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„Hertha und Union – eine Nation“

Sportgeschichte „Hertha und Union – eine Nation“

„Der Fußball ist diejenige Sportart, die die Gesellschaft am stärksten prägt“, sagt die Historikerin Jutta Braun vom Zentrum für Zeithistorische Forschung. In Potsdam bekommt das Jahrhundertspiel jetzt seine eigene Konferenz. Zwei Tage lang geht es um die schönste Nebensache der Welt.

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Ein Hertha-Union-Aufnäher aus den 80er Jahren.

Quelle: foto: ZZF

Potsdam. Der Sport hat eine ganz eigene Faszination. „Er lebt von Gewinnern und Verlierern. Von mythischen Schlachten“, schwärmt Jutta Braun vom Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) Potsdam. Und besonders interessant sei der Fußball mit seiner „mythischen Kraft des Zweikampfs“. Zwei rivalisierende Mannschaften. Die Fans im Rücken. Im unerbittlichen Kampf um Tore. Dieses „Jahrhundertspiel“ mit all seinen Facetten bekommt nun am ZZF seine eigene Konferenz. Am Donnerstag und Freitag debattieren renommierte Forscher über „Fußball und gesellschaftliche Ordnung im 20. Jahrhundert“.

Was trocken angekündigt wird, bietet ein Podium für interessante und mitunter skurrile Forschungsergebnisse. Brauns Spezialgebiet ist der DDR-Fußball. Die Zeit, in der zum Beispiel die Fans von Union Berlin und Hertha BSC ein Herz und eine Seele waren. Das lässt sich bei den heutigen Animositäten kaum noch nachvollziehen. „Wenn Union spielte, kamen Hertha-Fans über die Grenze rüber“ und feuerten die „Eisernen“ an, berichtet Jutta Braun. Und die Union-Fans skandierten im Schutz der Masse im Stadion: „Hertha und Union – eine Nation“. Das waren Sätze, die die Spitzel der Stasi nicht gern hörten. Diese „bewusste Provokation“ wurde eifrigst notiert. Ohnehin hatten die Union-Fans den Nimbus der Rebellen. Oder wie sonst lassen sich Stadiongesänge wie diese erklären: „30 Meter im Quadrat – hohe Mauern, Stacheldraht – seht ihr, wo ich wohne – ich wohne in der Zone“?

Das Programm ist rund

„Fußball ist diejenige Sportart, die die Gesellschaft am stärksten prägt“, sagt Jutta Braun, Wissenschaftlerin am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und zugleich Vorsitzende des Zentrums deutsche Sportgeschichte.

Diese beiden Institutionen veranstalten am Donnerstag und am Freitag die Konferenz „Das Jahrhundertspiel: Fußball und gesellschaftliche Ordnung im 20. Jahrhundert“. Dabei soll diskutiert werden, in welchen Bereichen der Fußball der Gesellschaft seinen Stempel aufgedrückt hat.


Morgen um 10 Uhr geht es los im ZZF Am Neuen Markt 9d. Anmeldungen bitte per Email: braun@zzf-potsdam.de Es wird keine Tagungsgebühr erhoben.

Braun: „Der Fußball war während der deutschen Teilung ein nationales Band“. Was zugleich bedeutete, dass die Partei ein Problem mit der Fankultur hatte. Als die westdeutsche DFB-Elf zur EM-Qualifikation in Warschau antrat, fuhren viele Fans aus der DDR ins Nachbarland, um ihre Idole live erleben zu können. Offiziell waren diese deutsch-deutschen Sympathien in der DDR-Führungsetage alles andere als gern gesehen. Jutta Braun erklärt die Bewunderung für Stars wie Franz Beckenbauer auch damit, dass die Erfolge der DDR-Nationalmannschaft doch eher dünn gesät waren. Also zeigten DDR-Fans im Stadion auch mal Plakate wie: „Chemnitz grüßt den Kaiser Franz“. „Das hat der Stasi die Haare zu Berge stehen lassen“, erzählt Braun lächelnd.

Grenzenlose Freundschaft zwischen Fans von Hertha und Union bei einem Freundschaftsspiel der Mannschaften im Januar 1990

Grenzenlose Freundschaft zwischen Fans von Hertha und Union bei einem Freundschaftsspiel der Mannschaften im Januar 1990

Quelle: dpa

Die Historikerin war vor ihrer Zeit am ZZF am Sporthistorischen Lehrstuhl bei den Sportwissenschaftlern der Uni Potsdam tätig. Den gibt es inzwischen aber nicht mehr. Sportgeschichte sei hierzulande bis vor ein paar Jahren in der Sportwissenschaft angesiedelt gewesen. „Der Sport war immer ein bisschen das ungeliebte Stiefkind der Geschichtswissenschaft“, erklärt die Expertin. Ganz anders in Großbritannien. Da habe die Forschung auf diesem Gebiet eine große Tradition. Die deutschen Eigenarten bedeuten für Tagungen wie die in Potsdam, dass sich hier Experten aus unterschiedlichen Disziplinen tummeln: Kultur- und Sportwissenschaftler, Historiker, Journalisten.

Sie analysieren auf der zweitägigen Konferenz auch den Rechtsradikalismus, der in den 80er Jahren in deutschen Stadien zu beobachten – sowohl im Westen als auch im Osten. Selbst in der damaligen Sowjetunion gab es Hooligans. Für Forscher wie Jutta Braun stellt sich daher die Frage, wie solche Auswüchse zeitgleich an unterschiedlichen Orten und vor allem auch in unterschiedlichen Systemen entstehen können.

So verschieden die Systeme auch waren: Der Fußball war schon lange vor der Wende auf beiden Seiten der Elbe ein Wirtschaftsfaktor. In Westdeutschland war es die Bundesliga und auch im Osten, der den Amateurstatus der Fußballer propagierte, gab es sehr wohl ein System mit illegalen Prämien und Headhuntern, erklärt die Historikerin Braun. Das war die Chance für kleinere Betriebssportgemeinschaften (BSG), ihre Mannschaften mit ausgesuchten Spielern zu verstärken. Dafür habe so mancher Betriebsdirektor oder auch die Parteileitung des Betriebes ein paar Mark locker gemacht.

Braun: „Es gab in der DDR eine geduldete Schattenwirtschaft.“ Und so haben BSG-Mannschaften sogar den Sprung in die Oberliga geschafft. Die Historikerin erinnert beispielsweise an die BSG Stahl Brandenburg, die sich bis ins Oberhaus des DDR-Fußballs gekämpft hatte. Solche Aufstiege waren von der SED-Führung gar nicht geplant, berichtet Jutta Braun. Auch im Osten wurden also Stars umworben und mit Prämien gelockt. Die Expertin spricht von „verdeckten kapitalistischen Inseln“. Mitten im Sozialismus.

Von Ute Sommer

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