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So preiswert kann die Blindgänger-Suche sein

Ultra-Tem-Verfahren in Oranienburg im Einsatz So preiswert kann die Blindgänger-Suche sein

Das Ultra-Tem-Verfahren zur Verifizierung von Anomalien im Boden ist in Oranienburg seit einem Jahr im Einsatz. Fazit: Seitdem hat der Einssatz bereits 25 Öffnungen erspart und damit auch viel Geld. Im Durchschnitt kostet die Öffnung eines Bombenverdachtspunktes um die 300 000 Euro.

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Peter Kockel ist Niederlassungsleiter der Munitionsräumfirma Heinrich Hirdes in Teltow.

Quelle: Enrico Kugler

Oranienburg. Blumen, Sekt und Blitzlichtgewitter „gebühren auch immer denen, die sich tagelang mit dem KMBD zu den Blindgängern herangraben und die Vorbereitung für die Entschärfung durchführen“, sagt Peter Kockel. Von Publicity hält der Niederlassungsleiter der Firma Heinrich Hirdes aus Teltow eher nicht viel, obwohl er selbst die Berechtigung zum Entschärfen von Bomben hat.

Die Firma Hirdes öffnet seit Jahrzehnten im Auftrag des KMBD Brandenburgs und anderer Bundesländer Blindgängerverdachtspunkte, legt Kriegsrelikte frei und beräumt Fundstellen. Auch unter Wasser beim Bau von Offshore-Windparks oder beim Räumen verminter Gebiete in verschiedenen Regionen der Welt. Peter Kockel arbeitet seit 25 Jahren für Hirdes mit Hauptsitz in Hamburg. Die GmbH gehört zum weltweit agierenden Boskalis-Konzern aus den Niederlanden mit rund 20.000 Mitarbeitern.

Seit knapp einem Jahr ist das neue Verfahren Ultra-Tem in Brandenburg zugelassen. Technik, die Peter Kockel für Hirdes von Australien nach Deutschland geholt hat und die seitdem auch in Oranienburg für Aufsehen sorgt. „Wir haben viel getestet und auf hiesige Verhältnisse zugeschnitten.“ Seit dem Frühjahr 2015 hat das Verfahren in mehr als 25 Fällen die Öffnung einer Anomalie erspart – damit auch viel Geld. Im Durchschnitt schlägt die Öffnung eines Verdachtspunktes mit 300.000 Euro zu Buche. Manchmal kostet sie ein Vielfaches.

Ob Horst Reinhart oder Hans-Jürgen Weise, Kockel stand mit so manchem Altmeister der Bombenentschärfung im Schacht. Ob Spundwandkasten, Liner-Planes, Spezialbetonringschacht. Bohrlochradar mit Hochfrequenztechnik, Dreiachsmagnetometermessung oder Sonar – Hirdes investiert ständig in die Weiterentwicklung technischer Verfahren. Doch alle bisherigen Messverfahren reichten lediglich dafür aus, zu sagen, da liegt etwas, aber man konnte nicht genau sagen, was. Und so wurden Anomalien aufwendig geöffnet und es kam wieder nur ein Brunnenrohr ans Tageslicht. Das ließ den Technikern von Hirdes keine Ruhe. Zumal Kockel selbst oft genug enttäuscht war, wenn er sich wieder einmal nur an ein Stück Metall herangegraben hatte.

Nachdem ein amerikanisches System durch konzerninterne gegenteilige Auffassungen für Oranienburg nicht zur Verfügung stand, stellte eine australische Firma ihr System vor. Kockel erkannte das Potenzial und entschied trotz enormen finanziellen Risikos dafür: Tests im August 2014, Schulung von ausgewähltem Personal im Dezember und Vorstellung bei den Fachbehörden.

Anfang 2015 kam die Bestätigung des KMBD nach vielen Tests auch bei der Deutschen Bahn auf dem Bahnhof Oranienburg und in Hamburg: Das Verfahren darf zum Einsatz kommen! Seitdem ist ein Messtrupp in mehreren Bundesländern unterwegs. Von den Messsystemen gibt es nur extrem wenige. Eines davon ist in Deutschland im Einsatz: „Wir haben langjährige Verträge“, so Kockel. Wie das Verfahren funktioniert? „Reine Physik“, sagt der 64-Jährige. Es werden vier bis sieben Bohrungen um das Objekt gesetzt und dieses dann von oben induziert. In den Bohrlöchern werden Messungen grafisch erfasst, aufgezeichnet und dargestellt. Jeder „Bombentyp“ stellt sich grafisch anders dar. „Bis dahin sind Berechnungen durch die dafür geschaffene Software erforderlich. Erkennbar ist auch, sofern alle Messdaten optimal ausgewertet werden können, ob eine Bombe körperlich noch intakt ist oder nicht.“ Viele Bombentypen wurden vor dem „scharfen Einsatz“ in Berlin und Oranienburg getestet. Unzählige leere Bombenhüllen wurden eigens dafür gekauft.

„Natürlich sind wir ein Wirtschaftsunternehmen, wollen uns am Markt behaupten. Aber gerade deshalb suchen wir immer wieder nach neuen Technologien und Möglichkeiten, um an der Spitze in der Kampfmittelräumung mitzumarschieren. Wer nichts tut, sich nicht weiterentwickelt und gelegentlich auch mal das finanzielle Risiko ausblendet, wenn man von etwas überzeugt ist, der hat heute schlechte Karten, der bleibt stehen. Das wollen wir nicht, das bin ich auch meinen Mitarbeitern schuldig.“ Dabei wolle man natürlich, dass sich die Investitionen auszahlen, andererseits aber auch den Auftraggebern mit Ultra-Tem eine Hilfestellung für ihre Entscheidungsfindung geben: Öffnen oder nicht.“

Bundesweit 60 Räumfirmen aktiv

Hauptsitz der Firma Heinrich Hirdes GmbH für Wasserbau, Kampfmittelräumung, Sand- und Kiesgewinnung, befindet sich in Hamburg. Sie gehört zum Boskalis-Konzern in den Niederlanden mit einem Jahresumsatz von 3,5 Milliarden Euro.

Peter Kockel ist Leiter der Hirdes-Niederlassung in Teltow mit rund 50 Mitarbeitern. Zehn bis 15 davon sind in der Regel in Oranienburg im Einsatz.

Das Verfahren Ultra Tem ist seit Frühjahr 2015 vom Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg (KBMD) für den Einsatz zugelassen.

Die Heinrich Hirdes GmbH hat für den Einsatz und die Modifizierung der Technik aus Australien rund 500 000 Euro investiert.

Bundesweit gibt es rund 60 Kampfmittelräumfirmen.

Mancher sei zwar der Meinung, schön dumm, weniger Öffnungen bringen weniger Umsatz – „das ist nicht mein Stil. Wir wollen etwas bewegen.“ Schon wenn man die Technologie-Entwicklung bei der Entschärfung betrachte: Rohrzange – Seilscheibe – Raketenklemme – Wasserstrahlschneiden. „Das ist doch was. Selbst das Reinigen des Bombenbodens mit Wasserstrahl, um an den Zünder heranzukommen, ist in meinen Augen ein sehr großer Technologiesprung. Dadurch müssen weniger Bomben gesprengt werden, weil man dann auch die Bombe mit Wasserstrahltechnologie entschärfen kann. Hier ist vor allem André Müller vom KMBD geistiger Vater.“

In den vergangenen Wochen hatte Hirdes den Auftrag für zwei Messungen am Oranienburger, beziehungsweise Lehnitzer Bahnhof. Auch die Anomalien in der Lehnitzstraße haben sie mit Ultra-Tem gecheckt. Das Bombenproblem wird Oranienburg noch lange beschäftigen, „und die Blindgänger werden immer gefährlicher“, weiß auch Peter Kockel. Im November will der 64-jährige, der in Dresden lebt und in Oranienburg ein Büro hat, seine berufliche Laufbahn offiziell beenden, aber weiter mit Rat und Tat seinen Mitarbeitern zur Seite stehen. Eine Frau wird seine „Nachfolge“ antreten.

Von Heike Bergt

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