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Der vergessene Friedhof von Neuruppin

Alte Gräber unter der Innenstadt Der vergessene Friedhof von Neuruppin

Immer im November wird in Neuruppin der Martinimarkt gefeiert – es ist eines der größten Volksfeste Norddeutschlands. Nun laufen auf dem Feiergelände aufwändige Ausgrabungsarbeiten. Denn bei Bauarbeiten für den Jahrmarkt sind dort Gräber eines einst vergessenen Friedhofs entdeckt worden. Die Funde geben Aufschlüsse über die Geschichte der Stadt.

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Gräber wurden in mehreren Lagen übereinander angelegt.
 

Quelle: Peter Geisler

Neuruppin.  Die offenen Grabestellen ziehen jede Menge Neugierige an. Es kommt nicht alle Tage vor, dass mitten in einer Stadt ein alter Friedhof freigelegt wird. Seit knapp einer Woche sind die Archäologen der Firma ABD Dressler am Neuruppiner Braschplatz dabei, die Überreste von Menschen freizulegen, die dort einst auf dem städtischen Armenkirchhof bestattet wurden: Männer, Frauen, Kinder. Manche müssen noch sehr jung gewesen sein, als sie starben, sieht man sich an, wie klein die Gräber sind.

Vorsichtig arbeiten sich die Wissenschaftler Zentimeter für Zentimeter in die Tiefe. Mit Hacken, Löffeln und Pinseln entfernen sie sorgsam Erde und Wurzeln, die sich im Laufe der Jahrhunderte der Toten bemächtigt haben.

Auch die Überreste von Kindern sind in der Baugrube gefunden worden

Auch die Überreste von Kindern sind in der Baugrube gefunden worden.

Quelle: Peter Geisler

Wann sie dort bestattet wurden, kann Grabungsleiter Jan Fornfeist nur schätzen. „Ich würde vorsichtig sagen, die Gräber stammen aus dem 17. oder 18. Jahrhundert.“ Für eine genauere Einordnung wäre es hilfreich, den Aufbau des Bodens rundherum zu begutachten. Der Blick darauf ist allerdings durch die Spundwände versperrt, die in die Erde gerammt wurden, um die Baugrube zu sichern.

Schon vor den Funden war bekannt, dass sich an dieser Stelle der einstige Armenfriedhof von Neu-Ruppin befand. Das Gelände lag bis zum großen Brand 1787 außerhalb der Stadt. Auf zwei Seiten war der Kirchhof von Gärten umgeben, im Norden lag das Berliner Tor, im Westen erstreckte sich der sogenannte Bürger-Acker. So ist es auf alten Plänen aus der Zeit vor dem Stadtbrand zu erkennen.

Die Archäologen gehen behutsam zu Werke

Die Archäologen gehen behutsam zu Werke.

Quelle: Peter Geisler

Beim Wiederaufbau wurde Neuruppin größer. Wo vorher Menschen bestattet wurden, legten die königlichen Stadtplaner den heutigen Braschplatz an, benannt nach Bauinspektor Bernhard Brasch. Dass wahrscheinlich ein gehöriges Stück Stadtgeschichte in der Erde steckt, war deshalb klar, als die Bauarbeiter in der vergangenen Woche begannen, an der Ecke Friedrich-Engels- und Präsidentenstraße eine Grube für die unterirdische Trafostation auszuheben, die künftig die Fahrgeschäfte des Martinimarktes auf dem Braschplatz mit Strom versorgen soll. Zurzeit ruhen die Arbeiten weitgehend. Die Bauleute müssen warten, bis die Archäologen alle Funde gesichert haben.

Der Friedhof an der früheren St.-Gertrud-Kapelle, die einst am Rand der Stadt stand, wurde vermutlich über Jahrhunderte genutzt. Schon 1433 wird die Kapelle erwähnt. Fornfeist kann sich vorstellen, dass noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts dort Menschen bestattet wurden. Der neue Friedhof wurde erst 1798 außerhalb des neuen Neu-Ruppins eröffnet.

Wo eine unterirdische Trafostation geplant ist, haben die Archäologen seit Tagen zu tun

Wo eine unterirdische Trafostation geplant ist, haben die Archäologen seit Tagen zu tun.

Quelle: Peter Geisler

Die Gräber wurden vermutlich in mehreren Lagen übereinander angelegt. „Ich schätze mal, wir sind jetzt in der dritten Lage“, sagt Fornfeist. Ob sich auch darunter Gräber erstrecken, stellt sich erst heraus, wenn die oberen gesichert sind. Alle Funde werden fotografiert, vermessen und zentimetergenau in einem handgezeichneten Lageplan erfasst. Die Knochen werden später ans Landesdenkmalamt übergeben. Immer wieder bekommen es die Archäologen auch mit Menschen zu tun, die die Funde am liebsten mitnehmen würden. Zur Sicherheit arbeiten die Forscher jeden Abend so lange, bis alle Toten geborgen sind. Grabungsleiter Jan Fornfeist geht davon aus, dass die Bauarbeiten bald weitergehen können. Bis zum Martinimarkt soll der Stromanschluss fertig sein. Eröffnet wird der Rummel am 30. Oktober.

Von Reyk Grunow

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