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Das Wetter wie vor hundert Jahren

Meteorologen vor Ort Das Wetter wie vor hundert Jahren

Meteorologen des Deutschen Wetterdienstes sollten mit modernster Technologie ausgestattet sein – auch in Potsdam. Denkste! In Potsdam stehen Thermometer in Holzhütten nach Bauart anno 1893 und die Sonnenscheindauer wird anhand angebrannter Papierstreifen abgelesen. Dieser Wahnsinn hat Methode: Es geht um eine historische Messreihe.

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Das Ablesen der Temperatur in der sogenannten englischen Holzhütte gehört zur täglichen Arbeit von Ralf Schmidt

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Wenn Meteorologe Ralf Schmidt 14.08 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit (MEZ) die Lufttemperatur abliest, nimmt er nicht etwa ein Tablet mit auf das Messfeld der Säkularstation des Deutschen Wetterdienstes (DWD). Er schreibt den Wert brav in einer Kladde auf. Das Thermometer, von dem Schmidt abliest, ist auch nicht ein vollautomatisches Präzisionsinstrument unserer Tage, sondern ein gutes altes Quecksilberthermometer, wie es auf dem Hügel schon anno 1893 existierte. Es befindet sich auch noch in einer sogenannten englischen Holzhütte zwei Meter über dem Boden. Und deshalb ist die Angabe des Thermometers etwas fehlerhaft, denn an windschwachen Tagen staut sich die Wärme in der Hütte und hat einen leicht erhöhten Wert.

Zeitgemäße Schutzhütten werden künstlich belüftet, um solche Abweichungen zu verhindern, doch den Messfehler der Altvorderen „mitzunehmen“, ist gerade der Witz dieser Potsdamer Messstation. Es geht nämlich bei der sogenannten Säkularreihe darum, eine über 100 Jahre alte Messreihe so exakt und authentisch wie möglich fortzuführen, um damit Aussagen über die Veränderungen des Klimas machen zu können. Potsdam ist der Ort in Deutschland, wo die 1893 beginnende sogenannte säkulare Messreihe fortgesetzt wird.

„Die historische Klimareihe lebt von der Unveränderlichkeit ihrer Messmethodik“, sagt Schmidt. Diese beweist  nämlich, dass Veränderungen in der Reihe ausschließlich den Umständen geschuldet sind, zum Beispiel den Veränderungen des Klimas selbst. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ist darum auch die Einrichtung, die am meisten von der einmaligen Messreihe und dem altertümlichem Handwerkszeug Schmidts und seines Kollegiums profitiert. „Wir sind ein Standbein für die Erkenntnisse, die die Forscher des PIK haben“, sagt Schmidt nicht ohne Stolz. „Die PIK-Wissenschaftler freuen sich, dass wir die Reihe weiter führen.“

Das wird auch in absehbarer Zeit noch weiter so geschehen. Dreimal täglich erheben die Mitarbeiter der Messstation die Werte nach alter Väter Sitte. Gemessen werden unter anderem auch noch die Luftfeuchtigkeit, der Wind und die Temperaturen im Boden bis 12 Meter Tiefe – alles mit Instrumenten, wie sie auch schon 1893 verfügbar waren. Die Sonnenscheindauer etwa wird mittels der von John Francis Campbell erfundenen und von George Gabriel Stokes verbesserten Methode festgestellt. Eine gefärbte Glaskugel bündelt das Licht und verbrennt ein hinter ihr liegendes  Papier. Die Menge und Intensität der Brandspuren gibt Aufschluss über den Sonnenschein.

Modern wird es erst, wenn Schmidt und seine Kollegen im Büro all die so ermittelten Daten ins Computersystem eingeben. Deshalb kann jeder Internetnutzer nachschauen, wie das Potsdamer Wetter am 26. August 1903 war.

Von Rüdiger Braun

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