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Wetterreihen unter Fledermäusen

Schaufenster zum Himmel: Das Süring-Haus Wetterreihen unter Fledermäusen

Es sind zum Teil ungewöhnliche Bewohner, die das heute zum Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zählende Süring-Haus auf dem Telegrafenberg hat. Fledermäusen wurde ein eigenes Zimmer im Turm reserviert. Quasi zu ihren Füßen entstanden einzigartige Wetterbeobachtungsreihen in dem nach dem berühmten Meteorologen Reinhard Süring benannten Gebäude.

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Historische Zentrale der Wetterbeobachtung: das Süring-Haus.

Quelle: Christel Köster

Potsdam. Die Fledermäuse, die sich oben im Turm in einem extra dafür vorgesehenen Raum eingenistet haben, werden wenig davon wissen: Hinter den beigen und backsteinroten Klinkerfassaden des „Süring-Hauses“ auf dem Potsdamer Telegrafenberg wurden zahlreiche bedeutende meteorologische und klimatologische Entdeckungen gemacht sowie wissenschaftlich fundiert. Die Entdeckungen beeinflussen auch das Leben der Fledermäuse maßgeblich.

Namensgeber und zweimaliger Direktor (1909-1932 und 1945-1950) Reinhard Süring hat hier im früheren Meteorologischen Observatorium Potsdam (MOP) die Stratosphäre genau definiert – jene Schicht unserer Atmosphäre, in der die Lufttemperatur mit steigender Höhe plötzlich wieder zunimmt. Zuvor war der Naturwissenschaftler 1901 mit einer weltweit Aufsehen erregenden Ballonfahrt bis in über 10 000 Meter Höhe aufgestiegen, um die grundlegenden Messungen dafür anzustellen. Sürings Analysen der Wolkenformen vom Turmbau auf dem Telegrafenberg aus schufen die Grundlagen für die wissenschaftliche Strukturierung und erste Nachschlagewerke zu Feuchtigkeitsansammlungen am Himmel.

Eine Skulptur von Reinhard Süring ziert das Eingangsportal

Eine Skulptur von Reinhard Süring ziert das Eingangsportal

Quelle: Christel Köster

Vor allem seinem Engagement ist eine Vielzahl von nahezu ununterbrochenen Wetterbeobachtungsreihen vom MOP aus mit seinen vielfältigen Messstationen zu verdanken, die bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurückreichen. Als seine Kollegen 1944 für den „Volkssturm“ der Nazis abkommandiert worden seien, habe er die Messungen allein fortgesetzt, schildert Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe, der frühere Bereichsleiter Klimaanpassung beim Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), zu dem das Süring-Haus heute gehört. Auch die Schäden im Dachstuhl nach einem britischen Luftangriffs im zweiten Weltkrieg konnten ihn nicht von seinen Forschungen abhalten. „Das war ein toller Mann in vielerlei Hinsicht“, so Gerstengarbe, der sich intensiv mit der Geschichte des Hauses befasst hat.

Süring wie auch seine Kollegen forschten nicht nur in dem viergeschossigen Komplex samt Säkularfeld mit Messstationen gleich nebenan, sie wohnten auch dort. Vom Treppenhaus aus galt jeweils der linke Flur als Wohnbereich. Gewaschen wurde in einem separaten Waschhaus, der heutigen „Wetterküche“, durch die das PIK Führungen etwa für Schulklassen arrangiert (s. Kasten).

Die „Wetterküche“

Das frühere Arbeitszimmer von Reinhard Süring wurde im ehemaligen Waschhaus, der heutigen vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) betreuten „Wetterküche“, nachgebaut. Das PIK organisiert Führungen etwa für Schulklassen durch das Nebengebäude des Süring-Hauses.

Neben dem Arbeitszimme r des Meteorologen schmückt das Modell eines für seine Atmosphärenforschungen benötigten Ballons die Wetterküche. Über einen kleinen Trittparcours lassen sich verschiedene Geschichten und Bilder des Telegrafenbergs aufrufen. Ein weiterer Raum illustriert Klimafolgenforschungen des PIK.

Genauso wie das Hauptgebäude des PIK, das Michelson-Haus auf dem Telegrafenberg, wurde das MOP nach Plänen des Architekten und Oberbaudirektors Paul Emanuel Spieker errichtet. Mit Spieker als Gestaltungschef, der als Vertreter der sogenannten Schinkelschule gilt, scheint ein wenig der Stil dieses Baumeisters durch, der den Klassizismus und Historismus Preußens entscheidend prägte. In den Bau des heutigen Süring-Hauses sollen Reparationszahlungen Frankreichs nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 geflossen sein.

Wie bei anderen Bauten des Telegrafenbergs hatten beim MOP Bedürfnisse Berliner Wissenschaftler den Ausschlag für die Errichtung ab 1890 gegeben. Das Königlich Preußische Meteorologische Institut in Berlin habe für seine Messungen ein Umfeld benötigt, das weniger von urbanen Einflüssen beeinträchtigt war, sagt Dietrich Spänkuch, ein früherer Direktor des Observatoriums. Der mehr als 30 Meter hohe Turm auf dem weithin sichtbaren Hügel des Telegrafenbergs bot die Möglichkeit, mittels einer dort platzierten Glaskugel die Sonnenscheindauer exakt zu messen. Der weniger als in der Metropole aufgeheizte Grund schuf bessere Voraussetzungen zur Ermittlung der Bodentemperaturen. Im Säkularfeld werden und wurden weitere klimatische Daten wie der Luftdruck in mehr als ein Jahrhundert zurückreichenden Messreihen ermittelt.

Die einmalige Sammlung gilt als herausragend in der meteorologischen Geschichte. Das Süring-Haus genoss zudem internationalen Ruf in der Geräteentwicklung. Auch zu DDR-Zeiten, als unter dem Dach des „Zentralinstituts für Physik der Erde“ die klimatologischen Forschungen fortgesetzt wurden, und später unter der Regie des Deutschen Wetterdienstes (DWD) hatte das Süring-Haus ausgezeichnetes Ansehen in der internationalen Wissenschaftswelt. Nachdem sich der DWD mehr und mehr aus seinem Domizil zurückgezogen hatte, stand das Gebäude längere Zeit nahezu leer. Nach grundlegender Sanierung zog das PIK ein, das hier Abteilungen der Erdsystemanalyse und Klimawirkung betreibt.

Von Gerald Dietz

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