Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 3 ° Regenschauer

Navigation:
Das Oxford von Deutschland

Potsdam: Stadt der Wissenschaften Das Oxford von Deutschland

Potsdam hat deutschlandweit die höchste Dichte an Wissenschaftlern. Sie versuchen gemeinsam mit dem Stadtmarketing, die Landeshauptstadt als Wissenschaftsstadt bekannt zu machen – bislang allerdings mit eher gebremstem Erfolg.

Potsdam 52.3905689 13.0644729
Google Map of 52.3905689,13.0644729
Potsdam Mehr Infos
Nächster Artikel
Suffizienz: Genug zum guten Leben

Das Bildungsforum mit Stadt- und Landesbibliothek bringt auch die hiesige Wissenschaft ins öffentliche Bewusstsein.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. In vollen Reisebussen kurven Japaner durch den Campus Golm und lassen sich die Architektur der neuen Universitätsgebäude erklären? Uta Herbst, die sich als Professorin für Marketing an der Universität Potsdam auch viel mit der Wirtschaftsform Tourismus befasst, findet die Vorstellung eher belustigend. „Japaner fahren nicht wegen den Hochschulgebäuden nach Potsdam, die fahren wegen der Schlösser dorthin.“ Daran solle man auch nicht zu rütteln versuchen.

Andererseits zweifelt Herbst aber nicht daran, dass Potsdam sich künftig viel stärker als Wissenschaftsstadt vermarkten muss, wenn es sich weiterhin gut entwickeln soll. „Die Wissenschaft muss gedeihen, damit der Standort gedeiht“, sagt sie. Denn Wissenschaft bringe Innovation. Viel Luft nach oben gäbe es zum Beispiel bei der Vermarktung Potsdams als Ort internationaler Konferenzen. „Es ist mit seinen Schlössern und Seen eine höchst inspirierende Umgebung.“ Gerade für Wissenschaftskonferenzen sei das ideal. Und natürlich könnten Potsdam-Besucher im Einzelfall auch für Vorträge im Bildungsforum oder im Einstein Forum gewonnen werden.

Dass Wissenschaft als Tourismusfaktor nicht ganz abwegig ist, findet auch Franz Ossing, Sprecher des Geoforschungszentrums (GFZ) Potsdam. „Zum Teil haben wir das schon“, sagt er. „Der Telegrafenberg kann auch besucht werden.“ Programme haben zum Beispiel die Urania Potsdam und der „Freundeskreis Großer Refraktor“. „Vor allem an Schulen richtet sich der Besuchsdienst des GFZ“, sagt Ossing. Diese Gruppen seien Teil des GFZ-Programms „Wissenstransfer in die Schulen“. Das Institut will damit nicht nur Interesse an der Wissenschaft wecken. Ein Hauptziel sei auch der Gewinn von wissenschaftlichem Nachwuchs. Natürlich könnten solche Besuche nur in Maßen stattfinden. „Wir haben nicht die Kapazitäten für mehr Führungen“, so Ossing. Und selbstverständlich dürfe der Wissenschaftsbetrieb selbst nicht gestört werden.

Wissenschaft als Tourismusfaktor könnte sich auch der Manager des Wissenschaftsparks Potsdam-Golm, Friedrich Winskowski, vorstellen, aber nur, „wenn es eine Attraktion unter anderen wäre“. Wissenschaft eigne sich nicht als primäres Tourismusziel, sondern als Ergänzung eines Gesamtprogramms. „Es wird ja zum Teil schon jetzt von den Stadtführern angeboten“, sagt Winskowski. Publikumswirksame Veranstaltungen seien die „Potsdamer Köpfe“ oder „Der Tag der Wissenschaften“. Einzelne Institute hätten immer wieder „Tage der Offenen Tür“. Trotzdem sei noch Luft nach oben. In Potsdam gebe es schon das nächtliche Einkaufserlebnis der „Erlebnisnacht“ und das Produktionserlebnis in der gläsernen Fabrik von Katjes, „Warum nicht auch das Wissenschaftserlebnis mit Wissenschaft zum Anfassen? Die Ressourcen sind zurzeit nicht riesig, aber Potenzial ist bestimmt vorhanden“, meint Winskowski.

Die Wissenschaftseinrichtungen selbst haben aber ein ganz anderes Interesse als Tourismusmarketing. Ihnen geht es um Vermarktung des Wissenschaftsstandorts Potsdam, um zum Beispiel Investoren, Partner aus der Industrie oder weitere Einrichtungen hierher zu locken. Reinhard Hüttl, Leiter des GFZ, sagt zum Beispiel, dass die bisherigen Maßnahmen der Stadt für ein ordentliches Wissenschaftsmarketing noch nicht so recht griffen. Hinweisschilder über die Wissenschaftsroute in den Straßen seien schön und gut: „Wir bemerken aber trotzdem eine eher rückläufige Wahrnehmung in der Bevölkerung“, sagt Hüttl.

Die Wirtschaft fehlt


Mehr als 40 wissenschaftliche Einrichtungen gibt es in Potsdam und in der näheren Umgebung. Rund 9000 der in Potsdam Arbeitenden finden dort eine Beschäftigung, sodass Potsdam deutschlandweit die höchste Dichte an Wissenschaftlern hat.

Gut 25 000 Studierende der Universität, Fachhochschule und Filmuniversität kommen noch hinzu.

Ein Versuch,
als Wirtschaftsstandort aufzuwerten, war das 2007 eröffnete Technologie- und Gründerzentrum Go-In. Zwar zogen tatsächlich zahlreiche technologiebasierte Startup-Unternehmen dort ein, doch ging die Rechnung von Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) nicht auf, dass sich private Investoren fänden, die ein weiteres Gründerzentrum hochziehen würden.

Die Stadt will jetzt das Projekt „Go-In II“ doch in die eigenen Hände nehmen. Das wird zwar Geld kosten, aber verhindern, dass junge Firmen nach Berlin abziehen.

Dabei sei es gerade in einem Land, das sich als Exportnation verstehe, hochattraktiv, eine Stadt als Wissenschaftsstandort zu präsentieren, meint Hüttl. „Man müsste das stärker bekannt machen“, sagt Hüttl. Ein Medium für internationales Wissenschaftsmarketing sei zum Beispiel das Netzwerk Geo X, in dem seit fünf Jahren alle Potsdamer und Berliner Geoinstitute und -wissenschaftler zusammenarbeiten. „Geo X umfasst gut 2300 Mitarbeiter und gut 3000 Studierende.“ Das Netzwerk suche durch Veranstaltungen den Dialog mit der Gesellschaft und allen Interessierten. „Für die Stadt ist es sehr interessant“, sagt Hüttl.

Als Wissenschaftskommunikator der Stadt versteht sich der Verein ProWissen. „Unser Ziel ist es, Wissenschaft in der öffentlichen Wahrnehmung noch stärker zu verankern“, sagt dessen Geschäftsführerin Simone Leinkauf. Dabei ginge es aber nicht um die Wahrnehmung Potsdams in der Welt, sondern vor allem um den einfachen Bürger auf der hiesigen Straße selbst. Leinkauf sieht hier schon Erfolge. Der „Tag der Wissenschaften“ Am Neuen Palais Anfang Mai mit Einrichtungen aus Potsdam selbst aber auch aus dem Umland hätte mindestens 8000 Besucher angezogen. Auch die Wissenschaftsetage im Bildungsforum sei mit ihrem Veranstaltungsprogramm inzwischen gut etabliert. Neben den Vorträgen der „Potsdamer Köpfe“ würden auch die „Schülerakademien“ stark nachgefragt.

„Ich wünsche mir, dass wir in zehn Jahren als das Oxford oder Cambridge von Deutschland wahrgenommen werden“, sagt Leinkauf. Das sei eher eine Sache des öffentlichen Bewusstseins als der weiteren Entwicklung, denn mit acht Leibniz-Preisträgern und dem Nobelpreisträger Carlo Rubbia am Institut für Nachhaltigkeitsstudien sei die kritische Masse an fähigen Wissenschaftlern längst vorhanden. Leicht sei das Image einer Wissenschaftsstadt allerdings nicht durchzusetzen, denn die beiden anderen Bereiche – Schlösser und Film – dominierten nach wie vor die öffentliche Wahrnehmung.

Tatsächlich ist die Ausgangslage gelinde gesagt problematisch. In einer durchaus repräsentativen Untersuchung, die das Rathaus 2010 gestartet hatte, sagten nur 37 Prozent der Befragten, ja, Potsdam sei eine Stadt der Wissenschaft. Das wichtigste Merkmal, mit dem die Bürger ihre Stadt verbinden, sind und bleiben die Schösser und Gärten. Für 96 Prozent aller befragten Potsdamer ist ihr Wohnort die Schlösserstadt schlechthin. Und immerhin gut 80 Prozent fanden, Potsdam sei vor allem eine „Stadt am Wasser“.

Manager wie Friedrich Winskowski fordern deshalb mehr Engagement der Stadt. Der Standort Golm zum Beispiel müsse weiterentwickelt werden. „Der Bau eines zweiten Go-In kann nur der Anfang im Hinblick auf die tatsächlichen Flächenbedarfe sein“, sagt Winskowski. Er sieht auf dem Golmer Areal mit seinen herausragenden Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten enorme Möglichkeiten für „Arbeit, Produktion und Steuereinnahmen“.

Inzwischen hat auch die Landesregierung erkannt, dass die Potenziale der Landeshauptstadt nicht ausgereizt werden. Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) hat eine „Taskforce“ gebildet, die die Ansiedlung von Unternehmen im Wissenschaftspark vorantreiben soll. Heide Schinowsky, wirtschaftspolitische Sprecherin der Bündnisgrünen, kritisiert das später Erwachen der Landesregierung. Das Problem fehlenden Gewerberaums auf dem Wissenschaftspark sei der Politik „seit Jahren bekannt“. Geändert habe sich nichts. Jetzt müssten neue Maßnahmen zur Entwicklung des Standortes schnell umgesetzt werden.

Von Rüdiger Braun

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Studium & Wissenschaft

"Herr Professorin": Sind weibliche Berufsbezeichnungen auch für Männer sinnvoll?

MAZ Sportbuzzer
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg