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Der sprechende Stadtplan

Orientierungshilfe für Blinde Der sprechende Stadtplan

Drei Studenten der Fachhochschule Potsdam entwickeln ein erstaunliches System für Sehbehinderte. Mit ihren taktilen Stadtkarten verbinden sie Tast- und Hörerlebnis. „Tracktile“ eröffnet Blinden die Chance, sich in einer fremden Umgebung zu orientieren.

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Straßen ertasten: Da der Plan Rillen hat, spüren die Finger, wohin der Weg verläuft. Manchmal meldet sich eine Stimme.

Quelle: Friedrich Bungert

Potsdam. Online bestellst du für den nächsten Urlaub den Faltplan von Barcelonas Mitte. Im Besitz der Karte fährst du mit den Fingern Straßen entlang und die Karte verkündet, dass dein Finger eine der Hauptattraktionen der Stadt berührt: „La Sagrada Familia“, tönt sie. Die sprechende Landkarte gibt es zwar noch nicht zu kaufen, doch ein von Microsoft ausgezeichneter Prototyp von Berlins Mitte existiert schon. Entwickelt haben ihn Johannes Herseni, Patrick Oswald und Cécile Zahorka , alle drei Studenten des Faches „Interface Design“ an der Fachhochschule Potsdam (FHP).

Der Plan, er ist etwas stabiler und dicker als übliche Stadtpläne, zeigt die Straßen als tiefschwarze Furchen an, sodass auch Blinde sie erkennen können. Kupferkabel in seinem Inneren sorgen dafür, dass der Prototyp immerhin sechs Straßen und Sehenswürdigkeiten akustisch ausruft. Sinn und Zweck des Ganzen: Blinden und Sehbehinderten bei der Vorbereitung eines Urlaubs zu helfen und ihnen die erste Orientierung in einer fremden Umgebung zu ermöglichen.

Anlass für die Entwicklung war der von Microsoft dieses Jahr ausgeschriebene Design-Wettbewerb im Rahmen seiner Forschungsrichtung „Inclusive Design“. Demnach sei Behinderung keine Eigenschaft von Personen, sondern abhängig von der Umgebung. Designer sollen laut Microsoft Dinge entwickeln, die ein barrierefreies Leben ermöglichen und möglichst viele Leute einbeziehen. Die FHP war eine der acht von Mi­crosoft für diesen Wettbewerb weltweit ausgesuchten Hochschulen.

Der Professor für Interaktives Design an der FHP, Boris Müller, leitete vergangenes Sommersemester den Kurs, der entsprechende inklusive Design-Erfindungen entwickeln sollte. „Ganz zu Beginn wollten wir etwas mit Sound für Blinde machen“, sagt Cécile Zahorka. Die Gruppe dachte an eine Art Tonalbum, das man zum Beispiel auf Instagram veröffentlichen und mit dem man Erinnerungen an besonders interessante Sounderlebnisse teilen könnte. Etwa so, wie man sonst gemeinsam Fotoalben anschaut. Das Team sammelte schon fleißig Aufnahmen quakender Frösche und spielender Kinder mit dem Smartphone, als es von seinem Professor ausgebremst wurde. „Boris Müller schien die Idee etwas zu simpel.“ Er wollte etwas mit praktischer Reichweite für die Inklusion.

Der Komplex Töne, Bilder, Erinnerungen und Teilen dieser Erinnerung führte schnell zum Thema Urlaub. „Wir überlegten, was nehmen Blinde eigentlich mit von einem Urlaub und wie können sie sich in der fremden Umgebung überhaupt orientieren?“ Hinzu kam, dass die drei Studenten auch etwas schaffen wollten, was man ertasten und buchstäblich begreifen kann. Schließlich kamen sie auf die Idee der taktilen Stadtkarte, die Tast- und Hörerlebnis verbindet. Deren Name zeigt eine Mischung aus „track“, dem englischen Ausdruck für „Spur“ oder „Fährte“ und „taktil“ an. Anderseits schwingt in „tracktile“ aber auch der „Soundtrack“ für das Hörerlebnis mit.

Cécile Zahorka und Patrick Oswald mit dem Stadtplan

Cécile Zahorka und Patrick Oswald mit dem Stadtplan.

Quelle: Friedrich Bungert

Für die technische Aspekte zeichnet vor allem Patrick Oswald verantwortlich. Vor seinem Potsdamer Studium hatte er elektronische Datentechnik im Berliner Berufsausbildungszentrum Lette-Verein gelernt. Grafik studierte er an der Berliner Hochschule für Gestaltung BTK. „Ich dachte irgendwann, Elektronik und Grafik zusammen machen viel mehr her“, sagt Patrick Oswald. Deshalb habe er sich auf für das Studium Interface Design an der FHP entschieden. Genau diese beiden Aspekte konnte er in der interaktiven Karte zusammenbringen. Wie man eine Karte mit hauchfeinem Kupferdraht und Mikroelektronik zum Sprechen bringen kann, war ihm ziemlich vertraut. Das Ganze funktioniert sogar auf faltbarem Papier. Dazu muss man nur das etwas dickere Schwellpapier verwenden, das man auch für Dokumente in der Braille-Schrift für Blinde einsetzt. Auch moderne Soundapparate finden in solch einem dicken Papier Platz. „Die Lautsprecher in Smartphones sind auch sehr klein“, sagt Oswald. „Und sie machen schon ziemlich was her.“

Die FHP lernt forschend

Die Fachhochschule Potsdam (FHP) hat sich seit Herbst 2014 dem Prinzip des forschenden Lernens verschrieben. In konkreten, meist interdisziplinären Projekten sollen die Studierenden zum selbstgesteuerten Lernen am Objekt befähigt werden.

Die Entwicklung einer akustischen Landkarte fällt genau in dieses Lernkonzept. Zusammen mit der Humboldt-Universität zu Berlin und der Ludwig-Maximilians-Universität München führt die FHP das Verbundprojekt „ForschenLernen“ an.

Dieses Projekt von 15 Hochschulen untersucht, welche Wirkung dieses Lehrkonzept tatsächlich hat.

Diese Idee weiteten die drei Studenten schließlich zu einem Geschäftsmodell mit einem Online-Kartenversand für Blinde aus. Die Karte sollte außerdem nicht nur Informationen geben, sondern auch neue speichern und online auf einer Plattform für andere Blinde Erinnerungen, Tipps und Informationen zu bestimmten Reisezielen geben können. Die drei präsentierten ihr Konzept bei einer Veranstaltung des Microsoft-Dienstes Skype in London, dann am 28 Juli im US-amerikanischen Redmond bei der sogenannten Design Expo von Microsoft selbst. Auch eine Website über ihr Produkt gibt es. Prompt gewannen die drei dort den „Best Execution Award“ für ihr Servicepaket. Inzwischen sind sie auch für den Designpreis Brandenburg nominiert.

Zum Erfolg habe sicher beigetragen, dass jeder der drei besondere Fähigkeiten einbrachte, meinen die Studenten. Cécile Zahorka hat vor ihrem Potsdamer Studium Grafik studiert und weiß, wie man Informationen kompakt und eindringlich darstellt. Technisches Wissen bringt Patrick Oswald mit und Johannes Herseni kann als studierter Philosoph aus konkreten Bedürfnissen einzelner Leute gut abstrakte Konzepte entwickeln. Ein Startup-Unternehmen haben die drei aber dennoch nicht gegründet. Für die industrielle Produktion von sprechenden Karten „on demand“ braucht es schon etwas mehr als das heimische Büro.

„Die Idee ist da“, sagt Oswald. Sie müsse nur von einem potenten Unternehmen aufgegriffen werden. Die drei hoffen, dass ihre Webseite und die Preise, die sie vielleicht doch noch bekommen werden, genügend Aufmerksamkeit auch in der Wirtschaft erregen, um den Traum von der sprechenden Landkarte für Blinde Wirklichkeit werden zu lassen.

Von Rüdiger Braun

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