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Der lange Schatten der Bombe von Hiroshima

70 Jahre nach der Atombombe Der lange Schatten der Bombe von Hiroshima

Die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki brachten unermessliches Leid - doch die Strahlenmediziner lernen bis in die Gegenwart daraus. So fanden sie heraus, dass Strahlung ist nicht gleich Strahlung ist und viele äußere Faktoren den Abbau der Radioaktivität beeinflussen.

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Hiroshima nach dem Abwurf der Atombombe. Im Hintergrund die Ruine des Handelskammergebäudes.

Quelle: epd

Potsdam. Als die Atombombe mit dem geradezu zynischen Namen „Little Boy“ vor 70 Jahren am 6. August 1945 um 8:16 Uhr über der heutigen Million-Stadt Hiroshima explodierte, blieben von vielen Menschen lediglich eingebrannte Schatten übrig. Bei Temperaturen von mehr als 6000 Grad selbst noch am Erdboden unter dem Abwurfzentrum verglühten zahlreiche Opfer in Sekundenbruchteilen. Rund 80 000 Menschen waren sofort tot. Weitere bis zu 80 000 starben an den unmittelbaren Folgen bis 1946. Die Explosion machte innerhalb von Sekunden 80 Prozent der Innenstadt dem Erdboden gleich. Der Einsatzbefehl soll nach Überzeugung einiger Historiker vom damaligen US-Präsidenten Harry S. Truman am Rande der Potsdamer Konferenz erfolgt sein.

Neue Zweifel

Moralisch umstritten waren die Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki seit dem Abwurf. An der Begründung der USA, der Einsatz habe weiteres hunderttausendfaches Blutvergießen bei einer Fortsetzung des Krieges verhindert und ein diktatorisches Regime in Japan zur Kapitulation gebracht, gab es immer Zweifel.

Zeitdokumente würden belegen, dass Japans Militär „am Boden“ gewesen wäre, lange bevor die Bomben fielen. Besonders der zweite Einsatz in Nagasaki wird kritisiert.

Viele wundert derzeit, wie schnell Menschen in die atomare Wüste zurückkehrten und mit dem Wiederaufbau begannen. Während in Fukushima auch Jahre nach dem Gau noch ganze Regionen Sperrgebiet sind, begannen die Aufräumarbeiten in Hiroshima bald nach dem Inferno. Obwohl die Halbwertzeit der Radioaktivität mitunter bei mehreren Zehntausendjahren liegt, ist die Belastung heute nicht höher als die überall auf dem Globus vorkommende Hintergrundstrahlung.

Taifun verteilte radioaktive Teilchen über eine große Fläche

„Es hat in Fokushima 100mal mehr spaltbares Material verteilt auf einem kleineren Bereich gegeben als in Hiroshima“, sagt der Potsdamer Kernphysiker Oliver Henneberg. Zudem habe die Zündung der Bombe 600 Meter über dem Erdboden gelegen, so der Strahlenschutzbeauftragte der Potsdamer Universität. Durch die Winde und den Niederschlag sei das radioaktive Material von Anfang an über eine große Fläche verstreut worden. Zudem sei der Anteil der kurzlebigen radioaktiven Isotope in einer Atombombe des Hiroshima-Typs also in einer Uran-Bombe besonders hoch, sagt Thomas Kern, Kernphysiker an der Fachhochschule Brandenburg/Havel. Die langlebigen radioaktiven Isotope, die über tausend Jahre hinweg strahlen (etwa Plutonium) seien zudem nach Meinung vieler Fachleute im September 1945 von einem großen Taifun, der mit sintflutartigen Regenfällen einher ging, zum Teil weggewaschen worden. Das bedeutet nicht, dass diese radioaktiven Teilchen nicht mehr vorhanden sind oder nicht mehr strahlen, sie haben sich nur über Regen, Flüsse und Meere über eine riesige Fläche verteilt. In Hiroshima selbst dürfte vor allem die Umwandlung nichtradioaktiver Elemente in radioaktive durch die Strahlung eine Rolle gespielt haben. Deren Halbwertzeit ist aber vergleichsweise gering.

All dies sagt aber nur etwas darüber aus, warum Rückkehrer in die zerstörte Stadt nicht umgehend an den Folgen der sogenannten Strahlenkrankheit verendet sind, die je nach Dosis der radioaktiven Strahlung schon innerhalb von Minuten den Tod bedeuten kann.

„Im Grunde wussten die Menschen gar nicht, was passiert ist, und setzten sich ahnungslos der Gefahr aus“, sagt Henneberg. Um die Folgen radioaktiver Strahlung hätten sich auch die Forscher im Atombomben-Entwicklungszentrum Los Alamos kaum Gedanken gemacht. Die Achtlosigkeit der ersten Atombombenversuche spricht Bände darüber.

Forschung zu den Folgen verlief lange Zeit schleppend

Die tödlichen Folgen des gerade in jüngster Zeit wieder historisch umstrittenen Einsatzes der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki zogen und ziehen sich über Jahrzehnte bis in die Gegenwart hin. Die Forschung dazu lief nur schleppend an. Erst ab 1950 wurden die Opfer von der ABCC (Atomic Bomb Casualty Commission, einer gemeinsamen Agentur der USA und Japans) und seit 1975 von der RERF (Radiation Effects Research Foundation, unter Schirmherrschaft der US-Akademie der Wissenschaften) untersucht.

ABCC und RERF berichteten ab 1950 über eine erhöhte Rate von Leukämiefallen, die demnach bis 1978 anhielt. Für die Menschen in Hiroshima lag die Leukämierate fünfzehnfach höher als für vergleichbare japanische Populationen. Über das Auftreten anderer Krebsarten wurde erst später berichtet. Seit 1955 wurden extrem erhöhte Schilddrüsenkrebsraten festgestellt, seit 1965 ein erheblicher Anstieg von Brust- und Lungenkrebsfällen, von 1975 an das vermehrte Auftreten von Magen- und Darmkrebs. Die Ergebnisse beider Organisationen sind umstritten, aber die politischen Kräfte hinter ihnen so mächtig, dass Ergebnisse anderer Wissenschaftler als fehlerhaft abgetan wurden. Basis der Untersuchungen der RERF war eine Gruppe von nur 20 000 Menschen, die unterschiedlich hohen Strahlendosen ausgesetzt war.

In der Folge der Abwürfe kam es zu einer nicht genau bekannten hohen Zahl von Fehl- und Totgeburten. Ein Zeichen dafür, dass genetische Defekte oder eine zu hohe Strahlenbelastung für die Föten vorgelegen haben. Viele im Mutterleib bestrahlte Säuglinge wiesen geistige und körperliche Behinderungen und eine langsamere Entwicklung als andere Kinder auf. Die Opferzahlen steigen weiter. Bis heute sterben jährlich Tausende an Leukämie oder verschiedenen Formen von Krebs, ein Ende ist nicht absehbar. Die offizielle Zahl der Todesopfer aus der letzten Statistik der Stadt Hiroshima von 1998 beträgt 273 212.

Von Gerald Dietz

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