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Resistente Erreger: Die Gefahr steckt im Keim

Antibiotikaresistenzen Resistente Erreger: Die Gefahr steckt im Keim

Erreger, die gegen Antibiotika resistent sind, erschweren die Behandlung von bakteriellen Infektionskrankheiten. Solche Keime werden meist von Mensch zu Mensch übertragen. Es passiert aber auch über den Kontakt zu Tieren und tierischen Produkten. Erst kürzlich wurde ein Keim mit neuen gefährlichen Eigenschaften entdeckt.

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Eine Petrischale mit MRSA-Keimen, die zu den wichtigsten Erregern von Infektionen in Kliniken zählen.

Quelle: dpa

Potsdam. Es waren beunruhigende Nachrichten, die Tim Eckmanns vom Berliner Robert Koch-Institut (RKI) Ende Dezember erreichten. In Dänemark wurde bei Hähnchen ein Keim festgestellt, der eine neue Variante einer Resistenz aufweist. Colistin – ein Antibiotikum, das in der Medizin bei bestimmten Infektionen eingesetzt wird, wenn vieles andere schon nicht mehr hilft – kann dem Keim nichts anhaben. Und mehr noch: Seine Colistin-Resistenz ist leicht übertragbar.

„Man kann sich das wie ein kleines Virus vorstellen, das huckepack auf dem Keim sitzt und ganz einfach von einem Bakterium auf ein anderes übertragen werden kann“, erklärt der Mediziner Eckmanns. So können die unantastbaren Keime auch ihren Weg zum Menschen finden. Resistenzen erschweren die Behandlung von bakteriellen Infektionskrankheiten, weil sie Antibiotika ausschalten. Die neue Art der Verbreitungsmöglichkeiten eines Keims hält Eckmanns für „problematisch“. Für ihn ist der Fall ein Beleg dafür, dass Antibiotikaresistenzen ein Problem der Tier- und der Humanmedizin sind. Erreger, die gegen bestimmte Antibiotika immun sind, würden zwar am häufigsten von Mensch zu Mensch übertragen. Aber es würden auch resistente Keime durch den Kontakt zu Tieren oder tierischen Produkten aufgenommen. Diese Resistenzen können entstehen, wenn Antibiotika im Stall genutzt werden.

Beispiel Colistin: Als ein sogenanntes Reserveantibiotikum, das bei der Behandlung von Infektionen mit Enterobakterien die letzte Chance sein kann, sollte es nach Meinung von Eckmanns nur in der Humanmedizin genutzt werden. Stattdessen wird es seit Jahren in der Tierhaltung eingesetzt. „Da hat es nichts zu suchen – erst recht nicht in der Massentierhaltung“, mahnt Eckmanns, der am RKI das Fachgebiet für Surveillance von Antibiotikaresistenzen leitet. Weniger Antibiotika in den Ställen ist auch eine Forderung des Aktionsbündnisses Agrarwende Berlin-Brandenburg, das ein „Volksbegehren gegen Massentierhaltung“ gestartet hat. Brandenburger können bis zum 14. Januar per Unterschrift das Volksbegehren unterstützen. 80 000 Unterschriften sind insgesamt nötig.

Vom Tier zum Menschen

Auf drei Wegen können Keime aus der Tierhaltung zum Menschen gelangen: durch direkten Kontakt mit Nutz- oder auch Haustier; über den Verzehr von tierischen Lebensmitteln; durch den Ausstoß von Keimen in die Umwelt – etwa über Abluft oder Gülle.

Wichtig ist die Hygiene beim Schlachten. Schweine werden mit großer Hitze bearbeitet, die Erreger abtötet. Rinder verlieren mit ihrem Fell auch Keime. All das fällt beim Geflügel weg. Daher sollten Verbraucher kein rohes Geflügelfleisch essen.

„Größere Tierbestände führen sehr häufig dazu, dass mehr Antibiotika gegeben werden“, so Eckmanns. Wenn einige Tiere krank sind, sei es schwer, sie herauszufinden. Also würden alle Tiere therapiert. Die Größendebatte relativiert Bernd-Alois Tenhagen, stellvertretender Leiter der Fachgruppe Antibiotikaresistenzen am Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Die einfache Regel „kleiner ist besser“ funktioniere nicht. Analysen in Nordrhein-Westfalen hätten in der Geflügelhaltung „keine lineare Beziehung zwischen der Größe der Tierbestände und der Antibiotikagabe“ gezeigt. In kleinen Beständen kamen wenig Mittel zum Einsatz, in mittleren Beständen schon deutlich mehr und in großen Anlagen wieder weniger.

Bei jeder Antibiotikagabe lässt sich im Darm des Organismus ein deutlich gestiegener Anteil von resistenten Keimen nachweisen. Denn, so Tenhagen, „das Antibiotikum räumt alles ab, was sich ihm in den Weg stellt“. Was bleibt, sind die resistenten Keime. Später pegelt sich das Gleichgewicht wieder ein. Die resistenten Keime konnten während der Behandlung aber auch ihre Eigenschaft weitergeben. Tenhagen fordert: „Wir müssen vorsichtiger mit den Substanzen umgehen wegen der Nebenwirkung und der Resistenzentwicklung.“

Diese Erkenntnis setzt sich in Deutschland durch. 2011 gingen 1706 Tonnen Antibiotika an Tierärzte. 2014 waren es nur noch 1238 Tonnen. Gesunken ist laut BfR auch der Anteil von ESBL-bildenden Keimen bei Masthähnchen. Gegen sie ist ein breites Spektrum von Antibiotika unwirksam. Die Humanmedizin liefert ebenfalls gute Nachrichten. Der Anteil multiresistenter MRSA-Keime – Ursache vieler Krankenhausinfektionen – lag 2014 in Deutschland bei knapp zwölf Prozent. 2010 waren es laut RKI noch 22 Prozent. Hysterie sei nicht angesagt, meint Eckmanns vom RKI. Es gehe darum, allen Beteiligten ihre weitreichende Verantwortung klarzumachen. „Wenn wir billige Hühnchenreste nach Afrika exportieren, hat das nicht nur Einfluss auf die dortigen Marktstrukturen“, sagt Eckmanns. „Wir schicken womöglich auch Erreger auf die Reise.“

Von Ute Sommer

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