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Für Google sind wir Verfügungsmasse

Digitale Welt Für Google sind wir Verfügungsmasse

Internetkonzerne durchleuchten uns. Sie wollen uns als Kunden für viel Geld den zu uns passenden Händlern zutreiben. Der Potsdamer Wirtschaftsinformatiker Key Pousttchi beschreibt, wie diese Konzerne als Zwischenhändler so richtig Kasse machen. Auch Versicherungen sind an unseren Daten interessiert.

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In der digitalen Welt: durchschaubar.

Quelle: Fotolia

Potsdam. Der gläserne Mensch? Für den Professor für Wirtschaftsinformatik und Digitalisierung an der Universität Potsdam ist er Realität. In den USA zumindest, wo jeder mit Kreditkarte bezahlt, lasse sich mit ziemlicher Treffsicherheit vorhersagen, ob zum Beispiel jemand kurz vor der Scheidung steht. Alles, was man braucht, ist das Nutzerprofil der Mastercard. „Im Prinzip geht so etwas relativ einfach“, sagt Key Pousttchi, der in einem auffallend schmucklosen Büro auf dem Campus Griebnitzsee residiert. „Das Erschreckende daran ist gar nicht einmal, dass es geht, das Erschreckende ist, mit wie wenig Daten Sie es machen können.“

Die meisten Leute meinten, aus dem Meer von Daten müsse man mühselig bestimmte Effekte rekonstruieren. Um die Scheidungswahrscheinlichkeit zu ermitteln, muss aber nicht untersucht werden, ob der Mastercard-Besitzer gewisse Etablissements aufsucht oder häufig allein essen geht. Tatsächlich werden automatisch einfach nur Daten von Millionen Kreditkartenbesitzern miteinander verglichen und Muster gesucht.

Vergleicht man zum Beispiel die Kreditkarten von Leuten, die sich haben scheiden lassen, wird man bei genügend vielen Karten irgendwelche ähnlichen Muster in der Datenanalyse finden. Dabei muss man nicht im geringsten wissen, was die Daten genau besagen, es geht nur um Ähnlichkeiten bestimmter Parameter, also um allgemeine Richtgrößen wie die Nutzung an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten oder die Höhe von Ausgaben. Es stellt sich heraus, dass es tatsächlich Übereinstimmungen von geschiedenen Kartenbesitzern gibt. Finde ich ein ähnliches Muster bei einem noch nicht geschiedenen Kartenbesitzer, kann ich je nach Ähnlichkeit die Wahrscheinlichkeit einer baldigen Scheidung voraussagen.

Die Durchleuchter der digitalen Welt

Google – Als größte Datenkrake der Welt bezeichnen Kritiker die am 27. September 1998 online gestellte Suchmaschine. Google entwickelte sich zu einem der größten Unternehmen der Internetbranche. Schon 2012 erwirtschaftete es nach eigenen Angaben einen Gewinn von weit über zehn Milliarden US-Dollar. Doch Google sammelt so rücksichtslos die Daten seiner Nutzer, dass ihm die Bürgerrechtsorganisation „Privacy International“ (PI) 2007 das Prädikat „datenschutzfeindlich“ verliehen hat.

Facebook – So charmant der Gründer des größten sozialen Netzwerkes, Mark Zuckerberg, sich auch geben mag, das von ihm sowie Dustin Moskovitz, Chris Hughes und Eduardo Saverin am 4. Februar 2004 freigeschaltete Facebook steht ständig in der Kritik. Facebook wurde schon von Arbeitgebern verwendet, um das Verhalten von Angestellten zu überwachen. Im November 2008 verlor in der Schweiz, eine eigentlich krankgeschriebene Versicherungsangestellte wegen ihrer Aktivitäten auf Facebook ihre Stelle.

Twitter – Die digitale Echtzeit-Anwendung zum Mikroblogging wurde im März 2006 unter dem Namen „twttr“ gegründet. Die Popularität des Dienstes ist ungebremst. „Ich twittere, also bin ich“ – besonders für Prominente ist dieser Spruch fast zwangsläufig. Twitter hat aber auch im Juni 2012 die Verbindung zum sozialen Netzwerk LinkedIn beendet und damit den Zugriff eines Mitbewerbers eingeschränkt. Außerdem hat das Unternehmen eventuelle Zensur bestimmter Botschaften angekündigt.

Allerdings interessiert Internetkonzerne die Scheidungsrate nur bedingt. Google, Apple, Facebook, Amazon und Paypal wollen eher wissen, was wir als nächstes brauchen oder wollen und wie man uns bewegen kann, dies bei einer bestimmten Marke oder einem bestimmten Händler zu kaufen. Diese Art von Durchleuchtung funktioniert nach dem selben Prinzip. Bedingung für eine gute „Durchleuchtung“: Ich brauche nur eine genügend große Datenmenge der Konsumenten. Deswegen sind die Konzerne bemüht, so viele Daten über den einzelnen Kunden zu erfassen, wie es nur geht, aus allen Lebensbereichen.

„Google würde furchtbar gerne, dass Sie Ihren Kassenbon bei Kaiser’s abfotografieren“, sagt Pousttchi. Um der Supermarktkette anschließend meine Daten zu verkaufen? Wieder so ein Irrtum! „Google verkauft keine Daten, genauso wenig wie Coca Cola sein Limonadenrezept verkauft.“ Aber Google will mir künftig per SMS genau in dem Moment mitteilen, wo es das billigste und frischeste Brot gibt, wenn mein Brot im Schrank zur Neige geht. Und das ist dann vielleicht gar nicht mehr Kaisers, sondern die Bäckerei, die sogar ein paar Meter näher liegt. Frohgemut laufe ich dorthin, kaufe das Brot und freue mich über diesen genialen Service.

„Die Internetkonzerne wollen den Zugang zum Kunden monopolisieren“, sagt Pousttchi. Sie wollen Vermittler zwischen mir und den Händlern werden. Aufgrund meiner früheren Kaufentscheidungen haben sie alles abgeklappert, was für mich in Frage käme und das für mich passendste Angebot ausfindig gemacht. Dem Händler mit dem idealen Angebot treiben sie mich durch jene überraschende SMS als Kunde zu. Das funktioniert alles automatisch mittels raffinierter Software. Diese „Vermittlung“ von Kunden lassen sich Google oder Apple oder Facebook von Händlern teuer bezahlen. „Das Ergebnis wird sein, dass die Gewinnmarge abgeschöpft wird“, sagt Pousttchi „Das betrifft im Grunde jeden, der Produkte oder Dienstleistungen an Endkunden verkauft.“ Aussteigen geht dabei nicht. Wer künftig Internetkonzernen keine Gebühr für diese Kundenvermittlung bezahlt, wird sich über massiven Kundenschwund und den Sieg der Konkurrenz nicht wundern müssen.

Als Geheimwaffe diese Geschäftsmodells kann das Smartphone gelten. Das erlaubt den Internetkonzernen, meine Mails, Kontakte und eine Vielzahl anderer Aktivitäten auszuwerten: die Basis für ein vollkommenes Kundenprofil, für den gläsernen Menschen schlechthin. Auf diese Weise werden die bislang ausschließlich US-amerikanischen Konzerne irgendwann wissen, wann ich denn Lust auf Brot habe und was mir beim Brotkauf wichtig ist.

Eine Bankrotterklärung des Rechtsstaates sei es, dass man kein modernes Smartphone kaufen kann, ohne seine Datenhoheit abzugeben, findet Pousttchi. „Dass die Angebote und Möglichkeiten des Internets nur funktionieren, wenn wir diese Nachteile in Kauf nehmen, ist eine ziemlich dreiste Lüge.“ Selbstverständlich könne man Smartphones auch direkt mit einem Mailserver verbinden. Nur haben sich die Konzerne schon als „Mailvermittler“ dazwischen gesetzt – damit die Daten zuerst über ihre Server geleitet werden. Nun wollen sie auch „Kaufvermittler“ werden. Setzt sich diese Entwicklung fort, so Pousttchi, werde es eng – zuerst im Einzelhandel und bei den Banken. Er schätzt, läuft alles so weiter wie bisher, mit bis zu 20 Millionen verlorenen Stellen in Europa innerhalb der nächsten zehn Jahre. Europa müsse dringend selbst Angebote und Plattformen schaffen, die europäischen Vorstellungen von Verbraucherschutz folgten. Zum Beispiel der, dass die Verbraucher der Suchmaschine bestimmte Daten vorenthalten dürfen.

Neben dem der Beeinflussung des Kaufverhaltens werfe Big Data nämlich noch ganz andere Probleme auf. Auch Versicherungen wollen zum Beispiel meine Daten haben. Im Extremfall bestimmen irgendwann sie, was ich essen oder wie ich Auto fahren muss, wenn ich nicht in einen unbezahlbaren Versicherungstarif rutschen will.

Noch mehr Schauder verbreitet, was der ehemalige CIA-Direktor Michael V. Hayden unumwunden zugegeben hat: Geheimdienste entscheiden schon heute aufgrund eines Datenprofils, ob jemand qua Drohne getötet werden soll.

Von Rüdiger Braun

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