Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Regen

Navigation:
Pfarrerin sucht Totenschädel aus der Gruft

Gruft der Rochows geschändet Pfarrerin sucht Totenschädel aus der Gruft

Partys und Mutproben in der Kirchengruft: Über viele Jahre war die letzte Ruhestätte der Trechwitzer Gutsherren (Potsdam-Mittelmark) geschändet worden. Grabräuber hatten die Särge aufgebrochen und die menschlichen Überreste derer von Rochow verunstaltet. Dank einer Spende wurde die Gruft jetzt wieder hergerichtet. Doch noch immer fehlen Skelettteile.

Voriger Artikel
Gericht lehnt Rheinsberger Klage ab
Nächster Artikel
Friedhofsgebühren weiter unklar

Das wiederhergerichtete Rochowsche Erbbegräbnis in der Trechwitzer Kirchengruft.

Quelle: Jacqueline Steiner

Trechwitz. Es sind nur ein paar Stufen bis in die Trechwitzer Unterwelt. „Vorsicht, Kopf einziehen! Die Menschen waren früher nicht so groß wie heute“, warnt Kai-Uwe Manzke. Der Kirchenälteste öffnet die provisorische Bautür. Dahinter verbirgt sich der Abstieg in die Kirchengruft. Ein Ort mit Gruselfaktor. In dem Gewölbe unter dem Altarraum riecht es muffig. Die Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Auf Holzbalken stehen drei uralte Eichensärge mit den sterblichen Überresten von Mitgliedern der Trechwitzer Rochow-Dynastie, so als hätten ihre Gebeine immer in Würde in der Grabkammer geruht.

Kirchenältester  Kai-Uwe Manzke

Kirchenältester Kai-Uwe Manzke

Quelle: JACQUELINE STEINER

Das Gegenteil war der Fall, wie Kirchenältester Manzke berichtet. Der Eingang wurde in den 1980er-Jahren zugemauert. Davor war die Trechwitzer Kirchengruft ein Ort für Mutproben, Partys und blinde Zerstörungswut. Beim Blick durch eine kleine Öffnung konnte man den Grad der Verwüstung erahnen. Einem großzügigen Spender, der anonym bleiben möchte, ist die jetzt erfolgte Wiederherrichtung des Rochowschen Erbbegräbnisses zu verdanken. Doch was sich den Beteiligten zunächst bei der Öffnung der Gruft bot, war ein Bild des Grauens.

„Wir sahen aufgebrochene Särge. Knochen lagen kreuz und quer. Es gab jede Menge Müll, Dreck und Schutt“, berichtet Bestatter Helmut Roloff aus Lehnin. Über die Jahre waren den zum Teil mumifizierten Leichen Bekleidung und Rüstungen gestohlen worden. Die Bestatteten hingen aus den Särgen heraus. Allen fehlten die Köpfe, manchen Füße oder Hände. Roloff hatte von der Kirchengemeinde den Auftrag zur Wiederherrichtung der Gruft bekommen.

Letzte Beisetzung 1847

Von den sechs ursprünglich vorhandenen Särgen in der Trechwitzer Kirchengruft sind noch drei erhalten. Die bei der Öffnung im September gefundenen Gebeine lassen auf die sterblichen Überreste von vier Personen schließen. Deren genaue Identifikation ist unklar.

Als sicher gilt, dass unter den wieder eingebetteten Skelettteilen auch die sterblichen Überreste des Erbauers der Barockkirche, Ludolph Ehrenreich von Rochow, sind. Er wurde 1751 in der Gruft bestattet. Ebenso seine Gattin Eberhardine Johanna.

Laut Eintragung im Trechwitzer Sterberegister ist in der Gruft zuletzt 1847 die in Brandenburg verstorbene Henriette von Rochow, geborene Henning, beigesetzt worden, wohl neben ihrem zuvor verstorbenen Gatten, dem königlich preußischen Hauptmann und Ritter des Eisernen Kreuzes Ernst Friedrich von Rochow.

„Kein gewöhnlicher Auftrag“, wie der Bestatter einräumt. In Schutzbekleidung beräumten zwei Mitarbeiter zunächst das Gewölbe, um anschließend die sterblichen Überreste der Rochows zu bergen. Drei von ursprünglich sechs Särgen konnten wieder zusammengefügt werden. Darin wurden die menschlichen Überreste behutsam wieder eingebettet.

Wessen Skelettteile jetzt in welchem Sarg liegen, ist nicht mehr nachvollziehbar. Die Särge sind nicht beschriftet. Aber mit Sicherheit sind die Gebeine von Ludolph Ehrenreich von Rochow darunter. Er war der Erbauer der Trechwitzer Barockkirche. Er hatte die Gruft für sich und seine Familie als Erbbegräbnisstätte errichten lassen und war 1751 der erste aus seiner Sippe, der darin beigesetzt wurde.

 So sah die Gruft  bei ihrer Öffnung aus

So sah die Gruft bei ihrer Öffnung aus.

Quelle: Privat

„Die Herrichtung der Gruft war überfällig. Ich bin froh, dass die Gebeine des Kirchenerbauers nun wieder, so weit es gegenwärtig möglich ist, in Würde ruhen können“, sagte Pfarrerin Christiane Klußmann der MAZ. Doch ganz zur Ruhe kommt sie selbst noch nicht. Im aktuellen Gemeindeblatt der Evangelischen Lukas-Kirchengemeinde Jeserig appelliert die Pfarrerin an Zeitzeugen der Grabschändungen. Diese sollten Skelettteile, Kleidungsstücke und Grabbeigaben zurückgeben oder anonym an der Kirche ablegen, damit diese in die Särge überführt werden können – bislang ohne Resonanz. Dabei halten sich im Dorf hartnäckig Gerüchte über Totenschädel in Trechwitzer Wohnzimmern. Auch soll ein Säbel im Umlauf sein, vermutlich von dem ebenfalls in der Gruft bestatteten königlich preußischen Hauptmann und Ritter des Eisernen Kreuzes Ernst Friedrich von Rochow.

Von Frank Bürstenbinder

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Trauer & Gedenken
Friedhofsimpressionen

Bilder von Friedhöfen der Region Brandenburg

Ratgeber im Trauerfall