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Und es gab ihn doch – oder?

Neues von Robin Hood Und es gab ihn doch – oder?

Judith Klinger von der Universität Potsdam trägt Puzzleteilchen der Existenz von Robin Hood zusammen. Ihre Erkenntnisse über den berühmten Bogenschützen und Strauchdieb hat sie jetzt in ihrem Buch „Robin Hood – Auf der Suche nach einer Legende“ veröffentlicht.

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Auch er durfte schon mal den coolen Bogenschützen geben: Russell Crowe in der Hollywoodproduktion „Robin Hood“.

Quelle: dpa-Film

Potsdam. Selbst in schlichter Kutte und sogar in grünen Strumpfhosen ist und bleibt er ein Held. Eine Ikone. Ein jahrhundertealtes Phantom, das noch immer in regelmäßigen Abständen seine großen Auftritte auf der Kinoleinwand hat: Robin Hood. Der Geächtete, der der Sage nach in Sherwood Forest mit Pfeil und Bogen gegen Unrecht kämpfte.

Als Held ist er unerreicht, meint Judith Klinger, Mittelalterwissenschaftlerin an der Universität Potsdam: „Keiner kommt an Robin Hood heran.“ Während andere Superhelden Konjunkturen unterworfen seien, erweise sich der kühne Bogenschütze seit dem Spätmittelalter als dauerhaft beliebt. Das Faszinierende an ihm sei, dass er als Ausgestoßener, als Outlaw für Konflikte und Auseinandersetzungen stehe und schon zu seiner Zeit zum Idol avancierte. Klinger vom Potsdamer Lehrstuhl für Germanistische Mediävistik hat analysiert, wie viel Realität in diesem Idol steckt. Ihre Forschungsergebnisse hat sie im jetzt veröffentlichten Werk „Robin Hood – Auf der Suche nach einer Legende“ zusammengefasst.

Judith Klinger

Judith Klinger

Quelle: Privat

Sie hat nach Spuren von Robin Hood gesucht: in Archiven, in England direkt, in überlieferten Balladen, Liedern und Verserzählungen, in Opern und Romanen. Selbst Steuerurkunden aus dem 13. und 14. Jahrhundert geben sachdienliche Hinweise auf einen realen Robin Hood. Die Analyse dieser Urkunden ergab, dass sich „ab 1250 plötzlich viele Leute in England Robin Hood nannten“, erklärt Judith Klinger. In unterschiedlichen Schreibweisen wie „Robynhod“, „Robynhood“, „Robbehod“ oder auch „Robynhoud“ taucht plötzlich der Name als häufig gebrauchter Zuname auf. Klinger bewertet das als Beleg für die ungeheure Popularität einer Person gleichen Namens.

Die Frage, ob es den berühmten Strauchdieb tatsächlich gegeben hat, könne sie „als Wissenschaftlerin nicht eindeutig beantworten“, gibt sich Klinger zurückhaltend. Doch sie könne mit einiger Plausibilität aufzeigen, „dass vieles dafür spricht, dass seine Existenz absolut möglich“ sei. Mehr noch: „Hätte ich im 15. Jahrhundert gelebt, würde ich sagen, ja, es hat ihn gegeben.“ Denn aus mittelalterlicher Perspektive gebe es einen definierten Raum, in dem die Lichtgestalt aktiv gewesen sein kann. Um 1450 machte die anonyme Verserzählung „A Gest of Robyn Hode“ die Runde. Hier werden viele Orte erwähnt, an denen das Phantom als Wegelagerer aktiv war. Diese Orte existierten wirklich. Und anhand der historischen Quellen sieht die Potsdamer Expertin die „Wirkungsstätte“ des Ausgestoßenen weniger in Sherwood Forest als im weiter nördlich gelegenen Gebiet um das damalige Barnsdale, nördlich von Sheffield.

Der frühe Robin Hood bedient auch noch nicht das Klischee, dass er die Schätze der Reichen nimmt, um sie den Armen zu geben. „Es gab hier kein Klassenprinzip“, erklärt Klinger. Es ging um Einzelfälle. Er hat Leuten geholfen, die in der Zwickmühle waren. Und er hat Leute bestraft, die gelogen haben – Kleriker zum Beispiel, die betonten, sie seien mittellos, und trotzdem mit großen Reichtümern durch den Wald reisten. Sie wurden vom Outlaw und seiner Truppe um ihren Besitz erleichtert. Was die Geächteten hier praktizierten, war Klinger zufolge „eine alternative Ökonomie“. Denn von der herrschenden Ökonomie, die auf Grundbesitz und Geldwirtschaft basierte, waren sie ausgeschlossen. Sie raubten und schenkten, ohne auf Profit abzuzielen. Die Bindung an den Wald ist für die Wissenschaftlerin bestimmendes Moment für die Figur des Robin Hood: „Es gibt keinen Robin Hood ohne den Wald.“ Doch gerade hier ist die Spurensuche mehr als beschwerlich. Sherwood Forest ist heute ein Nationalpark, aber von den ehemaligen Wäldern um Barnsdale ist kaum noch etwas übrig. Sie sind der Industrialisierung zum Opfer gefallen.

Die Legende lebt



– Auf der Suche nach einer Legende“ von Judith Klinger ist im Verlag Lambert Schneider, Darmstadt, erschienen (208 Seiten, 29,95 Euro).








von der Universität Potsdam hat für ihr Werk unter anderem rund 60 Balladen, Bühnenstücke, Romane, Lieder und Opern analysiert, in denen der berühmte Robin Hood einen Auftritt hatte.

Die in so manchem Film üppig ausgestaltete Begegnung der grünen Legende mit König Richard Löwenherz hält die Potsdamer Mediävistin für historisch falsch. Diese Geschichte kam im 16. Jahrhundert auf. Robin Hood wurde darin als vertriebener Adliger dargestellt. Doch die Zeiten passen einfach nicht zusammen. Richard Löwenherz lebte Ende des 12. Jahrhunderts. Die Zeit des Robin Hood brach wohl erst im Jahrhundert darauf an. Ein Vertreter aus der König-Edward-Dynastie dürfte eher ein Zeitgenosse des berühmten Strauchdiebs und Wegelagerers gewesen sein.

Mit ihrer Veröffentlichung beackert Klinger ein in Deutschland nahezu unbestelltes Feld. Hierzulande würden sich nur wenige Wissenschaftler der Robin-Hood-Forschung widmen – ganz im Gegensatz zum englischen Raum, wie sie sagt. Die Mittelalterexpertin registriert seit geraumer Zeit ein steigendes Interesse an dieser Epoche: „Robin Hood ist da nur die Spitze des Eisbergs.“ Mittelalterlich angehauchte Rollenspiele seien gerade jetzt „äußerst präsent“. Auch die Fantasyliteratur nutze Elemente der längst vergangenen Ära. Die Beschäftigung mit dem Mittelalter biete zudem die Chance, „relativ angstfrei zu ergründen, wie man mit fremden Kulturen umgehen und sie verstehen kann“. Das mache die Epoche gerade aus Sicht der Wissenschaftlerin Klinger so interessant. Und da ist es auch unerheblich, dass „wir ansonsten das ’finstere Mittelalter’ als Sammelbecken für all das ansehen, was wir nicht haben wollen“, so Klinger. Mit einer Ausnahme natürlich: Robin Hood, der beständige Held.

Von Ute Sommer

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