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Nachhilfe für das Immunsystem

Firma Vaxxilon ist aus der Forschung am Max-Planck-Institut in Golm hervorgegangen Nachhilfe für das Immunsystem

An Krankenhauskeimen sterben in Deutschland jedes Jahr rund 20 000 Menschen. Hilfe könnte ein Verfahren bieten, das Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Golm erdacht haben und das jetzt bei der Firma Vaxxilon in Berlin-Adlershof in die Praxis umgesetzt wird. Dabei geht es um die Entwicklung preiswerter Impfstoffe.

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Peter Seeberger in seinem neuen Golmer Labor.

Quelle: Friedrich Bungert

Potsdam. Krankenhauskeime, die furchtbare Darminfektionen verursachen, Lungenentzündungen, an denen in Deutschland jährlich rund 20000 Menschen sterben: Der Biochemiker und Direktor am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung, Peter H. Seeberger, kennt die Herausforderungen der Medizin. Für Lungenentzündung gibt es zwar eine Impfung. Aber das Verfahren ist aufwendig, teuer und es schützt nicht vor allen Arten der Krankheit.

Nicht zuletzt dank Seebergers eigener Forschung können wir bestimmte Merkmale der Krankheitserreger nachahmen und mit solchen synthetischen Stoffen das menschliche Immunsystem anregen. Mit anderen Worten: billigere Impfungen rücken in greifbare Nähe. Mit dem Schweizer Pharmariesen Actelion als Partner hat die Max-Planck-Gesellschaft im Juli das Biotech-Unternehmen Vaxxilon gegründet. Der seltsame Name ist eine Anlehnung an das englische „Vaccine“. Das heißt „Impfstoff“. Und Impfstoffe soll Vaxxilon einmal liefern. Unter der Leitung des Geschäftsführers Tom Monroe arbeiten vier ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter aus Seebergers Forschungslabor, zwei indische und zwei koreanische Chemiker in Berlin-Adlershof an der Entwicklung entsprechender Stoffe.

„Man kann sich vorstellen, dass eine Art Zuckerpelz die Zellen von Bakterien und Parasiten umgibt“, erläutert Seeberger die Grundlagen dieser Impfstoffe. Unter „Zucker“ verstehen Biochemiker nicht den Speisezucker, sondern komplizierte Molekülketten, zu denen immer Kohlenstoff-, Sauerstoff- und Wasserstoff-Atome gehören. Nicht zuletzt wegen dieses wasserähnlichen Anteils sind sie auch als Kohlehydrate bekannt. Es gibt Abermilliarden Formen, aber jeder Organismus bildet besondere Formen aus, an denen ihn zum Beispiel auch das menschliche Immunsystem erkennen kann. Seeberger ist es schon in seiner Zeit als Professor am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) gelungen, solche Kohlehy­drate zu synthetisieren. Am Potsdamer Institut wurde dieser Nachbau komplizierter Moleküle perfektioniert. Seit einigen Jahren kann man mit dem Syntheseautomaten Kohlehydrate wie am Fließband produzieren. In den Golmer Labors wurden solche Zucker auch schon auf Eiweiße angeheftet. Das macht sie für das Immunsystem besser erkennbar. Genau dieses Verfahren will Vaxxilon in Berlin zur Herstellung preiswerter Impfstoffe nutzen.

„Wir sind nicht mehr auf das Nachzüchten und Isolieren von Kohlehydraten echter Erreger angewiesen“, sagt Seeberger. Den „Bauplan“ für die Erreger-Kohlehydrate gewänne man zum Beispiel durch Untersuchungen mit dem Massenspektrometer. Dann baue man sie im Labor einfach nach und hefte sie auf ein Trägereiweiß. Genau das macht Vaxxilon in Adlershof. Diese künstlichen Zuckerhüllen von Krankheitserregern werden derzeit an Mäusen und Kaninchen getestet.

„Es läuft sehr gut an“, sagt Seeberger. Bisherige Versuche hätten zu einer Immunisierung der Tiere geführt. In einer nächsten Phase werde geprüft, ob die Impfstoffe Nebenwirkungen haben. Erst dann können sie in die klinische Prüfung gehen, sprich: an menschlichen Patienten getestet werden. Seeberger rechnet, dass nach diesem Verfahren gewonnene Impfstoffe erst frühestens in fünf Jahren auf den Markt kommen. Dass die produzierende Firma nicht in Potsdam, sondern in Adlershof sitzt, bedauert Seehofer selbst.

„Wir hätten sie gerne hier auf dem Wissenschaftscampus gehabt“, sagt Seeberger. „Es besteht weiterhin eine rege Zusammenarbeit zwischen dem Max-Planck-Institut und der Ausgründung.“ Leider habe dafür der Platz auf dem Campus nicht gereicht. Es ist ein Erfolg, dass das Labor und damit vielleicht auch die Produktion in der Hauptstadtregion verblieb.

Sollte das Impfverfahren der Firma Vaxxilon die klinischen Versuche bestehen, zweifelt Seeberger nicht am wirtschaftlichen Erfolg. „Es gibt einen wahnsinnig großen Bedarf“, sagt er. Zum Beispiel gäbe es ständig neue gefährliche Krankenhauskeime. „Das Wichtigste ist, dass viele Impfstoffe herauskommen, die viele Menschenleben schützen werden.“ Und diese Impfstoffe wären wesentlich kostengünstiger als die vorhandenen Produkte.

Vaxxilon ist nicht die erste Firma, die aus Seebergers Forschung entspringt. Unternehmertum betreibt der Wissenschaftler sozusagen als Hobby. „Ich schiebe gerne etwas an“, sagt er. Schon in seiner Zeit in den Vereinigten Staaten hat er zwei Firmen gegründet. Das 2002 entstandene Ancora Pharmaceuticals wurde 2013 verkauft, genau wie die „i2chem“, die von Seeberger entwickelte sogenannte Durchflusschemie zur besseren Synthese komplexer Stoffe industriell umsetzte. Schließlich entstand in Berlin-Dahlem 2013 die Glycouniverse, die den von Seeberger entwickelten Zuckerreaktor sowie künstliche Zucker vertreibt. Und zurzeit verhandelt Seeberger schon wieder über die Gründung einer weiteren Firma. Es sei eine ganz große Sache.

Von Rüdiger Braun

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