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Potsdam im Umbruch: Zeitzeugen erinnern sich

Video-Spezial zum Mauerfall in Potsdam Potsdam im Umbruch: Zeitzeugen erinnern sich

Der Wendeaktivist Detlef Kaminski und die Buchautorin Christine Anlauff wurden 1989 Zeugen des Widerstands gegen undemokratische Verhältnisse. Die Vielfalt und Stärke der Potsdamer Bürgerbewegung beeindruckt sie noch heute. In unserem Video-Spezial lassen sie die Zeit vor und nach dem Mauerfall Revue passieren.

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Am Tag nach der Maueröffnung...

Anti-Stasi-Demo in der Potsdamer Hegelallee im November 1989

Quelle: MAZ Archiv

Potsdam. Wenn in den Medien ständig davon die Rede ist, dass vor 25 Jahren die Mauer fiel, klinken sich viele Jugendliche gern aus. Die Turbulenzen des politischen Umbruchs wurden schon zu oft nacherzählt – meist entlang sattsam bekannter Motive: Menschen in Stonewashed Jeans, die ihr Glück nicht fassen können, Mauerspechte und Demonstranten mit Kerzen.

Interessant wird es aber, wenn ganz konkret die Vorgänge des politischen Umbruchs in der eigenen Kommune nacherzählt werden. Wie verliefen die Proteste in der heutigen Landeshauptstadt Potsdam?

Proteste vor dem Brandenburger Tor in Potsdam

Quelle: MAZ Archiv

Potsdam im Schatten der Metropolen

Damals war Potsdam eine von 15 Bezirkshauptstädten in der DDR. Potsdam stand im Schatten der Metropolen Berlin (Ost), Leipzig und Dresden. Die unmittelbare Nähe zu Westberlin, aber auch hier ansässigen SED-Elite-Einrichtungen wie die Akademie für Staat und Recht, die Stasi-Hochschule in Golm und die Pädagogische Hochschule machten Potsdam zu einer Frontstadt der sozialistischen Ideologie. Das Preußentum, das bis in die 70er Jahre noch recht undifferenziert verteufelt worden war, erfuhr dann in den 80er Jahren aber eine erneute Aufwertung. Der Obrigkeitsstaat würdigte den alten Obrigkeitsstaat. Das Hü und Hott der herrschenden SED-Politik schlug sich im Stadtbild nieder. Die alte Bausubstanz sollte einer sozialistischen Architektur weichen. Die Plattenbauten im historischen Zentrum fanden in der Bevölkerung aber wenig Anerkennung.

Es war also kein Zufall, dass der Widerstand gegen die undemokratischen Verhältnisse sich oft an Fragen der Baupolitik entzündete. Der Zustand des barocken Holländischen Viertels im Herzen der Stadt alarmierte viele Potsdamer. Sie setzten sich für eine Restaurierung ein und engagierten sich für die Idee des Denkmalschutzes. Unter dem Dach des Kulturbundes gründete sich 1988 eine Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung (ARGUS). Während sich in Leipzig die Oppositionsbewegung eher außerhalb staatlicher Strukturen herausbildete, bestanden die Potsdamer auf eine Legalisierung ihrer Proteste.

Die MAZ hat zwei Zeitzeugen des Potsdamer Umbruchs nach ihren Wende-Erinnerungen befragt.

Detlef Kaminski , geboren 1954 in Potsdam-Babelsberg, gehörte zu den Protagonisten der Bürgerbewegung in Potsdam. Ihm gelang es, eine unabhängige Überprüfung der Stimmenauszählung bei der Kommunalwahl am 7. Mai 1989 zu organisieren. Das Ergebnis war für viele eine Überraschung, denn wer hätte gedacht, dass deutlich mehr als zehn Prozent der Einwohner den Mut besaßen, die Wahlfarce der SED zu boykottieren oder vehement mit Nein zu stimmen. Das am nächsten Tag offiziell ausgewiesen Wahlergebnis für Potsdam betrug dagegen 99,25 Prozent.

Christine Anlauff , geboren 1971 in Potsdam, wurde im Wendejahr gerade volljährig. Von dem Wahlbetrug erfuhr sie erst im September. Sie schildert in dem Gespräch ihr politisches Erwachen im Zeichen der Wende. Sie bezog mit ihren Freunden ein besetztes Haus im Holländischen Viertel. Heute ist die vierfache Mutter und Schriftstellerin („Good morning Lehnitz“, „Katzengold“)  in der Fraktion „Die Andere“ aktiv.

MAZ-Redakteur Karim Saab (links) im Gespräch mit Detlef Kaminski und Christine Anlauff

Quelle: MAZ

Stasi-Zentrale in Potsdam friedlich besetzt

Beide Zeitzeugen schwärmen auch 25 Jahre nach der Wende noch von der Vielfalt und Stärke der Bürgerbewegung in Potsdam. Bei einer großen und sicher auch entscheidenden Demonstration am 4. November auf dem heutigen Luisenplatz in Potsdam kamen immerhin 70.000 Menschen zusammen. In den überregionalen Medien stand damals die Berliner Großkundgebung, die am gleichen Tag auf dem Berliner Alexanderplatz stattfand, im Fokus.

Im Dezember 1989 schließlich gelang es Detlef Kaminski, der in der ersten frei gewählten Stadtregierung Baustadtrat wurde, mit den Kräften des neu gegründeten Neuen Forums, die Stasi-Zentrale in Potsdam friedlich zu besetzen und die Aktenvernichtung zu stoppen. Wie trickreich er dabei den Chef der Volkspolizei und den Bezirksstaatsanwalt einspannte, erzählt er sehr plastisch im Interview.

Potsdam 1989

7.  Mai: Wahlbeobachter der Kommunalwahlen in Potsdam stellen Wahlbetrug fest. Detlef Kaminski ruft in der Stadtverordnetenversammlung: „Die lügen wie gedruckt.“

7. Juni: Studenten hängen an der Evangelischen Ausbildungsstätte für Gemeindediakonie und Sozialarbeit ein Transparent mit der Aufschrift auf: „Wir trauern um die Ermordeten in China.“

10. Juni: Mehrere Tausend Potsdamer feiern auf dem Pfingstberg ein Kulturfest.

Juni 1989: Die Bürgerinitiative  für Umweltschutz und Stadtgestaltung ARGUS (gegründet von Carolina Stabe und Matthias Platzeck) protestiert gegen den geplanten Abriss von Gebäuden in der Gutenberg- und Dortustraße.

28. bis 30. Juni:  Bürger trommeln auf Initiative des Aktionskreises „tierra unida“ in der Erlöserkirche für die Toten von Peking

August 1989: Abriss des Gebäudes in der Dortustraße 68(dem zeitweiligen Wohnsitz von Theodor Sturm)

4. Oktober: Die neue, damals noch illegale Bürgerbewegung Neues Forum stellt sich in der Friedrichskirche vor. Rund 3000 Menschen besuchen die Veranstaltung.

7. Oktober: Am 40. Jahrestag der DDR protestieren rund 2000 Potsdamer in der Innenstadt gegen die SED-Herrschaft.Die Polizei löst die Versammlung gewaltsam auf.Es werden 100 Personen festgenommen.

1. November: Das Neue Forum informiert auf einer Veranstaltung auf dem Babelsberger Weberplatz, zu der 7.000 Menschen kommen, über die für den 4. November geplante Demonstration.

3. November: In der Erlöserkirche findet vor2000 Zuhöreren die erste Vollversammlung des Neuen Forumstatt.
4. November: Auf dem Luisenplatz fordern rund 70.000 Menschen Veränderungen in der DDR.  Sie fordern die sofortige Zulassung der oppositionellen Parteien und Bewegungen, frei Wahlen und Demokratie.

8. November: Die sozialdemokratische Partei in der DDR (SDP) gründet in der Erlöserkirche  ihren neuen Bezirksverband und den SDP Ortsverband.

10. November: Ein Tag nach dem Mauerfall in Berlin wird die Brücke der Einheit (heute Glienicker Brücke) geöffnet. Um 18 Uhr können die Potsdamer die Grenzlinie in der Brückenmitte überqueren.

5. Dezember: Potsdamer Bürgerrechtler verschaffen sich Zutritt zum Stasis-Gefängnis in der Lindenstraße und besetzen zur Sicherung von Akten die Stasi-Bezirksverwaltung.

Dezember 1989: Viele Häuser werden in der Innenstadt besetzt.

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