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Licht verschleiert Weihnachtsstern

Erleuchtung Licht verschleiert Weihnachtsstern

Advent ist die Zeit des Lichts. Nacheinander werden die Kerzen des Kranzes entzündet und auch sonst strahlt es allenthalben. Aber Licht schafft nicht nur bessere Sicht im Leben. Nicht selten ist das Gegenteil der Fall. Zuviel Leuchten nimmt nicht nur den Blick auf die Sterne. „Lichtverschmutzung“, wie Forscher das Phänomen nennen, sorgt für Schlaflosigkeit und Krankheit.

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Von der Luft aus gesehen, leuchtet Potsdam (hier ein Blick auf das Zentrum) immer heller.

Quelle: FU Berlin

Potsdam. Ein Phänomen wie den „Stern von Bethlehem“ heutzutage am Himmel über einer Stadt wie Berlin oder wohl auch Potsdam überhaupt wahrnehmen zu können, dürfte Schwierigkeiten bereiten. Die unterschiedlich erklärte astronomische Konstellation zu Zeiten Christi Geburts würde übertragen ins Hier und Jetzt bezeichnenderweise in einem Meer des Leuchtens untergehen. „Lichtverschmutzung“ nennen der Physiker Christopher Kyba vom Potsdamer Geoforschungszentrum und viele seiner Kollegen die Erscheinung oder besser Vernebelung.

Rund um den Globus leuchtet es in der Nacht heute mehrere hundert Mal intensiver als noch vor der Einführung des künstlichen Lichts. Geschuldet immer verführerischer glitzernder Einkaufswelten, gleißender Werbebotschaften und mit Lichterketten überladener Häuser wird es gerade kurz vor der „heiligen Nacht“ noch einmal teils um ein Vielfaches heller. „Vor 2000 Jahren mag vielleicht oft Rauch den Blick in die Sterne vernebelt haben, heute ist es oft das Licht selbst“, weiß Kyba, der im Rahmen des fachübergreifenden vom Bund geförderten Forschungsverbandes „Verlust der Nacht“ ein internationales Projekt zur Himmelsbeobachtung ins Leben gerufen hat.

„Die professionelle Astronomie hat sich schon lange in die entlegensten Gebiete der Erde zurückgezogen, den Stadtmenschen wird der Sternenhimmel immer fremder“, sagt Axel Schwope vom Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP), dessen Vorläufer schon vor rund 140 Jahren aus nämlichen Grund von Berlin aus nach Brandenburg auf den Potsdamer Telegrafenberg geflüchtet ist.

Satellitenbilder der Nasa haben kürzlich im Rahmen einer Studie offenbart: In vielen Regionen wird die Intensität der Lichtemissionen im Umfeld von Feiertagen bald verdoppelt. Im Visier hatten die Forscher bei ihrer „Feiertagskurve“ nicht nur die USA zu Weihnachten. Auch der arabische Raum erstrahlt zu Ramadan viel heller als sonst. In Saudi Arabien liegt die Lichtintensität bis zu 100 Prozent höher als sonst. US-Vorstädte leuchten zu Weihnachten und Neujahr um bis zu 50 Prozent mehr als im Jahresschnitt. Manche Ortschaften der Mark mit Einkaufszentren und üppigen Lichtinstallationen an Privathäusern könnten da vermutlich durchaus mithalten.

Hormon-Haushalt gestört

Beim Licht liegen hell und dunkel eng beieinander. Die Erleuchtung erleichtert die Orientierung. Andererseits steht Licht in der Kritik, Krankheitsrisiken zu erhöhen. Aktuell diskutiert werden Schlafstörungen wegen der allgegenwärtigen, auch das Bett nicht auslassenden LED-Displays in Fernsehern, Tablets und Smartphones.

Angekreidet wird dem Leuchten (besonders dem nicht direkt wahrnehmbaren blauen Licht) die Ausschüttung des Hormons Melatonin zu stören. Dabei gilt Melatonin nicht nur als Einschlafhormon. Sein Fehlen kann Risiken für viele Krankheiten erhöhen.

Der Lichtforscher Christopher Kyba hat ein Projekt gestartet, bei dem Smartphone-Besitzer mit Hilfe einer App mitwirken können. Ihre Bilder von Sternenbildern helfen, die Himmelshelligkeit und das Phänomen Lichtverschmutzung näher zu untersuchen.

Internet: www.verlustdernacht.de

Die Lichtverschmutzung schränkt nicht nur den Blick aufs Firmament ein, sie hat auch immense Auswirkungen auf das Leben der Fauna. Verhaltensmuster von Tieren ändern sich, die nächtliche Navigation einiger Arten, Räuber-Beute-Beziehungen geraten aus dem Gleichgewicht, auch die Fortpflanzung soll leiden. Das Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei untersucht Auswirkungen auf heimische Fischarten. Kyba plant im kommenden Jahr eine Studie am Stechlinsee (Oberhavel) mit Hilfe von Beleuchtungsanlagen.

Die Auswirkungen auf den Menschen selbst werden zunehmend eingehender untersucht. Die Folgen für die vermeintliche Zeit der Besinnlichkeit dürften nicht unerheblich sein. Die Ablenkungen des Lichts lassen immer weniger Gelegenheit für anheimelnden Tiefsinn. Auf Dauer viel schädlicher würde aber in der Wissenschaft der zunehmende Verlust des Hormons Melatonin gesehen, dessen Bildung im Gehirn durch Licht gesenkt wird, sagt Kyba. Weithin bekannt sind Folgen wie Schlafstörungen und Gedächtnisschwierigkeiten. Die antioxidierende Wirkung von Melatonin soll aber auch Krebsrisiken senken. Genauso wie bei den Tumorkrankheiten könnte sein Fehlen die Wahrscheinlichkeit für Adipositas und Stoffwechselstörungen insgesamt erhöhen.

Verstärkt werden die gesundheitsgefährdenden Wirkungen noch durch den zunehmenden Trend zu LED-Lampen etwa bei der Straßenbeleuchtung. Die Leuchtdioden sorgen zwar durch ihre zielgerichtetere Erhellung des Straßenraums für weniger Streulicht, erzeugen aber ob ihres Blaulichtanteils immer mehr Sorge vor den gesundheitlichen Folgen. Der Mensch kann dieses Blaulicht bestimmter Wellenlängen zwar nicht wahrnehmen, es soll aber noch wesentlich stärker die Melatonin-Ausschüttung hemmen, als das mehr orange strahlende Licht konventioneller Straßenbeleuchtungen. Studien Kybas haben das besonders bei der stark reflektierenden Wirkung eines bewölkten Nachthimmels gezeigt.

Von Gerald Dietz

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