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Krabbeln auf dem Teller

Neue Ernährung Krabbeln auf dem Teller

Insekten könnten in Zukunft wichtige Nährstoffträger unseres Essens werden. Ohne die Tiere wird es sich als schwierig herausstellen, die wachsende Menschheit mit Nahrungsmitteln zu versorgen. In Asien gehören Insekten schon heute zum Teil zum gängigen Fast-Food-Angebot.

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Reine Gewöhnungssache? Heuschrecken könnten auch auf dem Teller eine gute Figur machen – als Proteinlieferanten.Quelle: Fotolia

Potsdam. Wie der Speiseplan des durchschnittlichen Deutschen in etwa zehn Jahren aussehen könnte? Davon hat Manja-Christina Reuter vom Leibniz-Institut für Agrartechnik Potsdam-Bornim (ATB) ziemlich genaue Vorstellungen. Espresso gibt es, klar. Und zwar aus fairem Handel. Die Milch darin stammt von Kühen, denen es gut geht, und der Zucker kommt aus ökologischem Anbau. Es gibt traditionelle, einfache Gemüsesorten wie Kürbis und Kartoffeln. Der Hauptgang jedoch muss mit etwas weniger Fleisch als bisher auskommen – die nötigen Proteine liefern dafür häufiger Hülsenfrüchte wie Bohnen, Erbsen und Linsen oder auch Meeresfrüchte. Und Insekten. Ja, dieses krabbelige kleine Getier, das nicht unbedingt lecker anzusehen ist, aber immerhin als wahrer Proteinprotz von sich reden macht. Heuschrecken zum Beispiel zeichnen sich durch einen besonders hohen Eiweißanteil aus.

„Es kommen diverse Köstlichkeiten auf die Teller“, schwärmt Reuter. Sie ist die wissenschaftliche Koordinatorin des Leibniz-Forschungsverbundes „Nachhaltige Lebensmittelproduktion und gesunde Ernährung“. In diesem Verbund entwickeln Wissenschaftler Modelle und Strategien, wie künftig eine Weltbevölkerung von neun Milliarden Menschen sicher und gesund ernährt werden kann. Insekten als Proteinlieferanten dürften da keine unwesentliche Rolle spielen. Was heute der Burger aus Rindfleisch ist, könnten in Zukunft der Soja-Burger und eben der Insekten-Burger sein, schätzt die Expertin. In den Niederlanden habe es tatsächlich schon erste Marktversuche mit Insekten-Burgern gegeben. In Belgien machen anstelle von Schokoriegeln exotisch anmutende Insektenriegel die Runde. In China gehören Insekten zum gängigen Fast-Food-Angebot. In Deutschland allerdings würden gesetzliche Vorschriften den kleinen Insektensnack für zwischendurch noch verhindern.

Zwei zentralen Fragen gehen die Wissenschaftler nach: Welche Art von Ernährung ist für die Menschen gesund? Und wie können dann die nötigen Nahrungsmittel mit möglichst geringer Umweltbelastung produziert werden? „Insektenproteine lassen sich klimagünstig produzieren“, erläutert Reuter die Vorteile der kleinen Proteinlieferanten. Allerdings sei klar, dass die Wissenschaftler am ATB oder auch beim renommierten Forschungspartner Deutsches Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (Dife) erst einmal Modelle und Ideen entwickeln. Für einen tatsächlichen Erfolg in der Praxis sei man „auf den Austausch mit der Gesellschaft angewiesen“, sagt die Forschungskoordinatorin. Nur so sei zu klären, was die Menschen überhaupt annehmen und kaufen würden.

Die Nestlé Zukunftsstudie „Wie is(s)t Deutschland 2030?“, die im April dieses Jahres von TNS Infratest vorgestellt wurde, hat beispielsweise ergeben, dass sich mehr als die Hälfte der gut 1000 Studienteilnehmer eine Kombination aus gesunder Ernährungsweise und Ressourcenschonung vorstellen könnte. Aus Rücksicht auf Tier und Natur seien dabei auch Eiweißquellen wie Algen und Insekten denkbar.

Gemeinsame Forschung


„Nachhaltige Lebensmittelproduktion und gesunde Ernährung“ ist ein Zusammenschluss von 14 Leibniz-Instituten. Er ging 2012 an den Start.

Manja-Christina Reuter koordiniert seit Mitte 2015 die wissenschaftlichen Arbeiten im Verbund.

Zum Verbund gehören unter anderem das Leibniz-Institut für Agrartechnik in Bornim (ATB), das Deutsche Institut für Ernährungsforschung (Dife) in Rehbrücke, das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (Pik) und das Leibniz-Institut für Gemüse- und Zierpflanzenbau (IGZ) in Großbeeren.

Bei einer kleinen Verkostung innerhalb des Leibniz-Instituts für Agrartechnik erwiesen sich Kekse mit Insekten als dekorativem Topping nicht unbedingt als großer Renner. Aber wenn zum Beispiel verarbeitete Mehlwürmer dem Teig beigegeben werden, finden sie Anklang. Das Bornimer Institut für Agrartechnik will jedenfalls die Forschung in Sachen Insektenproteine ausbauen. Wie können die Nährstoffe aus den verschiedenen Insekten überhaupt extrahiert und für die menschliche Ernährung nutzbar gemacht werden? Wie könnte eine effektive Weiterverarbeitung aussehen? „Darüber gibt es in der Forschung bislang kaum Erkenntnisse“, sagt Helene Foltan vom ATB.

Vor Kurzem erst hat das ATB in Marquardt das Areal der ehemaligen Prüfanlage des Bundessortenamtes übernommen. Hier soll der neue Forschungszweig sein künftiges Zuhause finden. Auch eine Insektenhaltung für Versuchszwecke soll es hier geben. „Für uns eröffnen sich damit Möglichkeiten, die mit einer kontrollierten Tierhaltung verbundenen Aspekte zu erforschen“, so Foltan. „Das Ziel ist eine ressourceneffiziente, klimafreundliche, aber auch sichere Produktion und Verarbeitung von Insekten.“ Da gebe es noch viel für die Forschung zu tun, erklärt Helene Foltan.

Manja-Christina Reuter ist sich sicher, dass es für die Ernährung in der Zukunft nicht darum gehe, die Konsumenten auf Verzicht einzustellen. Aber Veränderungen werde es sehr wohl geben. Diesen Prozess könnte auch der Zuzug von Flüchtlingen beschleunigen. Sie bringen neue Ernährungsgewohnheiten nach Deutschland

Von Ute Sommer

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