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Särge kamen mit dem Zug

Nicht nur ein Friedhof Särge kamen mit dem Zug

Der Südwestkirchhof Stahnsdorf ist mehr als nur ein Friedhof. Kenner zählen ihn zu den herausragenden Begräbnisstätten Europas. Nicht nur die Vielfalt an historischen Grabstätten und die landschaftliche Gestaltung sind beeindruckend. Auch die Geschichte scheint einzigartig.

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Reich an Skulpturen und historischen Grabmalen: der Südwestkirchhof.

Quelle: Privat

Stahnsdorf. Wo hat man sonst die Chance an einem Nachmittag zugleich an den Komponisten Engelbert Humperdinck, den Industriellen Werner von Siemens, den NS-Widerstandskämpfer und Sozialdemokraten Rudolf Breitscheid, den Dichter Heinrich Zille oder Elisabeth von Ardenne erinnert zu werden, die das Vorbild von Fontanes Effie Briest abgab? All diese Figuren können bei einem Gang über den Südwestkirchhof Stahnsdorf vor dem inneren Auge auftauchen, denn sie haben hier ihre letzte Ruhe gefunden.

Doch das ist nicht der einzige Reiz, den der mit 200 Fußballfeldern Fläche zweitgrößte Friedhof Deutschlands auf Touristen und Erholungssuchende ausübt. Der Südwestkirchhof wird neben Venedigs Toteninsel San Michele und Père Lachaise in Paris zu den herausragenden internationalen Begräbnisstätten gezählt. Spaziergänger erwarten hier nicht nur die Gräber von 40 Berühmtheiten aus Forschung, Kultur, Politik und Wirtschaft. Großteils im Kiefernwald gelegen bietet sich neben vielen Denkmälern, architektonisch außergewöhnlichen Bauten und historisch wertvollen Skulpturen eine der wichtigsten Parklandschaften der Region. Gestaltet wurde sie nach dem Vorbild von Anlagen des Gartenbaumeisters Lenné. Mittendrin ragt eine norwegische Holzkirche im Jugendstil auf.

Alle Formen der Grabkultur

Kein Wunder, dass sich „Trauernde und Besucher des Südwestkirchhof nahezu die Waage halten“, wie Verwalter Olaf Ihlefeldt weiß. Auch in der Friedhofskultur vereine das weiträumige Gräberfeld mit seinen 120 000 Bestatteten quasi alle in hiesigen Breiten anzutreffende Vielfalt in sich. An manchem Stein der Zehntausenden Einzelgräber und Gruften sind bereits digitale Codes zu finden, die auf Gedenkseiten leiten. Immer wieder zwischendurch sind Urnen-Felder anzutreffen, auf denen Verstorbene ohne abgetrenntes Grab beerdigt wurden – entweder mit einer Art Säule, auf der alle Namen aufgeführt sind, oder wie bis vor Jahren noch möglich, ganz anonym.

Um einige Gehölze reihen sich Tafeln mit den Namen von bis zu 16 Bestatteten zu Baumgräbern. Viele Wege säumen Mausoleen mit Gruften. Für einige dieser architektonischen Kleinode, aber auch andere historische Grabstätten, die nicht mehr durch Angehörige betreut werden, bietet der Friedhof Patenschaften an. Die Paten übernehmen die Kosten für Restaurierung und Pflege, erhalten die Grabstätte als Denkmal und können nach dem Tod sich oder Angehörige dort beisetzen lassen.

Isolation nach dem Mauerbau

Auch historisch ragt der Südwestkirchhof aus vergleichbaren Friedhöfen heraus. Angelegt Anfang des 20. Jahrhunderts als auswärtige Grabstätten für das wachsende Berlin wurde ein inzwischen stillgelegter S-Bahn-Anschluss für den Friedhof geschaffen. Die Anbindung diente nicht nur der Anfahrt Trauernder. Mit der im Volksmund als „Witwenbahn“ bezeichneten Linie wurden in speziellen Waggons auch die Särge mit den Toten transportiert.

Im Zuge der Pläne Alberts Speers für eine „Welthauptstadt“ Germania der Nazis in Berlin wurden ganze Friedhöfe dort geräumt und die Toten nach Stahnsdorf umgebettet. Zu DDR-Zeiten war es Besuchern aus Westberlin nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 nur noch mit einem Passierschein möglich, den Südwestkirchhof zu erreichen. Besiegelt wurde die Isolation von Berlins Grabstätte durch den Mauerbau.

Heute wartet der Kirchhof mit einem vielfältigen Kulturprogramm auf, das Führungen, Theater und Konzerte bietet.

 

Von Gerald Dietz

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