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Die Inquisition in den Worten eines Opfers

Verfolgt und verbrannt Die Inquisition in den Worten eines Opfers

In der Potsdamer Schinkelhalle erlebt ein außergewöhnliches musikalisches Projekt seine Uraufführung. Originaltexte von Luis de Carvajal, einem Opfer der Inquisition in Mexiko, kommen in einer Vertonung des argentinischen Komponisten Osias Wilenski zu Gehör. Initiatorin dieser Aufführung ist Sina Rauschenbach von der Uni Potsdam.

Potsdam . „Meine Liebsten“, schrieb Luis de Carvajal der Jüngere kurz nach seiner Verhaftung an seine Schwestern Leonor und Isabel, „durch ein Wunder bekam ich heute Tinte und Feder, damit ich euch, meine Augäpfel, diese Nachricht schreiben kann. Ich wurde verhaftet durch den Willen und das Urteil der höchsten Autorität und durch eine Anklage von Manuel de Lucena. Um nicht irgendjemanden zu belasten, habe ich nur die Wahrheit über mich selbst bekannt, vertrauend auf Gottes Belohnung.“

Diese und andere Zeilen von Luis de Carvajal des Jüngeren gehören zu den außergewöhnlichsten Dokumenten der spanischen Inquisition aus Sicht eines ihrer Opfer. Noch stärkere Bedeutung erlangen sie, weil sich die Verfolgung in Mexiko zutrug und sich dort – wie immer im Falle der Inquisition – gegen einen äußerlich christianisierten Juden richtete.

Am morgigen  Donnerstag wird diese in Deutschland wenig bekannte Geschichte  in der Potsdamer Schinkelhalle in einmaliger Form präsentiert: „Verfolgt und verbrannt – Mexikos geheime Juden“, heißt die Uraufführung eines Liederzyklus’ des argentinischen Komponisten Osias Wilenski mit Originaltexten von Luis de Carvajal dem Jüngeren. Verantwortlich für die Idee und das Konzept: Sina Rauschenbach, Professorin für Religionswissenschaft und Jüdisches Denken an der Universität Potsdam, und Héctor Pérez-Brignoli, Professor emérito der Geschichte an der Universidad de Costa Rica in San José.

„Natürlich geht es auch darum, die historischen Inhalte, die mich interessieren, an das Publikum heranzutragen“, sagt Rauschenbach. Deshalb werde die Musikdarbietung immer wieder von einem reinem Textvortrag unterbrochen. Rauschenbach ist Kennerin der spanischen Inquisition und Expertin für das iberische Judentum, dem Luis de Carvajal der Jüngere und seine Familie zugehörten. „Vom Mittelalter bis zum 17. Jahrhundert waren die iberischen Juden für Westeuropa sehr einflussreich und stark prägend“, sagt sie.

Die Bedeutung der Sephardim

Sephardim (deutsch: Sepharden) nennen sich die Juden und ihre Nachfahren, die bis zu ihrer Vertreibung 1492 und 1513 auf der Iberischen Halbinsel lebten. Als Kaufleute hatten sie Netzwerke bis in die Kolonien aufgebaut. Sie waren gut über das Christentum informiert und es gab einen starken jüdisch-christlichen Austausch unter den Gelehrten. Die Religionswissenschaftlerin Sina Rauschenbach sieht es als eine ihrer Aufgaben an, das Wissen um die Bedeutung der sephardischen Juden wieder zu aktivieren.


Von den Opfern der Spanischen Inquisition zwischen dem 15. und dem 19. Jahrhundert existieren nur wenige Selbstzeugnisse.  Luis de Carvajal der Jüngere ist eine Ausnahme.

Die in seinen Memoiren, Briefen und seinem religiösen Testament überlieferte Geschichte von Luis de Carvajal dem Jüngeren eigne sich in besonderer Weise für die Vermittlung des Themas. Carvajal war ein Nachfahre einer jüdischen Familie, die noch in Spanien zum Christentum konvertieren musste. Im Geheimen lebte sie aber ihre Religion weiter, stets in  Angst vor der Inquisition. Die hörte selbst dann nicht auf, als Cavajal mit Eltern und Geschwistern einem Verwandten ins heutige Mexiko folgte. Selbst dort gab es Inquisitionstribunale, wenn auch am Ende des 16. Jahrhunderts nur zwei. Und tatsächlich wurde die Familie denunziert. Weil sie sich freiwillig schuldig bekannte, kam sie vorerst mit dem Leben davon. Eine zweite Festnahme etwa fünf Jahre später endete aber mit der Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen. Carvajal selbst starb am 8. Dezember 1596 im heutigen Mexiko-Stadt.

„Die Geschichte zeigt auch, was es heißt, eine geheime Religion zu leben“, sagt Rauschenbach. Carvajal, der in zwei Religionen und zwei Ländern lebte, sei geradezu eine Figur unserer Zeit. „Es entsteht das Bild einer hybriden und multiplen Persönlichkeit“, sagt Rauschenbach. Gerade für die heutigen Potsdamer sei es interessant zu erleben, was es bedeute, wenn jemand zwischen den Kulturen hin- und herwechseln müsse.

Sina Rauschenbach

Sina Rauschenbach

Quelle: Karla Fritze

Das muss auch der 1933 in Buenos Aires geborene Komponist Osias Wilenski gedacht haben, als er die Geschichte 2007 in einer Oper vertonte. Leider kam sie – nicht zuletzt wohl wegen der aufwendigen Besetzung – bislang nicht zur Aufführung. Die Musikliebhaberin und selber Harfe spielende Historikerin Rauschenbach lernte das Werk noch in ihrer Zeit als Wissenschaftlerin an der Universität Konstanz kennen. Schon damals entstand bei ihr die Idee, statt der Oper einen von Wilenski neu vertonten Liederzyklus zur Aufführung zu bringen. Diese Idee brachte sie 2014 nach Potsdam mit, wo sie nun aus dem Etat der Universität und Philosophischen Fakultät mit einem für Konzertverhältnisse recht kleinen Budget umgesetzt wird. Die Konstanzer Aufführung, die im November folgt, wird mithilfe des Exzellenzclusters „Kulturelle Grundlagen von Integration“ finanziert.

Am Donnerstag kommen Tenor Friedemann Hecht und Sprecher Nikola David zum Einsatz. Begleitet werden sie von Mitgliedern des „modern art ensembles“. „Die Musiker sind alle hochprofessionell und hervorragend“, sagt Rauschenbach. Wilenskis eigens für dieses Projekt neu komponierte Musik sei höchst eingängig. „Wilenski war sehr darum bemüht, dass die Musik angenehm klingt.“ Rauschenbach hofft, dass die Potsdamer und die Konstanzer Aufführung nicht die letzten beiden werden. „Vielleicht schaffen wir es sogar bis nach Mexiko“, sagt sie. „Es war einfach zu viel Arbeit, um es nur zwei Mal aufzuführen.“

Info: Donnerstag, 29. Oktober, 20 Uhr (19.30 Uhr Einführung), Schinkelhalle, Schiffbauergasse, Eintritt acht bis 16 Euro

Von Rüdiger Braun

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