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Neuruppins britische Seite

Übernachten wie auf der Insel Neuruppins britische Seite

Viele Jahre lang haben Sabine und Günther Wagner selbst Urlaub in England, Wales, Schottland und Irland gemacht. Dabei lernten sie die liebevoll gestalteten Privatquartiere schätzen, in denen es ein Bett und ein üppiges Frühstück gibt. Nun haben die beiden selbst ein Bed and Breakfast eröffnet – gleich gegenüber der Neuruppiner Pfarrkirche.

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Günther Wagner im Gästezimmer „Sissingurst“.

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin. „Sissinghurst“ und „Brighton“ liegen nur wenige Meter entfernt von der Friedrich-Engels-Straße. Dicke Vorhänge sperren den Autoverkehr aus. Die beiden Gästezimmer sind nach einem berühmten Garten in Südengland und dem berühmten englischen Seebad benannt. „Brighton“ gibt sich maritim und ganz in Weiß, Sissinghurst in Hellblau und mit Garten-Ambiente.

Es sieht fast aus wie in einer Puppenstube: Doppelbetten mit einer üppigen Tagesdecke, bauchige Kissen, plüschige Sessel, ein Tablett mit Zutaten für den gepflegten Five-O’Clock-Tea – „very british“ eben. „Bed and Breakfast“ steht auf einem Schild im Fenster. Ein Bett und ein Frühstück sind im alten Neuruppiner Pfarrhaus zu haben – und Erinnerungen an Besuche auf den Inseln der Regenschauer und des Linksverkehrs. Zwei „B&Bs“sind damit bereits in der Neuruppiner Innenstadt zu finden – eines in der Seestraße (Eröffnung im Mai, die MAZ berichtete), das andere seit Dezember in der Friedrich-Engels-Straße.

Einladend

Einladend: Dieses Schild steht im Fenster des alten Pfarrhauses.

Quelle: Peter Geisler

Für Sabine und Günther Wagner stecken viele eigene Urlaubserinnerungen in ihrem B&B. Um davon zu leben, reichen die zwei Pensionszimmer nicht, obwohl sie an jedem Wochenende ausgebucht sind. Besucher der Konzerte in der Kulturkirche gleich gegenüber schätzen die persönliche Übernachtungsmöglichkeit ebenso wie Gäste der Therme am See.

Sabine und Günther Wagner leben eigentlich in einem Dorf bei Potsdam. Als dort ein älterer Nachbar hilflos in seinem Haus gefunden wurde und fast ums Leben kam, beschlossen die gebürtige Neuruppinerin und der Bauingenieur, der seine Jugend in Kränzlin verbracht hat, sich beizeiten nach einem Alterssitz umzusehen. Schnell fanden die beiden heraus, dass sie sich Potsdam nicht leisten konnten – und das Berliner Umland auch nicht. Warum also nicht mal in der alten Heimat suchen?

Zum Reinlegen

Zum Reinlegen. das mit Liebe gemachte Bett im Gästezimmer „Sissinghurst“.

Quelle: Peter Geisler

Für das alte Pfarrhaus interessierten sich mehrere Käufer, doch die anderen schreckte schließlich die Arbeit ab, nach der das alte Gemäuer verlangte. „Ich habe mal Maurer gelernt, nur dass es damals Montagebau-Facharbeiter hieß“, sagt der 65-Jährige Hausherr. Die Wagners trauten sich das Wagnis zu. Während er schon Rentner ist, arbeitet sie noch eine Weile als Lehrerin. So lange sollte der Alterssitz nicht leer stehen.

Als Wohnung war das Erdgeschoss des Pfarrhauses nicht zu vermieten, das war den beiden schnell klar. Der Flur und eine Treppe trennen die Räume im Parterre. So kam das Paar auf die Idee, nur zwei Zimmer zu vermieten – so, wie sie es selbst bei ihren Urlauben kennengelernt hatten. Schon zu DDR-Zeiten ist Günther Wagner gern gereist – vor allem in die Sowjetunion, weil es dort keine Devisenbeschränkungen gab. Moskau hat er gesehen, Leningrad, Kiew, den Kaukasus, Georgien, Armenien, Usbekistan, Tadschikistan. Auf der Wolga ist er bis ans Schwarze Meer gefahren.

Inspirationen stammen von den britischen Inseln

Nach der Wende wollte er im Urlaub möglichst wenig Deutsche treffen. Statt nach Mallorca fuhr die Familie nach Südfrankreich, später entdeckten die Wagners die britischen Inseln für sich: England, Wales, Schottland, Irland. Nach durchwachsenen Erfahrungen mit Hotels (von „ganz nobel“ bis „fürchterlich: Flusen unterm Bett, Butter ranzig, Wirt besoffen“) kamen sie schnell aufs Bed and Breakfast – inzwischen finde man die sogar in Frankreich: Keine Null-acht-Fünfzehn-Möblierung, sondern frei gezogene Wohnräume der Familie, skurrile Deko mit Rüschen und Borten, die manches Klischee bestätigen, flauschige Teppiche bis ins Bad, das Doppelzimmer für 80 Euro und ein warmes Frühstück mit Ei und Speck, gebackenen Bohnen, Tomaten und Porridge, das satt macht bis zum Nachmittag. Schließlich musste das „English Breakfast“ einst der Landbevölkerung genug Energie spenden für einen langen Tag bei der Feldarbeit.

So viel Liebe zum Detail wird gern fotografiert -  auch von den Gästen

So viel Liebe zum Detail wird gern fotografiert - auch von den Gästen.

Quelle: Peter Geisler

Die Wagners suchten in den B&Bs keinen „Familienanschluss“, schon weil ihr Englisch dafür nicht reichte, aber die Einrichtungsideen nahmen sie aus ihren Urlaubsquartieren mit nach Hause. In Wales erreichten sie einmal bei Regen und Nebel ein Quartier, das sich am nächsten Tag bei Sonne als das nobelste herausstellte, in dem sie bislang genächtigt haben.

Als die Idee vom eigenen B&B geboren war, begann das Sammeln. Der angedeutete Kamin im Esszimmer diente einst einem Blumenladen in Potsdam als Dekoration. Anderes erstanden sie in Antiquitätenläden in Südengland. Größere Stücke wie antike Stühle entdeckte Sabine Wagner im Internet, und für manches mussten sie gar nicht weit fahren: Die schöne Vitrine und das original englische Frühstücksgeschirr erstanden die Wagners im gut sortierten Antiquitätenhandel in Dabergotz.

Die Deko stimmt – auch auf dem Fensterbrett

Die Deko stimmt – auch auf dem Fensterbrett.

Quelle: Peter Geisler

Nun hat Günther Wagner plötzlich die Seiten gewechselt: Nach einem Jahr auf der Baustelle ist er nun selbst der Gastgeber, macht die Betten, putzt und hat sich inzwischen auch an die Küche gewöhnt. „Wenn mehr als zwei Töpfe auf dem Herd stehen, werde ich nervös“, sagt er, aber ein englisches Frühstück bekommt er hin. „Nur mit dem Plätten der Bettwäsche kann ich mich nicht anfreunden.“

Der Rentner ist froh, wieder eine Aufgabe zu haben, und wenn die Gäste den gedeckten Frühstückstisch fotografieren, nimmt er das als Kompliment. Das B&B wird nicht von ewiger Dauer sein, denn eines Tages soll es ja der Familie als Alterssitz dienen. Bis es so weit ist, hat der heimgekehrte Neuruppiner aber erst einmal die Welt bei sich zu Gast. In der vergangenen Woche war schon ein Mann aus Südafrika da, als nächstes hat sich ein Japaner angemeldet. Ihnen allen serviert Günther Wagner nun die ländliche britische Lebensart. Wer mag, kann im Frühstücksraum in den Bildbänden und Fotobüchern der Wagners blättern und dabei selbst ein wenig von den britischen Inseln träumen – gleich hinterm Bürgersteig der Friedrich-Engels-Straße.

Von Christian Schmettow

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