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USA nutzen Software der Uni Potsdam

Wissenschaft in Potsdam USA nutzen Software der Uni Potsdam

„Clasp“ ist eigentlich ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziertes Projekt zum Lösen komplexer Probleme. Der „Erfinder“ Torsten Schaub staunte nicht schlecht, als er erfuhr, dass man in den Vereinigten Staaten auf dieses Programm stieß, um knifflige technische Fragen zu lösen. Der Anlass: Dort werden derzeit Funklizenzen neu vergeben.

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Wer bekommt welche Frequenzen. In den USA laufen derzeit Versteigerungen.

Quelle: dpa

Potsdam. Die an der Universität Potsdam seit zehn Jahren entwickelte und ständig ausgebaute Software „Clasp“ kommt in den Vereinigten Staaten zu unerwarteten Ehren. Das hat der Vater dieser Software, der Professor für Wissensverarbeitung und Informationssysteme, Torsten Schaub, eher zufällig erfahren. Bei der jährlichen Internationalen Konferenz für Künstliche Intelligenz kam das System vom 9. bis zum 15. Juli in New York zur Sprache. Wissenschaftler der kanadischen Universität von British Columbia die im Auftrag der Federal Communications Commission (FCC) in den USA arbeiteten, hatten das System ausgewählt, um ein kniffliges Problem zu lösen. Es geht um die Versteigerung von Rundfunklizensen in den USA. Die erste Runde dieser Versteigerung ging schon im Juli über die Bühne.

„Es ging darum. das Netz zwischen Telefonanbietern und Internetanbietern neu aufzuteilen“, erläutert Schaubs Assistent Martin Gebser. Das hört sich einfacher an, als es ist. Zum Beispiel muss sichergestellt werden, dass die Funkfrequenzen, um die geboten wird, auch tatsächlich alle zur Verfügung stehen und dass sich keine Frequenzen überlappen. Erschwerend kommt hinzu, dass das Netz in den Staaten nicht gleich dicht ist und es an verschiedenen Orten der USA verschiedene Risiken von gegenseitiger Behinderung der Frequenzen gibt. Allein 2,7 Millionen Interferenzbedingungen mussten berücksichtigt werden. Früher wurde diese Mammutaufgabe quasi von Hand ausgerechnet. Jetzt ging es darum, einen automatischen Prozess zu finden.

„Wir machen es über den Weg der tiefen Optimierung“, teilten die verantwortlichen Wissenschaftler der kanadischen Universität auf einer ihrer Vortragsfolien in New York mit. Dass sie bei ihrem Optimierungsversuch ausgerechnet auf das Potsdamer Programm als geeignetes Werkzeug stießen, ist laut Gebser kein Zufall.„Clasp ist ein generelles Problemlösesystem für komplexe Such- und Optimierungsprobleme“, erklärt er. Wenn immer es darum ginge, sehr viele Faktoren und Parameter bei einem Problem gegeneinander aufzuwiegen, eigne sich „Clasp“ hervorragend. Ursprünglich war „Clasp“ unter anderem auch als Hilfe für die Produktkonfiguration gedacht. Zum Beispiel ging es darum, die verschiedenen Komponenten einer Landmaschine optimal aufeinander abzustimmen. Einer der früheren Mitarbeiter bei dem Programmierprojekt hat sich mit diesem Dienst sogar selbstständig gemacht.

Der Vorteil: „Clasp“ ist auf kein konkretes Themenfeld zugeschnitten und funktioniert erst im Zusammenhang mit einer jeweiligen Anforderung. Man kann damit zum Beispiel Studentenpläne an der Universität ebenso errechnen wie einem Logistikunternehmen bei der Streckenplanung helfen. „Es ist eins der effizientesten Werkzeuge für solche Probleme“, sagt Gebser. Viele Anwender und Wissenschaftler nutzten es. „Es kann überall zum Einsatz kommen, wo es sehr viele Möglichkeiten gibt, man aber unmöglich alles wirklich ausprobieren kann.“ Das passte genau auf die Problemvorgaben für die optimale Verteilung der Frequenzen unter den Anbietern.

Dass „Clasp“ im Internet frei verfügbar und kein gewinnträchtiges Geschäftsmodell geworden sei, habe vor allem zwei Gründe. Erstens handele es sich bei „Clasp“ um eine ständig fortgesetzte und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanzierte Forschungsarbeit. Diese müsse immer frei zugänglich sein, zweitens sei das System für sich genommen praktisch nichts. Erst mit einer konkreten Anwendung wird ein Werkzeug daraus.

„Der eigentliche Gehirnschmalz steckt darin, ein konkretes Problem zu formulieren, auf das das System angewendet werden kann“, sagt Gebser. In diesem Fall hätten die Wissenschaftler der Universität von British Columbia die Probleme ausformuliert, die „Clasp“ dann lösen musste. Für die Versteigerung hat sich dieses Vorgehen gelohnt. Die Federal Communications Commission (FCC) rechnet mit Einsparungen in zweistelliger Milliardenhöhe, weil „Clasp“ im Vergleich zur früheren Ausrechnen von Hand deutlich billiger ist.

Auch wenn „Clasp“ trotz solcher Vorzüge keine lukrative Einnahmequelle der Universität werden kann, stolz ist die AG am Institut für Informatik schon. Es wird zum Beispiel auch zur Softwarekonfiguration von handelsüblichen Linux-Systemen und zur universitären Stundenplanung eingesetzt. Auch bei der automatischen Musik-Komposition wurde es schon verwendet.

„Clasp wird ständig weiterentwickelt“, sagt Gebser, der auch zur Arbeitsgruppe gehört. Zum Beispiel ginge es jetzt darum, das System auch in Echtzeit interaktiv Probleme lösen zu lassen. Für das Problem der Funklizenzen hieße das: Käme plötzlich ein neuer Interessent hinzu oder änderte sich etwas an den Bedingungen, müsste nicht alles neu ausgerechnet und verteilt werden. Das System würde die Veränderung automatisch in den Gesamtprozess einrechnen. Nicht zuletzt gehe es auch immer darum, das System für den Nutzerkreis immer gut zugänglich und leicht nutzbar zu machen.

Von Rüdiger Braun

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