Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 5 ° Sprühregen

Navigation:
Kampf um historische Innenstadt Potsdams

Am 16.12.1989 wird die erste Hausbesetzung gefeiert Kampf um historische Innenstadt Potsdams

Der Kampf um die Zukunft der historischen Innenstadt begann am 16. Dezember 1989. Aktivisten der Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung machten mit Helfern und Baumaterial aus West-Berlin elf der vom Verfall bedrohten Häuser in der Gutenbergstraße, der heutigen Kurfürstenstraße und der Hebbelstraße winterfest.

Die Gutenbergstraße in Potsdams Innenstadt 52.401487 13.054786
Google Map of 52.401487,13.054786
Die Gutenbergstraße in Potsdams Innenstadt Mehr Infos
Nächster Artikel
Zwischen Politik und Medizin

Junge Leute im Dezember 1989 vor dem besetzten Eckhaus Dortustraße 65.

Quelle: Bernd Blumrich

Potsdam. "Wir haben uns warm angezogen und dann ging es los", erinnert sich die Grünen-Stadtpolitikerin Saskia Hüneke an den 16. Dezember 1989. Aktivisten der Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung (Argus) machten mit Helfern und Baumaterial aus West-Berlin elf der vom Verfall bedrohten Häuser in der Gutenbergstraße, der heutigen Kurfürstenstraße und der Hebbelstraße winterfest.

Saskia Hüneke.

Quelle: Michael Hübner

Vor wenigen Wochen erst hatte die junge Bürgerbewegung mit dem Stopp des schon begonnenen Flächenabrisses in der unter Friedrich Wilhelm I. errichteten Zweiten Barocken Stadterweiterung einen ersten politischen Teilerfolg errungen. Nun wurde mit der Sicherung von kaputten Dächern, Türen und Fenstern ein erstes Zeichen für den Wiederaufbau der Ruinenlandschaft gesetzt.

Mit einem Straßenfest vor der Dortustraße 65 feierten am selben Tag junge Leute die erste offizielle Besetzung eines Hauses in der Innenstadt. Dieser ersten Besetzung sollten rasch weitere folgen - im Holländischen Viertel und auf beiden Seiten der Gutenbergstraße, in Babelsberg, in der Nauener Vorstadt und in Potsdam-West. Bald galt Potsdam als Besetzerhauptstadt: Nirgendwo in der Bundesrepublik gab es in den 1990er Jahren im Verhältnis zur Einwohnerzahl mehr besetzte Häuser.

Der illegale Bezug von Wohnungen hatte in Potsdam jahrzehntelange Tradition. Das sagt der Historiker Jakob Warnecke, der an der Universität Leipzig für eine Dissertation "über Schwarzwohnen und Hausbesetzungen" zur Entwicklung des "illegalen Wohnens über zwei Systeme" in Potsdam recherchiert. "Schwarzwohnen" ohne Mietvertrag gab es schon in den 1960er und 1970er Jahren vorzugsweise in der Innenstadt mit ihren immer maroderen Häusern.

Argus-Aktive und West-Berliner Helfer sichern am 16. Dezember 1989 in der Gutenbergstraße erste Häuser.

Quelle: Bernd Blumrich

Einen Schub brachte laut Warnecke der Anfang der 1980er Jahre gefasste Entschluss zur Rekonstruktion des Holländischen Viertels, die bis zu Potsdams 1000-Jahrfeier 1993 abgeschlossen sein sollte. Frei gewordene Wohnungen wurden nicht mehr neu vermietet, doch für eine flächendeckende Altbausanierung fehlten die Kapazitäten. Warnecke nimmt an, dass rings um die Mittelstraße bis zu zehn Häuser illegal bewohnt waren. Politische Ambitionen wie in der West-Berliner Besetzerszene der 1970er Jahre hatten die Schwarzbewohner aber kaum: "Für viele war es einfach die Lösung ihres Wohnungsproblems."

Zur Erstbesetzung der Dortustraße 65 gibt es mehrere Versionen. Nach einer porträtierte der junge Fotograf Hassan J. Richter zum Abriss freigegebene Altbaublöcke in der Innenstadt, darunter auch die aus dem Barock stammende Häuserzeile Dortustraße 66 bis 73, die in der ersten Augusthälfte 1989 zerstört wurde. Bei seinen Streifzügen entdeckte er das leere Eckhaus Dortustraße 65. Ende November zog er dort mit einer Gruppe von zehn Leuten ein, alle waren um die 20. Die Idee zum Straßenfest entstand auch aus einer gewissen Unsicherheit: "Wir wollten das öffentlich machen. Wir wollten Hausbesetzungen zu einer Bewegung machen, waren uns aber auch nicht sicher, was überhaupt passiert: Was macht die Polizei? Was macht die Stadt?" Zum Programm des Straßenfestes gehörte eine Ausstellung mit Fotografien Richters über den Flächenabriss. Kurz nach diesem Fest kam der damalige Oberbürgermeister Manfred Bille und bot den Besetzern einen Ausbauvertrag an: "Er saß bei uns auf dem Stuhl. Jungs, wir machen das, hat er gesagt."

70 besetzte Häuser

  • Kurz nach dem Eckhaus in der Dortustraße 65 werden weitere Häuser besetzt, darunter die Benkertstraße 20, die Häuser Straße der Jugend (Kurfürstenstraße) 12 und 13, sowie die Dortustraße 8.
  • Im Februar 1990 wird die Fabrik in der Gutenbergstraße105 besetzt, die sich schnell zu einem namhaften Kulturzentrum entwickelt. Im September 1993 geräumt, wurden Traditionslinien der Fabrik vom Archiv, vom Black Fleck, von der Tanzfabrik und vom Waschhaus aufgenommen.
  • Im November 1990 ist bereits von zehn bis 15 besetzten Häusern in der Innenstadt die Rede, drei Jahre später werden es 30bis 35 sein. Zwischen 1989 und 2000 soll es insgesamt mehr als 70 besetzte Häuser in Potsdam gegeben haben.
  • Konflikte gibt es zunächst mit Neonazis. Der erste Überfall auf die Dortustraße 65 ereignet sich kurz nach der Besetzung. Das Haus wird daraufhin verbarrikadiert. Im Februar 1990 eröffnet in der Dortustraße 65 ein erstes Infocafé.
  • Das Verhältnis der Besetzerszene zu Politik und Polizei ist ambivalent. Es gibt Sicherheitspartnerschaften und gewaltsame Zusammenstöße.
  • Die Stadt entschärft den Konflikt schließlich mit Legalisierungen und Ausweichprojekten. Namhafte Beispiele sind die Uhlandstraße 24 in Babelsberg, das Archiv, die Zeppelinstraße25-26 und nicht zuletzt die Dortustraße 65.

Auch die Argus-Aktiven konnten am 16. Dezember 1989 auf die Erfahrung von Besetzern bauen. Ihnen kamen West-Berliner Instandbesetzer zu Hilfe, die seit den 1970er Jahren in Kreuzberg und Schöneberg Häuser vor dem Abriss bewahren und mit Gesellschaften wie der STERN und der Stadtbau GmbH eine Politik der behutsamen Stadtsanierung durchsetzen konnten. Einigen von ihnen wie Cornelius van Geisten, 1992 Gründungsgeschäftsführer des Sanierungsträgers Potsdam, sollte später eine maßgebliche Rolle bei der Sanierung der Potsdamer Innenstadt zukommen.

Die historischen Innenstädte zählten nach Ansicht von Saskia Hüneke 1990 zum Kapital vieler ostdeutscher Kommunen: "Die Häuser waren zwar kaputt, aber sie waren noch da - im Unterschied zu manchen westdeutschen Orten, wo Innenstädte moderneren Stadtstrukturen geopfert wurden."

Oberbürgermeister Manfred Bille im Spätsommer 1989 in der Dortustraße.

Quelle: Frank Buschner

Im Frühjahr 1990 verabschiedeten die Stadtverordneten ein Konzept, nach dem Innenstadtgrundstücke an individuelle Eigentümer vergeben werden sollten, die sie kleinteilig über Kredite sanieren sollten. Das Konzept war mit der im deutsch-deutschen Einigungsvertrag festgeschriebenen Regelung "Rückgabe vor Entschädigung" Altpapier. Bis zur Jahre währenden Klärung der offenen Vermögensfragen sollte sich in der Innenstadt nichts mehr bewegen.

Illegale Abrisse

  • Wohnungsleerstand bei Tausenden von Wohnungsuchenden ist ein offenes Geheimnis. Anfang September sind in Potsdams Innenstadt offiziell 237 Wohnungen baupolizeilich gesperrt. Die Dunkelziffer ist beträchtlich.
  • Die Abrissbagger in der Innenstadt werden am 25. Oktober angehalten. Am 1. November verhängen die Stadtverordneten einen Abrissstopp. Mit einem Baustopp soll verhindert werden, dass weitere Barockhäuser durch Plattenbauten ersetzt werden.
  • Illegale Abrisse denkmalgeschützter Bausubstanz werden von Rathaus-Vertretern erstmals am 7. November eingeräumt. Für die Häuser Gutenbergstraße 100 bis 102 etwa wurde die Abrissgenehmigung erteilt, als sie schon verschwunden waren.
  • Mit 83 blau-weißen Schildern markiert die Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung (Argus) im November Barockhäuser, die seit 1984 unter Schutz stehen, aber nicht als Denkmal gekennzeichnet sind.
  • Ein Argus-Spendenaufruf zur Rettung von Häusern in der Zweiten barocken Stadterweiterung wird am 24. November veröffentlicht.
  • Eine neue Baupolitik für die Innenstadt wird von den Stadtverordneten am 29. November mit einem von Argus initiierten Konzept zu Erhalt und Sanierung der historischen Stadtmitte beschlossen.
  • Am selben Tag werden Bürgermeisterin Marlies Nopens und Stadtbaudirektor Martin Fritsch abgewählt.
  • Bürgermeister Manfred Bille gibt am 11. Dezember Pläne für einen von West-Berlinern für 500 Millionen D-Mark geplanten Hotelneubau in einem kompletten Karree des Holländischen Viertels bekannt. Das Projekt wird nach einem Empörungssturm wieder abgesagt.

Von Volker Oelschläger

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Vor 20 Jahren wurde die Fabrik in der Gutenbergstraße geräumt

Am 22. September 1993 ging es in Potsdam heiß her: Polizei und Hausbesetzer lieferten sich eine regelrechte Straßenschlacht. Grund war die Räumung der Fabrik in der Gutenbergstraße 105. Am Ende stand das Vorderhaus in Flammen und die Stadt Potsdam stand nach dem Gewaltexzess unter Schock.

  • Kommentare
mehr
Mehr aus Wendezeit

Leben Sie gern in Brandenburg?

Erinnern Sie sich?

Zahllose Papierfotos, die für die Märkische Volksstimme entwickelt wurden, lagern im Zeitungsarchiv. Eine kleine Auswahl mit Motiven aus dem Vorwende-Alltag und von der Arbeit in Potsdam haben wir in dieser Galerie gesammelt. Erinnern Sie sich?

Mehr unter www.maz-online.de/wende

Vorher - nacher: So sah es in Brandenburg vor 1989 aus. Und heute? Gehen Sie auf Entdeckungsreise

Die sichtbare Wende in Potsdam und Umgebung

In den vergangenen 25 Jahren hat sich eine Menge getan. MAZonline stellt Stadtansichten aus Potsdam und Potsdam-Mittelmark aus den Jahren 1981-1989 und 2014 gegenüber.

Die sichtbare Wende in Teltow-Fläming und Dahme_Spreewald

In den 25 Jahren seit der friedlichen Revolution haben sich Städte und Gemeinden verändert. Gebäude, die in der DDR über Jahrzehnte vernachlässigt worden waren, erlebten eine Blütezeit – hier eine Auswahl in der Früher-Heute-Gegenüberstellung aus Teltow-Fläming und Dahme-Spreewald.