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Neuer Präsident der Akademie der Wissenschaften

Digitale Geisteswissenschaft Neuer Präsident der Akademie der Wissenschaften

Der Mathematiker Martin Grötschel ist seit Oktober 2015 der Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er will nicht alles ganz anders machen, aber einige neue Akzente setzen. Beispiel: Big Data.

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Martin Grötschel ist Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Quelle: Judith Affolter

Potsdam. Martin Grötschel (67) ist der neue Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.


MAZ:
Herr Professor Grötschel, haben Sie sich schon in Ihre neue Aufgabe eingearbeitet?

Martin Grötschel: Ja natürlich. Ich bin ja schon 20 Jahre Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, ich war 15 Jahre im Vorstand und bin vor einem Jahr gewählt worden, so dass ich viel Vorbereitungszeit hatte. Insofern konnte ich direkt in die Arbeit einsteigen.

Werden Sie als neuer Präsident alles ganz anders machen?

Grötschel: Man kann in einer Wissenschaftsakademie nicht alles ganz anders machen. Wir haben 25 Langzeitprojekte, unter denen das älteste, die Inscriptiones Graecae, schon 200 Jahre läuft. Einige laufen 150, einige immerhin 60 Jahre. Da können Sie nicht einfach einen Hebel umlegen. Ich werde aber doch gezielt auch neue Schwerpunkte setzen, vor allem werde ich mich besonders für das einsetzen, was wir „Digital Humanities“ – digitale Geisteswissenschaften – nennen.

Können Sie das erklären?

Grötschel: Es geht um den Einsatz von Mathematik und Informatik bei den Geistes- und Sozialwissenschaften, um dort zu noch besserem Erkenntnisgewinn beizutragen. Eine wichtige Einrichtung der Akademie ist zum Beispiel das Zentrum Sprache. Dazu gehören das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache, das Deutsche Textarchiv und andere Wörterbücher, die alle im Netz bereitstehen. Wir wollen letztlich ein Zentrum der digitalen Lexikographie einrichten. Ein zweites Thema sind digitale Editionen. Editionstätigkeit gehört zu den traditionellen Arbeiten der Akademien, aber die digitale Editionstätigkeit ist eine zusätzliche neue und informationstechnisch schwierige Herausforderung.

Wie kann das Digitale mehr Erkenntnisgewinn schaffen?

Grötschel: Nehmen wir die Sprache. Wie viele Wörter hat die deutsche Sprache, was glauben Sie?

Etwas über 300 000?

Grötschel: 300 000 ist eine typische gute Antwort. Wenn ich Ihnen aber sage, dass Goethe allein 93000 Wörter benutzt hat, dann merken Sie, dass 300 000 nicht ausreichen. Inzwischen hat unsere Akademie ermittelt, dass die deutsche Sprache ungefähr fünf Millionen Wörter hat. Das kann man von Hand nicht mehr bearbeiten. Wir haben stattdessen riesige Datenbestände aus elektronisch vorliegenden Texten, Zeitungen, Belle­tristik, Fachliteratur und eingescannten Büchern gesammelt und haben aus diesen herausgefiltert, welche Wörter in der deutschen Sprache vorhanden sind. Diese werden anschließend einzeln bearbeitet. Jetzt wollen wir elektronisch unter anderem herausfinden, was eigentlich der zentrale Korpus der deutschen Sprache ist oder wie sich Schreibweise und Nutzung der Wörter im Laufe der Zeit verändert haben. Die Texte, die wir dafür als Grundlage verwenden, umfassen Milliarden von Wörtern. Das kann nicht mehr auf herkömmlichem Wege bearbeitet werden, das geht nur digital.

Gibt es weitere Neuerungen?

Grötschel: Eine neue interdisziplinäre Arbeitsgruppe heißt „Internationale Gerechtigkeit – Institutionelle Verantwortung“. Wir analysieren dabei globales Handeln und globale Vernetzungen, die Einfluss auf unser Leben nehmen. Die Frage heißt: Wie wollen Sie Gerechtigkeit bei internationalem Handeln definieren? Was ist akzeptabel? Hier spielen juristische, soziologische und auch technische Komponenten eine Rolle. Es ist eine besondere Stärke der Akademie, sich mit solchen interdisziplinären Fragen zu beschäftigen.

Hat die Akademie noch mehr von diesen zeitgemäßen Themen?

Grötschel: Wir starten jetzt zum Beispiel das neue Projekt „Historische Gärten im Klimawandel“. Wir fragen uns in Zusammenarbeit mit der Preußischen Stiftung Schlösser und Gärten, welche Auswirkungen der Klimawandel in unserer Region und ganz konkret auf die hiesigen Parkanlagen hat.

Durch ein solches Projekt wirken Sie in die Gesellschaft hinein.

Grötschel: Ich bin der Meinung, dass es praktisch keine Frage von größerer Bedeutung gibt, die ohne wissenschaftliche Bearbeitung sinnvoll beantwortet werden kann. Wir sind zum Beispiel Partner im großen Projekt „Energiesysteme der Zukunft“, das von mehreren Akademien getragen wird. Wir versuchen hier Szenarien zu entwickeln, wie wir in 30 bis 50 Jahren Energie nachhaltig und ohne CO2-Ausstoß erzeugen können. In diesem Projekt werden technische ebenso wie gesellschaftliche Probleme behandelt.

Wo sehen Sie gesellschaftliche Auswirkungen der Berlin-Brandenburgischen Akademie selbst?

Grötschel: Ich denke, unser Gentechnologiebericht ist ein gutes Beispiel. Wir beschreiben schon seit zehn Jahren im Detail, was Gentechnologie leistet, ihre Chancen und Risiken. Ein weiteres gutes Beispiel ist unser früheres interdisziplinäres Projekt „Gesellschaft – Wasser – Technik“. In diesem Projekt fragten wir nach den gesellschaftlichen Implikationen von Wassermangel und nach technischen Lösungen. Das ist ein Thema, das nicht nur für Brandenburg, sondern global von Bedeutung ist.

Und was bietet die Akademie für die interessierten Laien an?

Grötschel: Eine Menge! Wir machen zum Beispiel Schulvorträge in Brandenburg. Ich selbst bin in diesem Winter an fünf brandenburgischen Schulen und spreche eineinhalb Stunden über mein Fach. Ich werde über die Bedeutung der Mathematik im Verkehr sprechen. In Potsdam haben wir zum Beispiel das Verkehrssystem mit optimiert und zusammen mit den Verkehrsbetrieben Potsdam über Linien- und Netzplanung sowie Taktung der Fahrzeuge gesprochen, um einen möglichst guten Transport zum vernünftigen Preis anbieten zu können. Wenn man so etwas erzählt, sind Schüler immer perplex, wie stark Mathematik in den Alltag hineingreift.

Von Rüdiger Braun

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