerkuppen machen sich noch leichte Erfrierungen bemerkbar. Wilfried Korth reibt mit dem Daumen über die Spitzen der anderen Finger: kein Gefühl drin. „Das ist unangenehm, aber nicht schlimm“, sagt er lächelnd. Nach ein bis zwei Monaten sollte sich das gegeben haben. „Das ist der Preis dafür“, sagt der Potsdamer Professor für Vermessungskunde. Der Preis für einen rund 700 Kilometer langen Fußmarsch quer durch Grönland. Eine erfolgreiche Tour dank eines gut funktionierenden Teams, so Korth.

Abenteuer im Eis

Zum Team um den Potsdamer Expeditionsleiter Wilfried Korth gehörten Thomas Hitziger, Uwe Hofmann und Tobias Küchenmeister.

Ende Juli machten sich die Forscher auf ihren 700 Kilometer langen Fußmarsch quer durch Grönland. Nach sechs Wochen – am 6. September – erreichten sie die Westküste.

Für Wilfried Korth war es bereits die fünfte Grönlandexpedition seit dem Jahr 2002.

Er war Chef einer vierköpfigen Forschergruppe, die Grönland auf den Spuren einer historischen Tour des Schweizers Alfred de Quervain durchquerte. Das Team des Potsdamers sammelte Daten, um nachvollziehen zu können, ob und wie sehr das Grönlandeis in den vergangenen Jahrzehnten geschmolzen ist. Wenige Tage nach dem Ende der Expedition liegen die ersten Ergebnisse vor. Sie dokumentieren die Eisschmelze seit dem Jahr 2002. Erschreckende Erkenntnis: „Der Fahrstuhl fährt weiter nach unten“, so Korth, der Professor an der Beuth Hochschule für Technik Berlin ist. Beim Camp 34 – in der Nähe der Westküste Grönlands – sind die Forscher den Daten zufolge 30 Meter unterhalb der Route ihrer Expedition von 2002 gelaufen. Das bedeutet, der Eispanzer hat in diesem Bereich 30 Meter an Höhe verloren. „Das ist eine unglaubliche Masse Eis!“, betont Korth. „Etwa 300 Kubikkilometer Eis nur für einen Radius von 80 Kilometern um diesen Punkt herum!“ Und der Potsdamer macht den riesigen Volumenverlust mit einem drastischen Vergleich deutlich: In der Müritz sind 0,737 Kubikkilometer Wasser. Das bedeutet also, dass an dem Punkt in Westgrönland binnen 13 Jahren die komplette Müritz etwa 400-mal ins Meer geflossen ist. So viel Eis ist in der Zeit geschmolzen. Für Korth ist das ein eindeutiges Zeichen des Klimawandels. Denn hier gehe es nicht um kurzfristige Veränderungen, sondern um Entwicklungen über fast anderthalb Jahrzehnte.

In der Mitte Grönlands sind die Höhen des Eispanzers stabil oder sogar ganz leicht zunehmend. Aber im westlichen Teil des Profils hat sich die jährliche Volumenabnahme beschleunigt. Der Gletscher dort hat zwischen 0,5 und 2,8 Metern an Höhe verloren. Die Schmelze rund um das Camp 34 ist dabei der absolute Minusrekord. In einer umfassenderen Datenanalyse werden die Entwicklungen seit 1912 – dem Tourjahr de Quervains – nachvollzogen. Das Team der Neuzeit hat auf seinem Weg etwa alle drei Meter satellitengestützte Messwerte aufgenommen. Das macht auf der 700 Kilometer langen Tour mehr als 230 000 Datensätze. Ein riesiger Fundus, der ausgewertet werden muss.

Thomas Hitziger im Schlafsack, der mit Eiskristallen überzogen ist

Thomas Hitziger im Schlafsack, der mit Eiskristallen überzogen ist.

Quelle: privat

„Ich hätte auch noch dableiben können“, sagt Korth mit ein bisschen Sehnsucht nach Grönland in der Stimme. Das Leben auf der Tour habe sich auf das Wesentliche reduziert. Eine Tasse, eine Schüssel, ein Löffel, ein Taschenmesser – damit war zum Beispiel die Ausstattung für die Essensrunden komplett.

Korth will auch weiterhin die Eis-Entwicklung dokumentieren: „Das Projekt wollen wir weitermachen.“ Spannend seien vor allem die Höhenentwicklungen auf den jeweils ersten 100 Kilometern an der Ost- und Westküste. Denn an den Rändern würden sich am ehesten die Veränderungen zeigen. Ob es aber noch einmal eine Expedition „quer rüber über das Eis von Grönland“ geben wird, müsse man sehen, meint der Potsdamer und er lächelt verschmitzt. Nachdem die 2015er Tour so gut gelaufen sei, „könne man noch mal darüber nachdenken“.

Von Ute Sommer

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