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„Ich wollte cool sein“

Mobbing in der Schule „Ich wollte cool sein“

Der Erziehungswissenschaftler Wilfried Schubarth von der Uni Potsdam untersucht das Verhalten von Schülern und Lehrern bei Schulmobbing. Dazu wurden 2000 Schüler und 550 Lehrer befragt. Ein erster Befund: Der Schwerpunkt hat sich von körperlicher zu psychischer Gewalt verschoben.

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Ist es cool einen Mitschüler durch Mobbing auszugrenzen? Manche Schüler finden das, wie Wilfried Schubarth herausfand.

Quelle: fotolia

Potsdam . Der autistische Junge hatte in der sächsischen Schule Mädchen immer wieder am Po angefasst. Das hatte Folgen. „Dann waren wir überzeugt, wir als Klasse, dass wir was tun müssen“, beschreibt ein anderer Junge, was bald darauf geschah. „Also kamen wir auf die Idee, ihn zwei Jahre lang zu mobben. Wir haben ihn geschlagen, beleidigt und noch viel mehr. Irgendwann war es soweit, dass ich von der Schule geflogen bin“, schreibt der Junge. Zum Mobben sagt er: „Ich habe es gemacht, weil ich cool sein wollte.“

Solche zum Teil einmaligen Selbstaussagen von Mobbing-Tätern und Mobbing-Opfern sowie von Lehrern, in deren Klassen sich dies alles abspielt, werten der Professor für Erziehungs- und Sozialisationstheorie an der Universität Potsdam, Wilfried Schubarth, und seine Mitarbeiter derzeit gleich zu Hunderten aus. „Lehrerhandeln bei Gewalt und Mobbing“ heißt das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bis März 2016 geförderte Projekt, mit dem Schubarth und sein  Kollege Ludwig Bilz, Entwicklungspsychologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal, praktisch erstmals in der Sozialwissenschaft überhaupt untersuchen, ob und wie Lehrer bei Mobbing-Vorfällen eingreifen. Befragt wurden 2000 Schüler und 550 Lehrer, darunter 93 Klassenlehrer an 2000 sächsischen Schulen. Zum Teil mussten sie vorgegebene Antworten ankreuzen, zum Teil aber auch sich in Form eines kleinen Texts mit eigenen Worten zu konkreten Fällen äußern. Gänzlich ausgewertet ist das Material noch lange nicht, aber einige  Ergebnisse fallen – trotz insgesamt erfreulicher Entwicklungstrends – eher ernüchternd aus, vor allem was die Reaktionen der Lehrer angeht .

Zwar haben Gewalt und Mobbing im Vergleich zu den 1990er Jahren stetig abgenommen, der Schwerpunkt habe sich jedoch von körperlicher zu psychischer Gewalt verschoben. Darauf seien viele Lehrer noch nicht ausreichend vorbereitet: „Ein für mich wichtiges Ergebnis war zum Beispiel, dass 30 Prozent der befragten Lehrkräfte von den Mobbing-Fällen gar nicht erfahren“, sagt Schubarth. Das sei ein ziemlich hoher Anteil ahnungsloser Lehrer. Andererseits ist das aber auch nicht ganz unerklärlich. Schüler drangsalieren und prügeln ihre Mitschüler selten vor den Augen des Klassenlehrers. Ernüchternd sei aber auch, dass von denjenigen Lehrern, die Mobbing-Vorfälle in ihrer Klasse bemerken, nicht weniger als 30 Prozent angaben, sie fühlten sich relativ hilflos. Diejenigen, die eingreifen, versuchen den Gemobbten durch Gespräche zu unterstützen, manche beziehen die ganze Klasse in das Problem ein, andere ziehen Kollegen hinzu, wieder andere müssen in manchen Fällen sogar körperlich eingreifen, etwa wenn Schüler aufeinander losgehen. Ein Konzept, wie man mit   Mobbing umzugehen hat, scheint es an vielen der untersuchten Schulen noch nicht zu geben.

Schikane mit System





an Schulen: Möglichkeiten der Prävention und Intervention“ hat Wilfried Schubarth schon 2012 publiziert. Das Buch gibt einen Überblick über Ausmaß, Erscheinungsformen und Ursachen von Gewalt und Mobbing an Schulen. Schon in dieser Publikation liegt ein Schwerpunkt auf möglichen Präventions- und Interventionsprogrammen.



Erkennen - Handeln - Vorbeugen“ wird erst Anfang des kommenden Jahres erscheinen. In diesem neuen Buch erläutert Schubarth, wie sich in einer Schulklasse Fälle von Mobbing erkennen lassen, welche Folgen unerkanntes Mobbing für Opfer und Täter hat und welche Rolle die Unbeteiligten spielen.







so betont auch Wilfried Schubarth, besteht nicht etwa in einer einzelnen Handlung. Es ist ein andauerndes Verhaltensmuster eines Einzelnen oder auch einer Gruppe. Deren Handlungsweisen sind systematisch und bezwecken Ausgrenzung und Schikane.

Erstaunlich sei auch, dass Lehrer ihr Eingreifen ganz anders wahrnehmen als die Schüler. „Die Schüler finden die Lehrer in solchen Konfliktfällen im stärkeren Maße autoritär als Lehrer sich selbst sehen würden“, sagt Schu­barth. Am besten kam bei den Schülern das Eingreifen weg, wenn möglichst viele, zum Beispiel Klassenkameraden wie auch andere Lehrer, in den Aufklärungsprozess mit einbezogen wurden. Schubarth und seine Mitarbeiter nannten diese Form unterstützend-kooperierend. Die Lehrer wählten diese Form zwar zum Teil selbst sehr oft, fanden sich aber selbst am erfolgreichsten, wenn sie entweder nur das betroffene Mobbing-Opfer unterstützten oder wenn sie eher autoritär durchgriffen. Ein Lehrer schrieb zum Beispiel: „Geholfen haben ihm persönliche Gespräche mit anderen Lehrern und ein Training, das sein Selbstbewusstsein gestärkt hat.“

Allein mit dem Wissen, dass es  unterschiedliche Sichtweisen gibt, könne man etwas anfangen, sagt Schubarth. Inzwischen haben er und sein Team auch auf Grund dieser ersten Ergebnisse eine Art Interventionsstrategie bei Mobbingvorfällen in der Zeitschrift „Pädagogik“ veröffentlicht. Das Zehn-Punkte-Programm beginnt bei Sofortmaßnahmen wie eine konkrete Situation unterbrechen und aufklären, geht über tiefere Analysen des Mobbinggeschehen, Aufarbeiten und Nachbereiten bis hin zur Entwicklung eines Präventionsplans an der eigenen Schule, zum Beispiel in Form von Trainingsprogrammen.

„Wir können schon einige Schwachstellen des bisherigen Umgangs erkennen. Lehrer brauchen mehr Fähigkeiten, um in solchen Fällen professionell zu handeln. Dafür gilt es, Schulen und Schulverwaltung stärker zu sensibilisieren“, sagt Schubarth. Die Aufarbeitung des Materials, die in einer Publikation münden soll, werde den Lehrern helfen, gezielter bei Mobbingfällen einzugreifen. Schubarth will seine Erkenntnisse nicht nur in die Ausbildung von Lehrern an der Uni Potsdam, sondern auch in Fortbildungsveranstaltungen einfließen lassen.

Schulen begrüßen das. Holger Fehse, stellvertretender Leiter des Potsdamer Helmholtz-Gymnasiums, sagt: „Es ist zwar nicht so, dass wir jede Woche ein Mobbing-Problem auf der Tagesordnung hätten, aber bei uns ist das Problem schon in Ansätzen vorhanden.“ Selbstverständlich versuche man sich dem zu stellen. Es gäbe aber Diskussionen im Kollegium, was eigentlich die Wissenschaft dazu sage. Insofern sei man auch am Helmholtz-Gymnasium gespannt auf mögliche Handreichungen.

Von Rüdiger Braun

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