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Das Haus des Herrn Feierabend

Krematorium Potsdam Das Haus des Herrn Feierabend

Nur an den hohen blauen Schornsteinen ist das Potsdamer Krematorium am Neuen Friedhof äußerlich zu erkennen. Ein Besuch bei den Potsdamer Feuerbestattern und ihrem Leiter, Thomas Feierabend, offenbart einen nüchternen Beruf, in dem Würde, Technik und Bürokratie gleichermaßen eine Rolle spielen.

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Ein Sarg fängt Feuer, nachdem er in den Ofen des Potsdamer Krematoriums geschoben worden ist.

Quelle: Claudia Jonov

Potsdam. Mit seinem Namen meldet sich Thomas Feierabend nicht mehr am Telefon – zu oft wurde der Hörer am anderen Ende vor Schreck aufgelegt. Stattdessen sagt er nur „Krematorium Potsdam, Guten Tag.“ Der 57-Jährige ist seit acht Jahren Leiter des städtischen Krematoriums. Gemeinsam mit drei Feuerbestattern äschert er Tag für Tag die Leichen für die Bestattungsunternehmen aus Potsdam und dem Umland ein. „Die meisten Menschen wissen gar nicht, dass es in Potsdam ein Krematorium gibt oder wo es sich befindet“, sagt Feierabend. Äußerlich fällt nur eines an dem Gebäude auf, das mit der Trauerhalle am Eingang des Neuen Friedhofs verbunden ist: Zwei hohe, blaue Schornsteine. Sie markieren die zwei Öfen.

Auf den blauen Schloten wird das Potsdamer Krematorium als „Kontrolliertes Krematorium“ ausgezeichnet

Auf den blauen Schloten wird das Potsdamer Krematorium als „Kontrolliertes Krematorium“ ausgezeichnet.

Quelle: Peter Degener

Der Eingang liegt abseits. Die Klingel ist mit „Annahme“ beschriftet. Der Eindruck im Inneren ist nüchtern, Boden und Wände sind gefliest, der Geruch ist neutral. Gleich hinter der Tür ragen die hohen Metalltüren der Kühlkammern auf, in denen bis zu drei Särge übereinander bei leichten Minusgraden gelagert werden. Rund 250 Särge hätten in den Kühlkammern Platz. Doch die Zahl der Einäscherungen in Potsdam ist in den vergangenen Jahren stark gesunken, obwohl sich immer mehr Menschen für Urnenbeisetzungen entscheiden. Mehr als 90 Prozent der Potsdamer ziehen die Einäscherung einem Erdbegräbnis vor.

Hinter den Türen der Kühlräume werden die Särge bis zur Einäscherung bei leichten Minusgraden gelagert

Hinter den Türen der Kühlräume werden die Särge bis zur Einäscherung bei leichten Minusgraden gelagert.

Quelle: Peter Degener

Seit Feierabend 2007 die Leitung übernommen hat, sank die Zahl der Einäscherungen in Potsdam von jährlich über 6000 auf etwa 2500. „Brandenburg ist das Land der Krematorien“, begründet Feierabend den Rückgang. Neun Anlagen gibt es hier, die meisten entstanden erst in den vergangenen Jahren als Privatunternehmen. So sind zwei große Kühlkammern und sogar einer der zwei Öfen in Potsdam schon lange unbenutzt. Die Zahl von Feierabends Mitarbeitern sank von zehn auf drei.

Thomas Feierabend ist seit 2007 Leiter des Potsdamer Krematoriums

Thomas Feierabend ist seit 2007 Leiter des Potsdamer Krematoriums.

Quelle: Peter Degener

Thomas Feierabend ist gelernter Baufacharbeiter. Als er arbeitslos wurde, bewarb er sich als Feuerbestatter. Seine Kollegen waren in derselben Situation, hatten im Stahlbau, als Fliesenleger oder Reiseverkehrskaufmann gearbeitet, bevor sie arbeitslos wurden und im Krematorium wieder Arbeit fanden. „Man hat einen Probetag, um herauszufinden ob man das aushält“, sagt Feierabend.

Geschichte der Feuerbestattung und Potsdamer Begräbnis-Statistik

Feuerbestattungen existieren in vielen Kulturen. In Europa sind sie durch die Ausbreitung des Christentums und seiner Lehre von der Wiederauferstehung des Fleisches im Mittelalter durch die Erdbestattung verdrängt worden.

Während der Aufklärung wurde die Idee der Einäscherungen wieder aufgegriffen. Friedrich der Große hatte in einem frühen Testament verfügt, er wolle verbrannt und seine Asche im Rheinsberger Schlosspark beigesetzt werden. Sein Freund, der Graf Kosef Albert von Hoditz, der seinen Lebensabend in Potsdam verbrachte, war ein Fürsprecher der Methode und ließ sich nach seinem Tod 1778 auf dem Schloss Roßwald (Tscheschien) auf einem Scheiterhaufen verbrennen. Die Einäscherung seiner Frau 1752 gilt als erste Feuerbestattung der Neuzeit in Europa.

Durch die zunehmende Verstädterung und einen wachsenden Platzmangel auf Friedhöfen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Idee populärer. Die ersten deutschen Krematorien entstanden ab 1874 in Gotha, Heidelberg und Hamburg. Das Potsdamer Krematorium wurde 1930 fertiggestellt.

919 Potsdamer wurden im Jahr 2014 eingeäschert und auf kommunalen Friedhöfen beigesetzt. Daneben gab es nur 99 Erdbestattungen.

Der Anteil der Einäscherungen unter allen Beisetzungen nimmt stetig zu. 1990 wurden rund 60 Prozent der Verstorben in Urnen beigesetzt. 2015 sind es gut 90 Prozent. Jede dritte Urne wird anonym beigesetzt. Seebestattungen der Asche sind sehr selten - nur 18 Mal wurde 2014 die Asche eines Potsdamers auf offener See verstreut.

„Manche Anlieferungen verbreiten einen unangenehmen Geruch“, erzählt ein Kollege. Zu Gesicht bekommen die Feuerbestatter die Leichen nur im Rahmen der Leichenschau. Zwei mal wöchentlich kommt ein Amtsarzt und vergleicht ein letztes Mal den Totenschein mit dem Leichnam. Protokolliert wird sehr genau. Zu einer Leiche gehört nicht nur der Totenschein, sondern auch eine Sargkarte des Bestatters. Darauf wird eine laufende Nummer notiert. Seit der Modernisierung des Krematoriums 1996 sind fast 149 000 Menschen eingeäschert worden. Ein feuerfester Schamottstein mit derselben Nummer wird in den Sarg gelegt. Geführt werden ein Einäscherungs-Register, ein Verbrennungsbuch und Listen für die Abholung der Urnen.

Die Schamottsteine für jeden Leichnam werden fortlaufend nummeriert

Die Schamottsteine für jeden Leichnam werden fortlaufend nummeriert. Seit der Modernisierung des Krematoriums 1996 sind fast 149.000 Menschen eingeäschert worden.

Quelle: Peter Degener

Die rot glühende Kammer von Ofen 1 öffnet sich auf Knopfdruck. Mit einem weiteren Schalter wird der hydraulische Einfahrwagen in Bewegung gesetzt, die einen darauf abgelegten Sarg nach vorne schiebt. Als die Flammen den Sarg erfassen, schließt die Luke sich bereits. Jeweils eine Stunde verbrennt der Sarg in jeder der zwei Kammern des Ofens – zu Beginn bei höchstens 1000 Grad, zuletzt bei rund 1200 Grad. „Bei diesen Temperaturen schmilzt auch jeglicher Schmuck“, sagt Feierabend. „Sie wollen doch sicher wissen, was mit dem Gold ist. Glauben Sie mir, wir lassen die Leiche so, wie der Bestatter sie uns bringt“, versichert er. Nur Metallgriffe schraubt er mit den Kollegen vom Sarg ab, bevor dieser in den Ofen kommt.

Feuerbestatter Lutz Kohtze bereitet einen weiteren Sarg für die Einäscherung vor

Feuerbestatter Lutz Kohtze bereitet einen weiteren Sarg für die Einäscherung vor. im Hintergrund ist der Ofen zu erkennen.

Quelle: Peter Degener

„Wenn ich die Kiste sehe, denke ich nicht mehr darüber nach, dass da eine Leiche drin ist“, sagt Lutz Kohtze, einer von Feierabends Bestattern. Er arbeitet seit 14 Jahren hier. Wenn der Sarg erst einmal im Ofen ist, konzentriere er sich auf die Anlage. „Das nimmt Dir viel weg von dem Gedanken ,Ich verbrenne hier eine Leiche’“. Wenn jedoch einmal Freunde oder Verwandte sterben und verbrannt werden, „dann nimmt der Mitarbeiter in der Regel einen freien Tag“, sagt Feierabend. Das haben alle Mitarbeiter schon einmal erlebt. „Das Leben hat für jeden ein Ende und ich glaube, wir sind durch unsere Arbeit besser auf Tod vorbereitet als die meisten“, sagt Lutz Kohtze. „Herr Kohtze geht ins Feuer“, sagt er über sein eigenes Schicksal nach dem Tod, “hier weiß ich, dass das ordentlich gemacht wird.“

Der Sarg fängt sofort Feuer, sobald er in die erste Ofenkammer geschoben wird

Der Sarg fängt sofort Feuer, sobald er in die erste Ofenkammer geschoben wird. Hier herrschen bis zu 1000 Grad. Nach einer Stunde kommt er in die noch heißere zweite Kammer.

Quelle: Peter Degener

Die Feuerbestatter sind stolz auf ein „hundertprozentiges Produkt“. Hinter einer Glasscheibe mit Blick auf den Ofen verfolgen sie die Emissionswerte und Temperaturen in den Brennkammern auf dem Monitor. „In der Urne sind menschliche Überreste, die absolut trocken und geruchsfrei sind“, sagt Kohtze. Auch was nicht in die Urne, sondern aus dem Schornstein kommt, hat heutzutage hohe Qualität. „Früher kam da schwarzer Rauch raus, heute ist er weiß!“ betont Feierabend. An einem der Schornsteine prangt das Siegel „Kontrolliertes Krematorium“, das regelmäßig erneuert werden muss. Darunter sorgt eine raumgreifende Filteranlage dafür, dass keine Schadstoffe wie Quecksilber in die Luft geraten.

Im Untergeschoss werden auch die „Aschekapseln“ aus schwarzem Aluminium gelagert

Im Untergeschoss werden auch die „Aschekapseln“ aus schwarzem Aluminium gelagert. Sie wird später vom Bestatter mit einer Schmuckurne umschlossen.

Quelle: Peter Degener

Die zweite Kammer des Ofens öffnet sich erst im Untergeschoss des Krematoriums. Dort ist der Geruch nicht mehr neutral. „Wenn der Brennvorgang vorbei ist, ist in der Asche nur noch das Skelett erkennbar“, sagt Feierabend. Es zerfalle bei der kleinsten Berührung. Die Überreste werden anschließend gemahlen und in eine schwarze Aluminium-Urne, die Aschekapsel, verfüllt.

Der feuerfeste Schamottstein hat den Brand überstanden und bleibt in der Urne, damit die Asche auch später noch identifiziert werden kann

Der feuerfeste Schamottstein hat den Brand überstanden und bleibt in der Urne, damit die Asche auch später noch identifiziert werden kann.

Quelle: Peter Degener

Wie schwer ein Mensch war, spielt nur bei der Dauer des Verbrennens eine Rolle. Am Ende bleiben von einem durchschnittlich großen Menschen rund zwei Kilogramm Asche übrig. Sollte es weitere Überreste geben, kommen sie mit in die Aschekapsel. Nur größere Rückstände, wie künstliche Hüftgelenke werden herausgenommen. Der nummerierte Schamottstein ist nach dem Brand unverändert und wird ebenfalls beigelegt. Auf einem silbernen Deckel sind der Name des Toten, die Lebensdaten und der Tag der Einäscherung eingraviert.

In diesem Holzregal, sortiert nach Bestattungsunternehmen, wird die Urne bis zur Abholung aufbewahrt

In diesem Holzregal, sortiert nach Bestattungsunternehmen, wird die Urne bis zur Abholung aufbewahrt.

Quelle: Peter Degener

Thomas Feierabend trägt die gefüllte Urne nach oben. Neben dem Eingang befindet sich ein Raum mit einem gepolsterten Holzregal. Die Fächer sind nach den Bestattungsunternehmen der Region sortiert - rechts von der Tür die Potsdamer, links die Unternehmen aus dem Umland. Er legt sie auf die Seite, damit die Nummer auf dem ersten Blick lesbar ist. So wartet die Asche auf ihre Abholung.

Die Trauerhalle des Neuen Friedhofs befindet sich direkt neben dem Krematorium

Die Trauerhalle des Neuen Friedhofs befindet sich direkt neben dem Krematorium.

Quelle: Peter Degener

Von Peter Degener

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