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Im goldenen Käfig von Golm

Bauten der Wissenschaft Im goldenen Käfig von Golm

Zu architektonischen Glanzstücken gehört ohne Zweifel das Institut für Physik und Astronomie in Golm. Die weit leuchtende Außenhaut des fast 1000 Quadratmeter bedeckenden Kubus hat ihm früh den Spitznamen „goldener Käfig“ eingebracht. Gelobt werden von den Wissenschaftlern kurze Wege und großzügige Räume.

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Auch Planetologe Frank Spahn ist im preisgekrönten Institut für Physik und Astronomie auf dem Campus Golm hochzufrieden.

Quelle: Christel Köster

Golm. Die Rede vom „architektonischen Glanzstück“ hat im Falle des Instituts für Physik und Astronomie in Golm endlich wieder einmal einen knallharten Sinn. Bei entsprechendem Sonnenstand kommt man schon mal ins Blinzeln, wenn man sich über die Karl-Liebknecht-Straße dem Institutsgebäude nähert. Wie ein vom Himmel gefallener Riesengoldbarren wirkt das 2008 eröffnete vom Hamburger Büro „Böge und Lindner K2“ entworfene Haus. Schuld daran sind die im Eloxalverfahren beschichteten Aluminiumplatten, die dem Sonnenschutz und nicht zuletzt auch der Abwehr von Langfingern dienen. Die weit leuchtende Außenhaut des fast 1000 Quadratmeter bedeckenden Kubus hat ihm früh den Spitznamen „goldener Käfig“ eingebracht. Die Aluminiumgitter können waagrecht zusammengefaltet werden und lassen dann mehr Licht durch. Nachts fahren sie vollautomatisch auseinander und schützen den Bau.

Die Wissenschaftsstadt

Potsdam ist reich an Wissenschaftsarchitektur. Ab dem späten 19. Jahrhundert entsteht eine ausgedehnte Wissenschaftslandschaft, die auch heute noch das Stadtbild prägt. 1878 wird auf dem Telegrafenberg das Astrophysikalische Observatorium Potsdam (AOP) mit einigen Wohnbauten bezugsfertig, zwölf Jahre später öffnet das Magnetische Observatorium.

Ein Meilenstein ist der 1899 in Anwesenheit Kaiser Wilhelms II. eröffnete Große Refraktor, das damals weltgrößte Linsenfernrohr. Noch heute ist er ein beliebter Anlaufpunkt für Touristen in der „Wissenschaftsnacht“.

Heutzutage gibt es mehrere Wissenschaftsstandorte. Neben dem Telegrafenberg die naturwissenschaftlichen Zentren in Golm und die geisteswissenschaftlichen Einrichtungen Am Neuen Markt. Vor allem in Golm konnten sich moderne Architekten ausprobieren. bra

Nötig geworden war das Haus, weil sich die Physiker bis weit in die Zweitausender Jahre auf dem Campus Am Neuen Palais gedrängt hatten. „Dort gehörten sie nicht mehr hin“, sagt der Leiter der Bauverwaltung, Hans Göbel. Die Strukturpläne der Universität sahen vor, die Naturwissenschaften auf dem Campus Golm zusammenzufassen. Der Brandenburgische Landebetrieb für Liegenschaften und Bauen wies bei der Eröffnung auf die Nähe zum Max-Planck-Campus hin. Das sei ein „außerordentlich günstiges wissenschaftliches Umfeld für einen innovativen Gedankenaustausch“. Gebraucht wurde für die Physiker ein Haus mit großer Kapazität, das genügend Platz für Büros und Labors enthielt. An einen „goldenen Käfig“ hatte damals noch keiner gedacht. Aber genau diese markante Farbe wurde letztlich zum herausragenden Merkmal des Instituts.

„Potsdam ist gelbgeprägt“, gibt einer der Hamburger Architekten, Jürgen Böge, dazu lakonisch zu Protokoll. Überall präge die gelbe Farbe aus Putz und Naturstein das Stadtbild. Dass Böge zusammen mit seinen Kollegen 2004 den Wettbewerb für das Gebäude gewonnen hatte, lag aber wohl an anderen Merkmalen des Entwurfs aus seinem Haus.

„Das Besondere war, wie wir den Campus städtebaulich gelesen haben.“ Böge und seine Kollegen hatten sich den Bebauungsplan für Golm genau angesehen und sich an den beiden Hauptachsen orientiert. „Das Gebäude sollte zum Campus hin orientiert sein“, sagt Böge. Andere Entwürfe hatten die Eingänge vom Campus abgewandt und auf die Seite der vorbeiführende Karl-Liebknecht-Straße gelegt. Dieser zeigt der Böge-Entwurf aber nur die kalte goldene Schulter. Die Zugänge befinden sich nun tatsächlich auf der Campusseite, was den Zusammenhang der Wissenschaftsgebäude betont.

Innen in den Fluren erwartet Nutzer und Besucher ein Farbspiel aus schwarzem Fußböden, grauen Wänden, knallroten Treppengeländern und goldfarbenen Lampen. Die Komposition habe nichts mit „nationalen Überlegungen“ zu tun, sagt Böge. „Es ist einfach eine logische Farbgebung.“ Wenn man auf Schwarz setze, lande man ganz schnell bei Rot. Dazu passe wiederum der Goldton.

Klare zackige Formen beherrschen das Bild im Innern des Hauses. Überall Ecken und Kanten. „Wir arbeiten gerne mit einfacher Geometrie“, sagt Böge. Das sei auch aus praktischen Gründen naheliegend. Die einzelnen Büros durften nicht mehr als 18 Quadratmeter umfassen. Und auch bei Umbauten oder Erweiterungen mache es eine klare Linienführung leichter als weiche Formen. Stolz darauf ist Böge, dass sie es geschafft haben, die Büros der Wissenschaftler immer in der Nähe ihrer Labors zu halten. Die Büros profitieren meist vom lichtdurchflutenden Innenhof, der mit seiner Grasfläche einen ganz anderen Akzent setzt.

Einen Akzent setzt auch ein Detail der Hülle. Wie eine Reminiszenz an gute alte Astronomietage in Potsdam ragt aus der einen Ecke dieses Käfigs die kleine Kuppel eines tatsächlich funktionstüchtigen Teleskops hervor.

Letzteres weiß zum Beispiel der im Haus arbeitende Astrophysiker Frank Spahn zu schätzen. „Man kann damit astrophysikalische Lehre machen und die Grundbegriffe der Navigation vermitteln“, sagt er Das Lehrteleskop sei nur ein Vorteil des jungen Gebäudes. Auch wenn Spahn persönlich einen „altehrwürdigen Klinkerbau“ dem modernen Zweckbau vorziehen würde, findet er ihn für Lehre und Forschung ideal. „Es ist alles gut durchdacht“, sagt er. „Man hat kurze Wege und großzügige Räume.“ Die Konstruktion zeige, dass die Architekten das richtige Maß gefunden hätten.

Auch jetzt, 15 Jahre nach der Arbeit ist Böge mit dem Institutsbau noch zufrieden. Bestärkt wird er zum Beispiel vom Berliner Architekturkollegen Volker Staab, der sich für die benachbarte Bibliothek verantwortlich zeichnet. Ihn hat das Konzept des Nachbarhauses voll überzeugt. Und tatsächlich bildet der „goldene Käfig“ einen tollen Kontrast zum anthrazitfarbenen und kristallartig wirkenden Bibliotheksbau.

Das sieht auch der junge Astrophysiker Philipp Richter so. „Unser Gebäude ist extrem gut gelungen, ästhetisch und praktisch. Sehr hell und großzügig, was für das Arbeitsklima wirklich sehr förderlich ist“, lobt er überschwänglich seinen Arbeitsplatz. Er kenne in Deutschland sonst kein Physikgebäude, „das auch nur annähernd so gut gelungen“. Offiziell bestätigt wird das Lob des Glanzbaus auch von anderer Stelle. 2009 verlieh das Land Brandenburg dem Architekturbüro für sein Physikinstitut den Baupreis des Jahres.

Von Rüdiger Braun

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