Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -3 ° Regen

Navigation:
Forschungspark mit Weltruhm

Einzigartige Planung Forschungspark mit Weltruhm

Der Telegrafenberg in Potsdam hat nicht nur Forschungsgeschichte geschrieben sondern auch eine immense politische und philosophische Bedeutung. Das Ensemble auf einem Hügel in der Landeshauptstadt genießt manchmal noch zu wenig Wertschätzung, hätte aber das Zeug Weltkulturerbe zu werden

Voriger Artikel
Weinrot geht immer gut
Nächster Artikel
Einstürzende Bauten und Autojagden

Einer englischen Parkanlage nachempfunden: Der Telegrafenberg mit seinen verschiedenen Instituten.

Quelle: Lutz Hannemann

Potsdam.. Die Idee, die den Planern vorgeschwebt haben mag, lag schon mehr als ein Jahrhundert quasi zu Füßen des Hügels. So wie sich in Sanssouci die feudale Macht in weitläufigen Parkanlagen repräsentierte, sollte offenbar gegen Ende des 19. Jahrhunderts dem ein neues Refugium der Wissenschaft auf dem Telegrafenberg gegenübergestellt werden. Wie Tempel verteilen sich die zumindest in den Anfängen samt und sonders nach Mustern der sogenannten Schinkelschule entworfenen Bauten auf der Anhöhe.

Das zumindest in der Startphase quasi einheitliche Design hat einen Grund: Die in ihnen thematisierten Forschungsdisziplinen umkreisen in der weitläufigen Parkanlage auf dem „Berg“ mitten in Potsdam in ihrer Art alle den Planeten Erde – ob es nun seine Stellung im All bei den Astrophysikern ist oder das Geschehen in seinem Inneren bei den Geologen.

„Das hat es so vorher nicht gegeben“, schwärmt Roland Bertelmann, Leiter der gemeinsamen Bibliothek des heutigen Wissenschaftsparks Albert Einstein. Ein ganzes Ensemble verschiedener Forschungsinstitute in einer nach Vorbild englischer Landschaftsgärten gestalteten Parkanlage – ein derartiger Wissenschaftskomplex dürfte wohl auch heute noch weltweit seinesgleichen suchen.

 

Telegraf Nummer 4

Seinen Namen erhielt der Telegrafenberg mit der Einrichtung einer damals revolutionären, vor allem kriegstechnisch wichtigen Nachrichtenübermittlung, der aber durch weitere Fortschritte nur ein kurzes Leben beschert war. Der Hügel beherbergte eine 1832 errichtete optische Telegrafenstation der „Preußischen Staatstelegrammlinie“ zwischen Berlin und Koblenz.

Der eigentliche
Telegraf, die Station Nummer 4 von insgesamt 61, bestand aus einem rund sechs Meter hohen Mast mit drei Flügelpaaren, deren Stellungen knapp 4100 Zeichenkombinationen erlaubten.

Mit der Einführung der Funktelegrafie 1849 wurde die Staatsdepeschen vorbehaltene Telegrammlinie bereits 1852 wieder eingestellt.

Die Astronomie thronte mit dem Ende der 1870er Jahre zuerst erbauten Astrophysikalischen Observatorium – dem späteren Michelson-Haus und heutigen Sitz des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) – ganz oben in 94 Metern Höhe. Darunter und später in direkter Nachbarschaft entstanden nach und nach bis zum Ende des 19. Jahrhunderts: das Geodätische Institut, heute Helmerthaus und zum Geoforschungszentrum (GFZ) zählend, das dazugehörige Geodätische-Astronomische Observatorium um den Helmertturm, das Magnetische Observatorium (heute GFZ), das als Süring-Haus firmierende Meteorologische Observatorium (aktuell PIK) und der große Refraktor mit dem bis heute weltweit nur selten übertroffenen Linsenteleskop. Der Einsteinturm, der wie der Refraktor zum Leibniz-Institut für Astrophysik zählt und mit expressionistischen Mitteln revolutionär gestaltet ist, kam Anfang der 1920er Jahre hinzu. Er interpretiert schon als Bauwerk die in Potsdam aufgeschlossenen neuen Dimensionen der Forschung von Raum und Zeit. Jahrzehnte später entstanden dann die Bauten der Polarforscher des Alfred-Wegener-Instituts und neue Komplexe für das GFZ und PIK. Mit Zisternen, Brunnen und anderem wurde selbst unter der Erde schon zu Beginn ein verzweigtes Netz angelegt, das Geodäten beste Bedingungen für ihre Forschung schuf und aktuell um Säle für die Supercomputer des PIK erweitert wurde.

Ging es für die Forscher der zuvor in Berlin angesiedelten Forschungsinstitute Ende des 19. Jahrhunderts vor allem darum, ihre Beobachtungen und Messungen ungestörter von den Umwelteinflüssen der wachsenden Metropole durchführen zu können, hatten die Planer unter dem Eindruck des gerade gegründeten Kaiserreichs vermutlich anderes im Sinn. Die Staatsmacht erwartete vor allem eine imponierende Repräsentation des neuen Preußens in Form von Wissenschaft. An Geld sollte es nicht fehlen. In die nach Plänen des Oberbaudirektors Paul Emanuel Spieker gestalteten, mit Borten versehenen Klinkerbauten des Telegrafenbergs flossen reichlich Mittel aus den Reparationszahlungen Frankreichs nach dem 1871 verlorenen Krieg. „Den Stolz des jungen Kaiserreichs zu zeigen, war wohl das Ziel“, sagt Diedrich Fritzsche vom Potsdamer Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, für das derzeit Erweiterungsbauten errichtet werden.

„Mit dem weltberühmten Forschungshügel formte sich auch der Charakter von Wissenschaft, wie wir sie heute verstehen“, sagt Bibliotheksleiter Bertelmann. Wo möglich, treffen sich die einzelnen Disziplinen inhaltlich, was auch ein neues Gefühl von Zusammengehörigkeit schafft. Das neue Verständnis habe so auch ein neues Bewusstsein mit sich gebracht, meint PIK-Chef Hans-Joachim Schellnhuber. Statt purer Beschreibung von Naturphänomen seien Forscher auch versucht gewesen, sie zu verändern.

Aktuell zeigen sich Forscher etwas enttäuscht über die relativ geringe Wertschätzung, die der einzigartige Telegrafenberg gegenüber den stets beworbenen Schlössern und Gärten in Politik und Öffentlichkeit genießt. „Man könnte aus der weltweiten Bekanntheit mehr machen“, so GFZ-Chef Reinhard Hüttl: „Der Telegrafenberg wäre ein Kandidat für die Anerkennung als Weltkulturerbe.“

Von Gerald Dietz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Studium & Wissenschaft

"Herr Professorin": Sind weibliche Berufsbezeichnungen auch für Männer sinnvoll?

MAZ Sportbuzzer
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg