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Skelett gibt Auskunft über Vergangenheit

Einwanderung vor Jahrtausenden Skelett gibt Auskunft über Vergangenheit

Potsdamer Gen-Forscher untersuchen derzeit ein 4500 Jahre altes Skelett aus Äthiopien. Die Knochen geben Auskunft darüber, dass große Wanderungsbewegungen seit Urzeiten Bestandteil der Menschheitsgeschichte sind und Spuren in den Erbanlagen hinterlassen.

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In einer Höhle im äthiopischen Hochland wurde das Skelett gefunden.

Quelle: John W. Arthur

Potsdam. So dreht sich der Wind der großen Menschheitsgeschichte. Heute fliehen Menschen aus dem Nahen Osten zu Hunderttausenden gen Nordeuropa, vor 3000 Jahren wanderten viele aus ungefähr derselben Region wieder nach Afrika, der eigentlichen Wiege der Menschheit, und beeinflussten dort den Genpool noch bis in die Südspitze des Kontinents.

Wie stark der Zustrom aus dem Nahen Osten nach Afrika gewesen sein muss, darüber gibt ein im äthiopischen Mota gefundenes Skelett Aufschluss, das ungefähr 4500 Jahre alt und genetisch nah verwandt mit der auch in Äthiopien beheimateten Volksgruppe der Ari ist. Dieses Skelett ist ausgerechnet noch nicht von den anschließenden Genvarianten der großen Rückwanderung betroffen und könnte so für die Anthropologen  zum Maßstab für genetische Veränderungen ab dem ersten Jahrtausend vor Christus werden.

„Das Skelett ist schon eine Art Leitfund“, sagt Michael Hofreiter, Professor für evolutionäre adaptive Genomik an der Universität Potsdam, der an der Analyse und Deutung des Fundes beteiligt war. Dabei sei eigentlich gar nicht so sehr der Umstand bemerkenswert, dass dieser Mensch noch vor der Zeit jener großen Rückwanderung nach Afrika gelebt hatte, als vielmehr derjenige, dass das bei Mota in einer Höhle ausgegrabene Skelett  das erste menschliche Skelett aus Afrika war, das überhaupt jemals vollständig sequenziert wurde. „Ausgebuddelt wurde schon relativ vieles“, sagt Hofreiter. Ein vollständiges Genom solcher Funde war aber bislang nicht erstellt worden. Für die Bergung des Skelettes und der vollständigen Sequenzierung des genetischen Materials zeichnet eine Gruppe von knapp 20 internationalen Wissenschaftlern verantwortlich, darunter eben auch Hofreiter. Aufgrund der Bedeutung dieser erstmaligen genetischen Auswertung afrikanischer menschlicher Überreste konnte die Gruppe am 8. Oktober einen Artikel im renommierten Magazin „Science“ veröffentlichen.

„Die Kernthese ist, dass wir aufgrund des Genoms dieses Skeletts feststellen konnten, dass vor etwa 3000 Jahren Menschen aus dem Nahen Osten nach Afrika ausgewandert sind und ihre genetischen Spuren in ganz Afrika hinterlassen haben“, sagt Hofreiter. Die meisten genetischen Spuren dieser Einwanderer fänden sich in Äthiopien selbst. Dort wichen die späteren Bewohner in ihrem Genom bis zu 25 Prozent von dem Genom des ausgewerteten Skelettes ab. Aber selbst in Kapstadt fänden sich noch fünf Prozent der „Einwandererspuren“, so Hofreiter.

„Genetisch reine Typen gibt es eigentlich nirgendwo“, betont Hofreiter. Überall in menschlichen Genomen fänden sich die Spuren früherer Wanderungsbewegungen der Menschheit wieder. Im vorliegenden Fall findet es Hofreiter besonders interessant, dass die „Zuwanderer“ nach Afrika wohl zur selben Population gehörten, die vor etwa 7000 Jahren auch als jungsteinzeitliche Bauern nach Westeuropa gewandert seien. Menschliche Überreste dieser „Auswanderer“ nach Westeuropa, von denen Genome untersucht werden konnten, seien zum Beispiel in Stuttgart gefunden worden. Auf Sardinien blieb dieses Genom, wie moderne Untersuchungen zeigen, sogar über ziemlich lange Zeit weitgehend unverändert. „Seit der Jungsteinzeit hat sich dort populationsgenetisch nicht mehr viel getan“, sagt Hofreiter. „Es ist eben eine Insel.“

Solche „reinen“ Verhältnisse sind biologisch eher die Ausnahme. Auch in ihrem „Science“-Artikel schreiben die Wissenschaftler, dass das Ausmaß der Rückwanderung nach Afrika nach einem Vergleich der schon vorhandenen Daten mit dem Genom des Ari-Skeletts von Mota viel größer gewesen sein muss als früher angenommen. Sogar Ethnien wie die Yoruba im Südwesten Nigerias oder die Mbuti im Kongo, von denen man annahm, dass sie von dem Genfluss aus Eurasien nicht betroffen waren, hätten demnach durchschnittlich sechs bis sieben Prozent des Einwanderergenoms in sich.

Warum es zu der Einwandererwelle kam und wie weit die Neuankömmlinge tatsächlich selbst in den Süden Afrikas vorgedrungen seien, könne die Paläobiologie nur schwer beantworten, sagt Hofreiter. Oft spielten klimatische Veränderungen als Auslöser einer Wanderung eine Rolle. Da es sich aber um eine Wanderung innerhalb der historischen Zeit handele, seien hier eigentlich Archäologen, Althistoriker und Kulturwissenschaftler gefragt.

Überrascht ist der Potsdamer Wissenschaftler, der sich sonst eigentlich eher mit ausgestorbenen Tier- und Pflanzenarten befasst, von den durch das Ari-Skelett möglich gewordenen Erkenntnissen keineswegs. „Genfluss hat es schon immer gegeben“, sagt Hofreiter. „Grob gesprochen änderte sich der Genpool in Europa alle paar tausend Jahre.“ Der politischen Implikationen dieses biologischen Wissens sind sich Hofreiter und seine Kollegen durchaus bewusst: Die Angst vor Fremden könne jedenfalls nicht mit der Sorge um die Erhaltung des eigenen Volkes begründet werden, bestätigt er. Hofreiter fände es ziemlich müßig, mit biologischen Argumenten gegen das Stammtischbewusstsein anzurennen. „Mit logischer Wissenschaft überzeugen Sie niemanden, der aus irrationalen Gründen an einer Überzeugung festhält.“ Nur in der Wissenschaft selbst ließen sich einzelne Forscher von neuen Erkenntnissen überzeugen.

Von Rüdiger Braun

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