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"Es geht vorbei!"

Trauern ist ein Prozess "Es geht vorbei!"

Trauer scheint oft ausweglos, dabei ist sie ein ganz normaler Prozess, der sich allerdings nicht nur auf die Stimmung, sondern auch auf unsere Gesundheit auswirkt.

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„Ein trauriges Gesicht wird von jedem erkannt“: Doch nicht nur die Mimik von Trauernden verändert sich. Oft beeinträchtigt starke Trauer auch den Stoffwechsel und wichtige Körperfunktionen.

Quelle: Fotolia

Als ihr Vater starb, war das für Katharina Hartmann zunächst ein Schock: Zwar war er schon länger krank, doch auf einmal ging dann alles sehr schnell. In der ersten Zeit nach seinem Tod fühlte sie sich verwirrt, nahm vieles um sich herum nur ungenau war. Gleichzeitig war der Kummer körperlich spürbar, er fühlte sich an wie ein Stein auf der Brust oder wie eine große Last, die sie niederdrückte. Ihr verging der Appetit, genau wie ihrer Mutter, die mehrere Kleidergrößen an Gewicht verlor. Der Bruder lag nachts im Bett und konnte nicht schlafen.

Was die Familie erlebte, ist typisch für tiefe Trauer: Es reagiert nicht nur die Psyche, sondern auch unser Organismus. Doch woran liegt das, und was geht dabei im Körper vor?

Psychologen definieren Trauer als Reaktion auf einen Verlust. Dabei muss es nicht immer ein geliebter Mensch sein, den man vermisst. Auch wer einen großen Traum aufgeben muss oder seine Gesundheit verliert, kann darum trauern. Beim Verlust des Partners durch Tod oder Trennung kommen gleich mehrere Punkte zusammen – nicht nur die Person, auch die gemeinsamen Lebensziele gehen dadurch verloren. Trauer besteht nicht bloß aus Traurigkeit, selbst wenn diese das vorherrschende Gefühl ist, sagt Götz Fabry, er lehrt medizinische Psychologie an Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. „Zum gesamten Prozess der Trauer gehören auch andere Empfindungen, wie Wut, Verzweiflung oder Schuldgefühle. Und wie alle Emotionen geht die Trauer mit körperlichen Veränderungen einher.“ Als Beispiel nennt er die Gesichtsmuskulatur, die unsere Mimik bestimmt: „Ein trauriges Gesicht wird von jedem erkannt.“ Aber die Veränderungen gehen weit darüber hinaus. Der Stoffwechsel befindet sich im Ausnahmezustand, das Zwischenspiel der Hormone verändert sich und beeinflusst Körperfunktionen wie Psyche gleichermaßen. Betroffene leiden unter Atemnot, Herzrasen oder Verdauungsbeschwerden, können nicht schlafen und haben keinen Appetit. Stresshormone werden ausgeschüttet und hemmen die Funktion des Immunsystems, was anfälliger für Krankheiten macht. Man fühlt sich traurig, aber manchmal auch ärgerlich, gereizt, ängstlich oder verwirrt und zieht sich zurück.

Dass die Gesundheit durch Trauer beeinträchtigt wird, konnten Studien längst belegen: So haben Verwitwete zwei Jahre nach dem Verlust des Partners ein erhöhtes Sterberisiko. Ein klassisches Krankheitsbild, das die Auswirkungen von Kummer auf die Gesundheit zeigt, ist das sogenannte „Broken-Heart-Syndrom.“ Benannt wurde das Phänomen nach dem sprichwörtlichen gebrochenen Herzen, weil es oft bei Trauernden auftritt. Beim Broken-Heart-Syndrom führt eine massive Ausschüttung von Stresshormonen dazu, dass sich der Herzmuskel verkrampft, was herzinfarktähnliche Symptome auslösen kann.

Doch auch wenn Trauer unangenehm und manchmal sogar ungesund ist: Sie hat durchaus ihren Sinn, sagt Psychologe Fabry. Viele der typischen Trauersymptome haben eine Funktion, die sich evolutionsbiologisch erklären lässt. Angefangen bei einem traurigen Gesicht, das andere dazu bringt, uns zu trösten. Auch die zeitweilige Abkehr von der Außenwelt erfüllt einen Zweck: Sie macht es dem Trauernden möglich, sich ganz auf sich selbst zu besinnen, um den Verlust aufarbeiten zu können. Den Fokus nach innen zu lenken gibt dazu die nötige Kraft. In Studien wurde außerdem festgestellt, dass bestimmte Gehirnfunktionen bei Trauernden gesteigert sind. So können sie Informationen präziser verarbeiten als sonst und haben ein geschärftes ­Erinnerungsvermögen. Möglicherweise ein Mechanismus, der hilft, den Verlust richtig einzuordnen, um sich schließlich neu orientieren zu können.

 „Es ist insgesamt wichtig, die Trauer als normalen Prozess zu sehen, der zwar hässlich, aber notwendig und durchaus konstruktiv ist“, sagt Fabry. Betroffene, aber auch deren Freunde und Angehörige sollten sich in Geduld üben und sich klarmachen: „Es geht vorbei.“ Für etwa 85 Prozent der Trauernden ist ein Jahr nach dem Verlust das schlimmste Leid vorüber. Nur ein kleiner Anteil findet nicht aus der Phase heraus. Oft steckt ein falscher Umgang mit der Trauer dahinter: Wer eine Trennung nicht akzeptieren möchte oder das Andenken an einen verstorbenen Menschen auf Dauer zum Lebensmittelpunkt macht, schadet sich damit selbst und versäumt es loszulassen.

Hartmann hat es geholfen, dass ihre Freunde in der schlimmsten Zeit für sie da waren. Und sie versucht, Geduld mit ihrer Mutter zu haben, deren Verhalten sie manchmal als stoisch empfindet und die noch nicht wieder gerne unter Menschen geht. Weil sie weiß: Sie braucht einfach noch etwas Zeit.

Auch der Körper trauert mit

Noch vor Jahrzehnten gingen Psychologen davon aus, dass optimistische Gefühle oder gar Lachen in der Trauerphase nichts zu suchen hätten. Die neuere Forschung widerspricht dem allerdings.

Wer trauer t, der darf auch fröhlich sein. Denn positive Gefühle, so weiß man mittlerweile, kommen in jeder Lebenslage vor. So auch währendder Trauer, die in Wellenbewegungen verläuft. Also mal mehr, mal weniger stark ist.

Wer auf Dauer in seinem Schmerz abtaucht, der läuft Gefahr, dass sich die Trauer negativ auf seine Gesundheit auswirkt. So kann Trauer beispielsweise Atem-Herz und Verdauungsbeschwerden hervorrufen. Auch klagen Trauernde häufig über Unruhe, Appetitlosigkeit und Schlaflosigkeit. Längere Phasen der Trauer können zur Schwächung des Immunsystems führen. Zwei Jahre nach dem Tod des Partners hat man bei Verwitweten eine erhöhte Sterberate festgestellt und zehn Jahre nach dem Verlust des Partners immer noch ein erhöhtes Krankheitsrisiko. Auffällig ist auch, dass Hinterbliebene oft mehr Alkohol und Nikotin konsumieren, zu Tranquilizer und Hypnotika greifen.

Von Irene Habich

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