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Trauma-Therapie für Flüchtlinge

Wer Krieg und Flucht durchlebt hat, braucht oft professionelle Hilfe Trauma-Therapie für Flüchtlinge

Menschen, die aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan geflüchtet sind, haben oft eine lange Kette von traumatisierenden Gewalterlebnissen hinter sich. Unbehandelt können sich daraus Posttraumatische Belastungsstörungen entwickeln, unter denen die Betroffenen oft ihr Leben lang leiden. Eine Traumaambulanz in Potsdam hilft, aber das reicht bei Weitem nicht.

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Kriegserlebnisse belasten besonders Kinder sehr lange.

Quelle: Imago

Potsdam. Die Bilder gehen dem jungen Mann nicht mehr aus dem Kopf. Das Elternhaus steht in Flammen, Nachbarn werden von Bewaffneten aus ihrer Wohnung gezerrt und erschossen. Es riecht nach Blut und Rauch. Viele Menschen, die jetzt als Flüchtlinge Brandenburg erreichen, tragen solche oder ähnliche Schreckensbilder mit sich herum, aus dem Bürgerkrieg in Syrien oder im Irak, aus Afghanistan, Libyen oder Jemen.

Manche von ihnen kommen früher oder später in die Traumaambulanz und Opferberatung Potsdam, mit Ängsten, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen und Alpträumen. „Eine Traumatherapie sollte möglichst bald nach dem Auslöser beginnen“, erklärt Rosmarie Priet, Leiterin der Ambulanz. Das ist für Flüchtlinge aber nur in den wenigsten Fällen möglich. Häufig durchlaufen sie auf ihrem Weg nach Deutschland sogar eine Kette von traumatischen Erlebnissen, bis sie an ihrem Zufluchtsort zur Ruhe kommen können. Und selbst hier gibt es die Angst vor Abschiebung oder vor rechtsradikaler Gewalt.

Schon im Regelfall ist eine Traumatherapie nicht einfach. Hier kommen als zusätzliche Schwierigkeiten kulturelle Unterschiede und das Sprachproblem hinzu. Dolmetscher kommen oft aus dem gleichen Land wie die Flüchtlinge und es ist nicht klar, wie sie zu den dortigen Konflikten stehen. In jedem Fall verändert die Übersetzung die Kontaktaufnahme. „Ein Gespräch ist dann nur zeitversetzt möglich“, sagt Priet. „Eine Vertrauensebene aufzubauen braucht länger. Das ist aber nötig, damit Betroffene sich zutrauen, sich dem traumatischen Erleben zu stellen.

Bei einem Trauma werden als Schutzmechanismus Gefühls- und Gedankenwelt getrennt, sagt Priet. „So können sie nicht in das biografische Gedächtnis integriert werden“, ergänzt sie. Den Mechanismus erklärt Claudia Soyka, Oberärztin im traumatherapeutischen Bereich in der Heinrich-Heine-Klinik im Potsdamer Ortsteil Neu-Fahrland. „Ein Trauma ist ein außergewöhnliches Ereignis, das zu einer tiefen seelischen Erschütterung führt“, beschreibt sie. Das kann sich um einen Überfall, eine Vergewaltigung, aber auch eine Naturkatastrophe handeln. Kennzeichnend ist, dass das Ereignis aus einer Position der Hilflosigkeit erlebt wird, und dass die normalen Abwehrreaktionen Kampf, Flucht oder Totstellen hier nicht greifen.

Untersuchungen ergeben, dass in Deutschland etwa jeder Vierte im Laufe seines Lebens ein traumatisches Ereignis erlebt, sagt Soyka. In den meisten Fällen gelinge den Betroffenen nach einiger Zeit durch die Selbstheilungskräfte und entsprechende Begleitung die seelische Verarbeitung. Die schrecklichen Bilder verblassen dann und werden allmählich als Teil der Vergangenheit abgespeichert. Bei nicht ausreichender Verarbeitung entwickelt sich bei etwa 15 Prozent der Betroffenen eine sogenannte Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Sie ist durch drei Symptome gekennzeichnet. Da ist erstens der sogenannte Flashback, das unwillentliche Wiedererleben der Gewalterfahrung. Es reicht, wenn ein Geruch in die Nase strömt, der mit der Situation verbunden wird, und sofort ist das Gefühl von Angst und Panik wieder da – in voller Intensität. Zweites Kennzeichen ist das Einigeln. Die Betroffenen versuchen, Angstauslöser zu vermeiden und gehen deshalb Menschen zunehmend aus dem Weg. Das kann bis zum Verlust der Arbeit führen. Drittes Symptom ist ein Zustand der Dauererregung, einer inneren Unruhe, mit Schlafstörungen und manchmal auch unwillkürlichem Zittern.

Bei vielen Betroffenen entwickeln sich neben den traumaspezifischen Symptomen auch eine Depression sowie Gefühle von Scham und Schuld. In der Kindheit Traumatisierte sind besonders in Gefahr, eine Posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln, so Soyka. Durch die Erschütterung des Vertrauens in die Beziehungen und das Gute im Menschen ist die Basis, enge Beziehungen einzugehen, gestört.

In der Traumaambulanz Potsdam, der einzigen im ganzen Land Brandenburg, sind es bisher nur einzelne Flüchtlinge, die Hilfe suchen. Sie kommen auf Empfehlung der Sozialarbeiter im Heim oder von Ärzten. So ist etwa ein 16-jähriges Mädchen in die Therapie gekommen, das im Heim sehr aggressiv auf Männer reagierte. Während der Flucht hatte die Jugendliche in Nordafrika jahrelange Zwangsprostitution und Vergewaltigungen erlebt. Alle Schrecken dieser Zeit kehren zurück, sobald ein Mann sie anspricht oder berührt.

Die Klienten kommen etwa aus Tschetschenien und dem Iran, aus Somalia oder Kamerun. Syrer sind bisher noch nicht unter ihnen. Aber sie werden kommen, sobald ihre Alltagsprobleme einigermaßen geklärt sind, erwartet Cathrin Pankratz, Therapeutin in der Traumaambulanz. In der Traumatherapie geht es zuerst darum, eine Atmosphäre des Vertrauens aufzubauen, sagt sie. Dann ist das Ziel, an den Kern des Gewalterlebnisses heranzukommen. Oft genutzt wird die sogenannte EMDR-Methode, erklärt Pankratz. Dabei werden durch geleitete Augenbewegungen beide Hirnhälften besser aktiviert. Damit wird eine Verarbeitung des traumatischen Geschehens erleichtert.

Traumabehandlung ist in der Regel eine langwierige Behandlung, die aber bei vielen Patienten absolut notwendig ist, weil ihnen sonst schwere Leiden bis hin zur Arbeitsunfähigkeit drohen. Die Traumaambulanz ist ein niedrigschwelliges Angebot, weil sie über Projektmittel finanziert wird und die Klienten ohne Kostenabrechnung behandelt werden. Bei niedergelassenen Psychotherapeuten oder bei einer stationären Behandlung etwa in der Potsdamer Heinrich-Heine-Klinik müsste erst bei der Krankenkasse ein Antrag auf Kostenübernahme gestellt werden. Für die meisten Flüchtlinge ist das ein unüberwindliches Hindernis, zumal meist zusätzliche Kosten für den Dolmetscher entstehen. Die Finanzierung der Traumaambulanz ist allerdings nur bis zum Jahresende gesichert, sagt die Leiterin Rosmarie Priet. „Jetzt sind wir auf der Suche nach einem Modell zur Weiterfinanzierung“, sagt sie.

Von Ulrich Nettelstroth

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