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Masse-Test in der Raumkapsel

Im Dienste der Wissenschaft Masse-Test in der Raumkapsel

Tausende Freiwillige wirken in der Region an Studien mit, die den Zusammenhang zwischen Ernährung oder Lebenswandel und den Risiken für Krankheiten untersuchen. Die Probanden erhalten nur kleine Aufwandsentschädigungen, stellen sich aber mit Engagement der gesundheitlichen Aufklärung etwa des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam zur Verfügung.

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Forschungskraft nach außen tragen

Studienschwester Sabine Schroeter geleitet Proband Oliver Ladewig zur Untersuchung der Masseverteilung in den Bod Pod .

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Es sieht es so aus, als wolle Oliver Ladewig schwimmen gehen. Mit Badekappe auf dem Kopf und im Slip besteigt der 42-Jährige das „Ei“, wie das Hightech-Gerät in der Ambulanz des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (Dife) in Rehbrücke treffend genannt wird. „Gleich klackert und brummt es wieder“, kündigt Studienschwester Sabine Schroeter beim Schließen der mit einem großen Bullauge versehenen Tür an. Der „Bod Pod“, wie der Hersteller die einer Raumkapsel ähnelnde Apparatur bezeichnet, bestimmt per Messung der Luftverdrängung Fett-, Muskel- und Knochenmasse des Beelitzers (Potsdam-Mittelmark).

Es ist nicht die einzige Prozedur, der sich Ladewig an diesem Morgen unterzieht. Zuvor hat er sich schon einen Zugang legen und sein Blut knapp zwei Stunden lang auf Veränderungen nach wiederholten Schlucken einer Limo mit Süßstoff messen lassen. An anderen Tagen stand auch ein Kalorien-Umsatz- und Fettverbrennungstest unter einer Atemmaske an.

Der Kultur-Assistent ist jetzt seit einigen Monaten Proband des Dife bei einer Studie namens Ilias, bei der es um die Hormon-Freisetzung nach der Einnahme künstlicher Süßstoffe geht. „Ich trinke selbst oft Cola light und weiß wenig um die Wirkung“, sagt Ladewig zu seinen Motiven, sich zu den alle paar Wochen anstehenden Untersuchungen zu begeben. Es geht ihm aber natürlich vor allem darum, „Gutes zu tun“ und bei der Aufklärung ernährungsbedingter Erkrankungen zu helfen.

Der Beelitzer ist einer von aktuell einigen Hundert Probanden, die den Ernährungsforschern helfen, Konzepte etwa zur Diabetes-Prävention, für gesündere Ernährungsmuster oder zur gezielten Einnahme bestimmter Lebensmittel zu testen. Wie am Dife gibt es an weiteren Forschungseinrichtungen viele Studienteilnehmer, die sich für eine geringe Aufwandsentschädigung von vielleicht 20 Euro pro Tag Untersuchungen im Dienste der Wissenschaft stellen.

 

Grundlage vieler medizinischer Ratschläge

Wichtige Daten zu Auslösern sogenannter Volkskrankheiten wie Krebs, Diabetes oder Herz-Kreislaufleiden verdankt die Forschung heute oft der vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung (Dife) mit koordinierten „Epic-Studie“. Die Untersuchung macht den Einfluss von Ernährung, Lebensweise, Stoffwechsel sowie Erbfaktoren auf die Entstehung chronischer Leiden transparenter.

519 000 Studienteilnehmer in zehn Ländern wurden von 23 beteiligten medizinischen Zentren bei der bereits in den 1990er Jahren gestarteten europäischen Studie eingehend untersucht und befragt. Ihre Blutproben und andere Messwerte dienen als Basis vieler Analysen über Volkskrankheiten hinaus. 27 500 Teilnehmer aus dem Raum Potsdam wurden gesondert beobachtet. 15 000 der Probanden in Europa sind inzwischen verstorben. Die Daten über Todesursachen fließen in die Studie ein.

Viele Ratschläge etwa zu ballaststoffreicher Ernährung, mehr Bewegung und Nikotinverzicht, die Warnung vor zu viel rotem Fleisch, sowie Einblicke in den Einfluss des Stoffwechselhaushalts basieren auf der Epic-Studie.

Seit dem vergangenen Jahr ist das Dife auch als eines von bundesweit 18 Zentren Mitorganisator der größten Gesundheitsstudie mit Probanden, die es in Deutschland je gab. Bei der „Nationalen Kohorte“ sollen insgesamt 200 000 Menschen teils über Jahrzehnte der Forschung helfen, die Ausbreitung von Geißeln heutiger Zivilisationen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Demenz, Diabetes und Allergien besser zu verstehen und die Vorbeugung dagegen zu optimieren. 5000 Probanden werden dabei derzeit allein aus Brandenburg für stetige Untersuchungen wie Lungenfunktionstests, Blutdruckmessungen, Blutproben, EKG, der Mundgesundheit, der Sinnesorgane und geistigen Fitness rekrutiert. „Es wird sich bei der Ursachenforschung sowohl um Lebenstil-, genetische als auch um Umwelteinflüsse drehen“, sagt der Leiter des Studienzentrums und Dife-Epidemiologe Matthäus Vigl. Das Potsdamer Dife hat mit solchen Mammutvorhaben jahrelange Erfahrung (s. Kasten).

Gerade angelaufen ist eine Großstudie namens Nutriact mit 500 Probanden unter Leitung des Dife in Kooperation mit weiteren 30 Instituten, bei der es um die Entwicklung neuer Lebensmittel für ein gesundes Altern jenseits der 50 geht. Dabei gehe es darum, typische Erkrankungen, die mit dem sich fortsetzenden Zellenabbau zusammenhängen, durch Nahrung zu beeinflussen, so der Dife-Ernährungsmediziner Andreas Pfeiffer. Auch Hersteller wirken mit. Neben Herz-, Kreislauf, Diabetes- und Muskelleiden wird es um kognitive Erkrankungen wie Demenz oder Alzheimer gehen.

Etwas anderes sind dagegen Studien wie sie mit an Krebs erkrankten Patienten etwa am Ernst-von-Bergmann-Klinikum laufen. 25 solcher Programme mit zum Teil bis zu Hundert Patienten laufen parallel, bei denen es darum geht, neue Medikamente oder Verfahren gegen die Gewebe- und Bluterkrankung zu testen. Zum Einsatz kommen dabei – natürlich nur bei Einverständnis des Patienten – in vergleichenden Untersuchungen bei behandelten Erkrankten bereits in anderen Studien getestete neue Methoden oder Substanzen. Ihre Ungefährlichkeit haben sie bereits zuvor erwiesen. „Ein nicht sicheres Verfahren wird niemals zum Einsatz kommen“, sagt der Chefarzt der Bergmann-Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin Georg Maschmeyer.

Von Gerald Dietz

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