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Medikamente gegen Aids Vom laufenden Band

Die Potsdamer Firma Fluxpharm will in Afrika helfen, neue Wirkstoffe gegen den HIV-Virus zu produzieren. Die Ausgründung eines Max-Planck-Instituts im Wissenschaftspark Golm kann Know-How über eine völlig neue Produktionsweise für eine Fertigung in Südafrika beisteuern. Doch die Initiatoren haben sich noch mehr vorgenommen.

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Wollen Medikamente günstiger produzieren: Peter Seeberger (l.) und Kerry Gilmore.

Quelle: MPIKG

Potsdam. Kaum eine andere Region der Welt ist derzeit so stark von der Immunschwäche-Krankheit Aids betroffen wie Südafrika. Mehr als ein Zehntel der Bevölkerung gilt als mit dem HIV-Virus infiziert. Ein wichtiger pharmazeutischer Wirkstoff zur Bekämpfung der Erreger ist Efavirenz, das deren Vermehrung im Körper eindämmt. Doch die Produktion ist nach wie vor teuer, oft zu teuer, um entsprechende Medikamente in Südafrika flächendeckend anwenden zu können.

Hilfe könnte jetzt von einem aus dem Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPIKG) in Golm ausgegründeten Unternehmen namens „Fluxpharm“ kommen. Nach der Veröffentlichung einer effizienten Produktionstechnologie, die auf Arbeiten am MPIKG beruht, wurden Gesundheitsexperten in Südafrika auf den neuen Ansatz aufmerksam. „Es gibt Gespräche mit lokalen Partnern über eine Fertigung, die hohe Mengen pharmakologischer Substanzen jährlich produzieren würde“, sagt Peter Seeberger, Direktor am MPIKG. Es sind zwar Investitionen im „zweistelligen Millionen-Bereich“ nötig, um das Konzept umsetzen zu können, die Potsdamer Technologie könne aber die Produktion der Wirkstoffe bis zu einem Viertel im Vergleich zu heutigen Dimensionen günstiger machen, so Seeberger. Zudem könnte Südafrika die Aids-Pharmaka im eigenen Land produzieren und so wichtige Arbeitsplätze schaffen.

Grund der Kosteneinsparung bei der am MPIKG ausgetüftelten Produktionsmethode ist im gewissen Sinne der Verzicht auf einen „Kochtopf“. Bisher wurden Arzneiwirkstoffe klassischerweise mithilfe des sogenannten „Batch“-Verfahrens produziert. Das heißt, alle Einzelsubstanzen, die Reagenzien, wurden in ein einziges Gefäß (Batch) gegeben, in dem sie dann wie in einem Kochtopf miteinander reagierten. Die Fertigungsmethode ist vergleichsweise zeitaufwendig und verbraucht zudem verhältnismäßig große Mengen an Zusatzchemikalien.

Impfstoffe gegen Malaria

Das Unternehmen Fluxpharm ist nicht die einzige Firma, die Forschungen am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPIKG) in die Anwendung überführen will. MPIKG-Direktor Peter Seeberger war im Juni auch an der Gründung der Firma Vaxxilon mit dem Schweizer Unternehmen Actelion beteiligt, das Impfstoffe auf Kohlehydrat-Basis entwickelt. Die Bekämpfung von Infektionen wie Malaria steht dabei im Fokus.


Kohlenhydrate spielen für das Immunsystem eine wichtige Rolle. Sie bringen die körpereigene Abwehr gegen krankheitserregende Viren und Bakterien in Stellung.

Die am MPIKG entwickelte „Flow Chemistry“ (Durchflusschemie) ähnelt dagegen eher einem Fließbandverfahren. Bei diesem kontinuierlichen Durchflussprozess, wie ihn das Potsdamer Institut in einem speziell entwickelten Reaktor nutzt, läuft die Reaktion, da alles unablässig fließt, in Röhren ab. So können viel geringere Mengen an Chemikalien sicherer und effizienter miteinander in Beziehung treten. Auch wenn die gewonnenen Reaktionsmengen des Ertrags zunächst gering erscheinen, gilt prinzipiell: „Wenn man einen Eimer unter einen tropfenden Wasserhahn stellt, wird auch dieser irgendwann voll“, sagt der Leiter der Arbeitsgruppe „Durchflusschemie“ am MPIKG, Kerry Gilmore. Das Revolutionäre der Technologie bestehe darin, „verschiedene Standard-Wirkstoffe in einem einzigen modularen Reaktor herzustellen, statt fünf verschiedene Produktionsanlagen bauen zu müssen“.

Die am Golmer Institut entwickelte preisgünstige Produktionsweise ist nicht ausschließlich auf das Medikament Efavirenz zugeschnitten. Vor der kontinuierlichen Herstellung des Aids-Wirkstoffs war dem Potsdamer MPIKG-Team die Produktion verschiedener anderer wertvoller Substanzen in einem einzigen Reaktor gelungen. In den Eimer tröpfelten etwa auch die Wirkstoffe gegen Angststörungen, Epilepsie und spastische Lähmung Lyrica, Glabapentin und Baclofen. Der globale Umsatz allein dieser drei Medikamente beträgt derzeit etwa fünf Milliarden Euro jährlich.

Die Technologie verspricht also durchaus erhebliches Potenzial. Laut Seeberger ist jetzt zunächst einmal daran gedacht, dass Fluxpharm die Technologie bis zur kommerziellen Reife weiterentwickelt. Die eigentliche Produktion würde aber in den Händen des südafrikanischen Partners vor Ort erfolgen. Die neue Potsdamer Firma würde dann am Geschäftserfolg des Unternehmens in Südafrika partizipieren.

Nach einem ähnlichen Muster könne auch an den Aufbau weiterer Produktionsstätten in Afrika gedacht werden, wo Aids in vielen Regionen des Kontinents weiter ein erhebliches Problem darstellt, kündigt Seeberger an. Langfristig sei an eine ähnliche Fertigung von Wirkstoffen auch in Deutschland zu denken.

Von Gerald Dietz

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