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Informationstage „Sterben in Potsdam“

Publikumsveranstaltung mit Experten, Initiativen und Künstlern Informationstage „Sterben in Potsdam“

Doreen Chamulla hat eine Verwandte beim Sterben begleitet und im Nachhinein das Gefühl, immer zu spät gewesen zu sein. Dieses Erleben gab den Anstoß für die Organisation einer zweitägigen Veranstaltung über „Sterben in Potsdam – Wie wir es in die eigenen Hände nehmen können“ am 26. und 27. Februar in der Wilhelm-Galerie am Platz der Einheit.

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Szene aus dem Film „Halt auf freier Strecke“ (Regie: Andreas Dresen) mit Milan Peschel und Steffi Kühnert, der am 26. Februar in der Wilhelm-Galerie läuft.

Quelle: dpa

Potsdam/Innenstadt. „Rückblickend habe ich mich unglaublich darüber geärgert, dass ich so viel Zeit mit Behördengängen und auf Suche nach Informationen im Internet verbracht habe statt mit ihr, als schon abzusehen war, dass es nicht mehr lange geht.“ Das sagt Doreen Chamulla heute, mehr als ein Jahr nach dem Tod ihrer Tante, der letzten Familienangehörigen, die sie in Potsdam noch hatte.

„Ich kannte sie von klein auf. Zu den Feiertagen, Ostern, Weihnachten, zu den Geburtstagen war sie immer präsent. Zwischendurch seltener.“ Als die Tante krank wurde, „fing es mit ganz normalen Sachen an: einkaufen, die Wohnung putzen, staubsaugen.“ Irgendwann konnte die Tante nicht mehr laufen und kam in ein Heim mit betreutem Wohnen.

„Sie war sehr sortiert, vorbereitet, überhaupt nicht erschrocken. Sie hatte sich das Heim selbst ausgesucht und alle wichtigen Sachen schon Jahre vorher geregelt: das Testament, die Beerdigung, die Patientenverfügung.“ Mit der Verfügung hatte die Tante auch geregelt, dass ihr Leben im Sterbensfall nicht künstlich mit Geräten verlängert wird. „Sie wollte nicht leidend sterben.“

Im Pflegeheim war die Tante eine derjenigen, die mit Rollator und Gehhilfe „noch ganz fit und selbstständig“ sind. „Wie eh und je wollte sie ihren Alltag selbst gestalten. Sie hielt auch ihr Zimmer selbst sauber, so weit das möglich war. Und weil sie alles selbst machen konnte, hat man auch seltener nach ihr gesehen.“ Dem Heim könne sie für das was dann geschah, keinen Vorwurf machen.

Eine Abends ist die Tante im Bad gestürzt: „Sie muss mehrere Stunden dort gelegen haben, bis man sie gefunden hat. Unterkühlt und verletzt ist sie ins Krankenhaus gekommen. Als man mich endlich informiert hatte, steckte sie schon an den Geräten, die sie nie haben wollte.“ Erst nach Tagen seien die Apparate abgestellt worden: „Es gab Momente, da hatte sie im Bett schwach aufgeblickt, als wollte sie sagen: Aus! Aus!“ Als die Geräte aus waren, fiel die Tante ins Koma. Stunden später starb sie.

Doreen Chamulla sollte später für sich bilanzieren, dass die Begleitung der Tante für sie trotz aller Vorkehrungen eine permanente Überforderung war. Die ständigen Fragen der Organisation, was braucht sie, was braucht sie nicht? Die Klärung der Pflegestufe. Die Finanzen: Was muss selbst bezahlt werden, was kommt wo anders her? Allein die Beschaffung des Rollstuhls, „damit ich sie ab und zu rausfahren kann, in den Park Sanssouci, nach Werder auf die Insel“.

Doch das sei längst noch nicht alles. „Denn wir leben ja weiter in der eigenen Familie mit einem Job und zwei Kindern, mit Sport und Musik und dem ganz normalen Alltagswahnsinn. Und dazwischen rutscht die Tante und das Gefühl, immer zu spät da zu sein.“

In der Wilhelm-Galerie gibt es am 26. und 27. Februar Informationstage zum Thema „Sterben in Potsdam – Wie wir es in die eigenen Hände nehmen können“. Doreen Chamulla, die im Auftrag des Managements der Wilhelm-Galerie Events organisiert, ist die Initiatorin. Der Anstoß dazu kam aus dem eigenen Erleben, dem kurz danach der Krebstod der Mutter einer engen Freundin folgte.

„Ich habe angefangen, Leute anzuschreiben, ob sie Interesse haben, zu diesem Thema auf die Bühne zu kommen.“ Ein Anliegen ist der Abgleich von Hilfsangeboten. Ein anderes die Aufklärung. Das Spektrum reicht von der Hilflosigkeit bei der Begleitung Sterbender und der Angst vor dem eigenen, qualvollen Sterben bis zu der Möglichkeit, verstorbene Angehörige für eine gewisse Zeit zu Hause aufzubahren, um Abschied nehmen zu können.

Das Programm der Informationstage

Unter dem Motto „Sterben in Potsdam – Wie wir es in die eigenen Hände nehmen können“ werden am 26. und 27. Februar in der Wilhelm-Galerie am Platz der Einheit Informationstage für Betroffene, Angehörige und Interessierte stattfinden. Der Eintritt ist frei. Alle sind eingeladen, sich vor Ort mit Gedanken, Fragen und Wissen rund um das Thema Sterben, Tod und Trauer einzubringen.

Am ersten Abend ab 19.30 Uhr gibt es ein Podiumsgespräch mit Andreas Dresen (Regisseur), Georg Maschmeyer (Chefarzt Palliativmedizin im Bergmann-Klinikum), Jan Möllers (alternativer Bestatter), Yvonne Köllner (Hospiz). Der Buchhändler Carsten Wist und der Künstler Lothar Krone lesen. Eine zweite Podiumsrunde folgt am 27. Februar mit Hanna-Luise Zscherpel (Haus- und Palliativärztin), Heike Borchardt (Hospizdienst), Patricia Engelhardt (Pflegedienst) und Johannes Albrecht (Seelsorger).

An beiden Tagen gibt es ab 13 Uhr Infostände mit den Potsdamer Klinikclowns, dem Pflegestützpunkt, der Landesarbeitsgemeinschaft Onkologische Versorgung, dem Hospiz und dem Hospizdienst, der Charta zur Betreuung sterbender und sterbenskranker Menschen Deutschland, der Brandenburgische Krebsgesellschaft, der Björn Schulz Stiftung und der AOK.

Der Film „Halt auf freier Strecke“ von Andreas Dresen wird am ersten Abend um 21 Uhr gezeigt, am zweiten Abend folgt „Am Ende ein Fest“ (Regie: Sharon Maymon, Tal Granit). Begleitend gibt es Kunst von Sabine Raetsch und Gosha Nagashima.

Neben Fachleuten wie dem Chefarzt für Palliativmedizin am Klinikum „Ernst von Bergmann“, Georg Maschmeyer oder Yvonne Köllner vom Hospiz auf Hermannswerder sind Selbsthilfeorganisationen wie die Krebsgesellschaft und die Björn-Schulz-Stiftung, aber auch Künstler wie Andreas Dresen dabei. Im Beisein des Regisseurs wird sein mehrfach ausgezeichneter Spielfilm „Halt auf freier Strecke“ gezeigt, das Drama um einen Berliner Familienvater, der langsam an einem Gehirntumor verstirbt.

Von Volker Oelschläger

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