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Deutschlands umstrittenster Sterbehelfer

Sterbehilfe Deutschlands umstrittenster Sterbehelfer

Darf man sich seinen Tod aussuchen? Eine Frage, die seit Jahren sowohl in der Politik als auch an den Stammtischen der Eckkneipen heiß diskutiert wird. Die MAZ hat Deutschlands umstrittensten Sterbehelfer besucht – und einen seiner Kunden.

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Roger Kusch, Rechtsanwalt und ehemaliger Justizsenator von Hamburg, ist Vorstandsvorsitzender und Gründer des Vereins „Sterbehilfe Deutschland“.

Quelle: imago stock & people

Essen/Hamburg. Ein Zettel genügt, dann kommt der Tod zu Reinhart Scholl. Ein Brief, zu schreiben in der denkbar knappsten Form, ohne Anrede, ohne Gruß, ohne Absender. „Mitglied Nummer 569 wünscht Kontakt“, so soll er es an die Zentrale in Hamburg schreiben. Dann kommt jemand mit dem Gift.

Reinhart Scholl schüttelt den Kopf mit dem kurzen grauen Haar. Der konspirative Ton, das Geheimnisvolle dieser Anweisungen, „das ist natürlich lächerlich“, sagt er. Sterben wollen, das ist für ihn kein Grund für Heimlichkeiten. „Ich mache das ja nicht aus Versehen.“

Dreimal Krebs: Prostata, Niere, Blase

Reinhart Scholl, 72, lebt in einer Neubauwohnung im Süden von Essen. Für die fünf Schritte von der Küchenzeile bis zur Couch stützt er sich auf den Rollator. Auf dem Couchtisch liegen ein Schachbrett, eine einsame Flasche Weizenbier vom letzten Abend, Fernsehzeitschriften. Er mag Tierfilme, „Tiere sind so unverstellt“, sagt er.

Reinhart Scholl hat viel Zeit allein. Das kann man sehen. Was man nicht sieht: Dass er in den vergangenen Jahren drei Mal Krebs hatte. Prostata, Niere, Blase. Operation, Bestrahlung, Entfernung einer Niere, alles hat er hinter sich. Scholl lebt gern, das ist ihm wichtig. Am Wochenende hat er bei der deutschen Amateurschachmeisterschaft in Bad Sooden-Allendorf gespielt. 46 Teilnehmer, Scholl belegte den ersten Platz. So gut war er noch nie. Aber noch mal Krebs, sagt Scholl, würde er nicht mitmachen.

Verein verhilft Reinhart Scholl zum Suizid

Im vergangenen Jahr hat er sich bei einem Sterbehilfeverein angemeldet, Sterbehilfe Deutschland. Interviews, psychiatrisches Gutachten, dann erhielt Scholl „grünes Licht“. Das heißt: Der Verein hilft ihm beim Suizid. Wann immer er will. Scholl bestimmt. „Das ist für mich eine unglaubliche Erleichterung, dass es ganz einfach geht“, sagt Scholl. „Eine kolossale Entspannung.“

Diese Erleichterung wird Reinhart Scholl aber wohl nicht mehr lange bleiben. Am Ende dieser Woche will der Bundestag über ein Sterbehilfegesetz abstimmen. Es ist das Ende einer mehr als einjährigen Debatte. Vier Entwürfe liegen nun bereit, von einer weitgehenden Liberalisierung bis zum kompletten Verbot. Der Entwurf, der bislang die meisten Befürworter fand, würde Sterbehilfe im einzelnen Fällen erlauben. Verbieten aber würde er gewerbsmäßige Sterbehilfe. „Dieser Entwurf“, sagt Roger Kusch im Büro seines Vereins „Sterbehilfe Deutschland“ in Hamburg nüchtern, „ist messerscharf auf unseren Verein zugeschnitten.“

235 Menschen seit 2009 beim Sterben geholfen

Dem 61-jährigen Kusch, von 2001 bis 2006 Justizsenator in Hamburg, liegt es fern zu leugnen, dass „Sterbehilfe Deutschland“ vor allem einem Zweck dient: Sterben. 235 Menschen hat der Verein seit 2009 beim Sterben geholfen, davon 73 allein in diesem Jahr. Beihilfe zum Suizid, also zum Beispiel einem Todkranken tödliche Mittel zur Verfügung zu stellen, ist bislang nicht strafbar, sofern der Sterbewillige sie selbst nimmt – das machen sich in Deutschland bislang etwa eine Handvoll Sterbehelfer zunutze. Und „gewerbsmäßig“? Wer mit „Sterbehilfe Deutschland“ vor Ablauf eines Jahres seinem Leben ein Ende setzen will, zahlt 7000 Euro.

7000 Euro. Das soll kein Geschäft mit dem Tod sein? Kusch blickt durch die bodentiefen Fenster seines Büros an der Reeperbahn, 19. Stock, Blick auf Elbe und Michel. Erwähnt Ausnahmen für Hartz-IV-Empfänger und die Mitgliedschaft mit drei Jahren Wartezeit für 200 Euro im Jahr. Der Vorstand, beteuert Kusch, erhalte nicht mal eine Aufwandsentschädigung. Aber 7000 Euro? Wie kommt diese Summe zustande? Die Antwort bleibt Roger Kusch schuldig.

In den Selbstmord gedrängt statt zu helfen?

Das frühere CDU-Mitglied eine umstrittene Person zu nennen wäre eine freundliche Untertreibung. Kusch spricht mit sanfter Stimme, seine Thesen jedoch waren immer umso schärfer. Kusch traf Befürworter der Todesstrafe, wollte das Jugendstrafrecht abschaffen, und gründete am Ende eine rechtspopulistische Partei. Inzwischen hat ihn seine eigene Behörde angeklagt. Die Staatsanwaltschaft Hamburg ist überzeugt, dass Kusch und sein Mitstreiter, der Psychiater Johann Spittler, zwei 81 und 85 Jahre alte Frauen 2012 in den Tod gedrängt haben, statt ihnen Hilfsangebote aufzuzeigen. Die Anklage liegt seit einem Jahr beim Landgericht Hamburg.

Kusch beteuert seine Unschuld. Er hält sich für einen Idealisten, jemanden, der auch der „Bäckersfrau aus Bremen“, die er im Gespräch immer mal wieder zitiert, einen Weg zeigen will, Leiden zu vermeiden. Vielleicht glauben ihm die Menschen das. Vielleicht ist es ihnen aber auch einfach gleichgültig, wenn sie nur verzweifelt genug sind. 609 Mitglieder hat „Sterbehilfe Deutschland“ inzwischen. 83 von ihnen haben die Tests absolviert, das psychiatrische Gutachten, ein Videointerview. Sie haben, in der Sprache der Sterbehelfer, „grünes Licht“. So wie Reinhart Scholl.

Schach-WM auf Rhodos nach dem Ruhestand

Dass er eine unheilbare Krankheit nicht bis zum Ende ertragen will, das, sagt Scholl, habe für ihn schon früh festgestanden. „Ich habe immer selbstbestimmt gelebt.“ Was das für ihn bedeutet, davon erzählt zum Beispiel die Geschichte, wie er in den Siebzigerjahren, als junger Psychologe, mit dem Motorrad durch die Sahara fuhr. Es war sein dritter Versuch, sechs Wochen brauchte er. Er schlief in einem selbstgebauten Zelt. Manchmal traf er tagelang keinen Menschen. Scholl zeigt Fotos von den Spuren, denen er durch die Wüste folgte.

Wenig später, mit gerade mal 36 Jahren, wurde er Professor für Psychologie. Damals war er einer der Jüngsten. Als er vor sieben Jahren in Ruhestand ging, brachte er sich Schach bei. Aber nicht, um gegen die Senioren im Stadtteiltreff anzutreten, nein, Scholl spielte 2014 bei der WM der Amateure auf Rhodos. „Dr. Reinhart Scholl“, das Namensschild steht als Souvenir auf seinem Couchtisch.

Kaum Freunde und die Lebensgefährtin psychisch schwer erkrankt

„Was ich mir vorgenommen habe, das ist mir meistens auch gelungen“, sagt Scholl. Das soll nicht eitel klingen. Es beschreibt nur sein Lebensmodell. Dass es irgendwas gibt, das mächtiger ist als er, das war darin noch nie vorgesehen.

Und heute? Kinder hat Reinhart Scholl nicht. Seine Lebensgefährtin, deretwegen er nach Essen gezogen ist, ist psychisch schwer erkrankt, sie sehen sich kaum noch. Freunde hat er dort wenige. Das Rausgehen fällt ihm schwer, Einkäufe lässt er sich bringen. Ein Rückschlag noch, eine schwere Krankheit, dann ist vielleicht der Punkt für ihn erreicht. Und dass es dann Menschen gibt, die ihn mit einem Gesetz daran hindern, seinen Plan umzusetzen, das will Reinhart Scholl nicht hinnehmen. Den Gesetzentwurf, der die Sterbehilfevereine verbieten soll, hat er sich ausgedruckt und die Namen der Politiker, die ihn unterstützen, rot angestrichen, voller Wut. „Ignoranz“ wirft er ihnen vor, „die haben doch nie ein selbstbestimmtes Leben geführt“.

Scholl redet viel vom Tod – aber noch mehr vom Leben

Das ist der Punkt, an dem aus Reinhart Scholl und Roger Kusch, dem kranken Mann aus Essen und dem Provokateur aus Hamburg, eine Koalition wird. Beide wollen gegen ein Gesetz klagen, das die Sterbehilfe in Deutschland tatsächlich einschränken würde. Kusch, dem es schon immer ganz gut gefiel, wenn er Aufmerksamkeit dafür bekam, dass er es mit der Mehrheit aufnahm. Reinhart Scholl wiederum findet, eine Einschränkung der Sterbehilfe gehe „gegen die Menschenwürde“.

Hinnehmen wird er es nicht. „Ich habe mir schon etwas überlegt.“ Aber vorher, im nächsten Mai, will er noch zur Schach-WM nach Kos. „Das ist mein Ziel.“ Mag sein, dass Reinhart Scholl viel vom Tod redet. Aber viel mehr noch vom Leben.

Von Thorsten Fuchs

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