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Meister des Handwerks Über den Meister ins Studium
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00:02 30.03.2019
Kann aus dem Friseur-Beruf viel für ein künftiges Studium mitnehmen: Joy Kühne Quelle: Jacqueline Steiner
Potsdam

Die Freude am „Kommunizieren mit Menschen, das Interesse dafür, was und warum sie etwas tun“, haben Joy Kühne zum Wunsch gebracht, baldmöglichst Psychologie in Potsdam oder Berlin studieren zu wollen. Entscheidend und quasi Voraussetzung für den Weg dahin: Er führte über Kamm und Schere. Die 25-Jährige absolvierte die Meisterschule als Friseurin in Götz.

„Eigentlich wollte ich ja nie Friseurin werden, aber ich konnte doch viel mitnehmen“, sagt Kühne über ihre beruflichen Erfahrungen, die auch ihr geplantes Studium begleiten könnten. Der Kontakt mit dem Kunden auf dem Friseurstuhl, die immer wieder ähnlichen Gespräche, das sich allmählich entwickelnde Vertrauen, die geäußerten Wünsche zur künftigen Haartracht, die nicht selten viel mit mehr oder minder geheimen Idolen und Sehnsüchten zu tun haben – all das ist eigentlich Psychologie pur. So kann die geborene Sächsin auch sagen: „Ich bereue nichts.“

Das gilt speziell für die Qualifizierungsmöglichkeiten, die ihr der Meisterbrief in der Tasche eröffnete. Ohne Abitur ist er in Brandenburg auch eine Eintrittskarte ins Studium, denn er kann die sonst übliche Voraussetzung der während der Schule zu erlangenden Hochschulreife quasi ersetzen. Der Weg zum Studieren auch ohne Abitur über eine berufliche Qualifikation wird insgesamt in Deutschland immer beliebter. Allein zwischen 2010 und 2016 erwarben nach aktuellsten Zahlen 32 000 Menschen ohne Hochschulreife einen akademischen Titel.

Die Voraussetzung ein Studium in Angriff zu nehmen, hätte Joy Kühne eigentlich schon eher erlangen können. Nachdem sie als Kind Ende der 1990er Jahre mit ihrer Mutter und zwei Geschwistern aus Sachsen nach Groß Kreutz (Potsdam-Mittelmark) kam, wählte sie – zunächst Schülerin an einem Gymnasium in Werder – nach der Fachoberschulreife aber eine zweijährige Ausbildung als Fachkraft für Arbeitsmarktdienstleistungen. Weil dies indes nicht ihren „Vorstellungen entsprach“, brach sie die Qualifikation ab.

Aufstiegs-Bafög

Das Meisterbafög oder wie es eigentlich heißt, das Aufstiegs-Bafög fördert die Vorbereitung auf mehr als 700 Fortbildungsabschlüsse wie Meister, Fachwirt, Techniker, Erzieher oder Betriebswirt. Unterstützt werden Fortbildungen öffentlicher und privater Träger in Voll- und Teilzeit, die fachlich gezielt auf öffentlich-rechtliche Prüfungen nach dem Berufsbildungsgesetz, der Handwerksordnung oder auf gleichwertige Abschlüsse nach Bundes- oder Landesrecht vorbereiten.

Bei Vollzeitmaßnahmen müssen in der Regel je Woche mindestens 25 Unterrichtsstunden an 4 Werktagen (Vollzeit-Fortbildungsdichte) stattfinden. Vollzeitfortbildungen dürfen insgesamt nicht länger als drei Jahre dauern. Bei Teilzeitmaßnahmen müssen die Lehrveranstaltungen monatlich im Durchschnitt mindestens 18 Unterrichtsstunden (Teilzeit-Fortbildungsdichte) umfassen. Teilzeitmaßnahmen dürfen insgesamt nicht länger als vier Jahre dauern.

Die Förderung beinhaltet Zuschüsse, die nicht zurückgezahlt werden müssen. Hinzu tritt die Möglichkeit, ein zinsgünstiges Darlehen bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) über die Differenz zwischen Zuschussanteil und maximalem Förderbetrag abzuschließen.

Zusätzlich zur Förderungder Fortbildungskosten gibt es einen Beitrag zum Lebensunterhalt. Diese Unterhaltsförderung ist abhängig von Einkommen und Vermögen. Auch hier setzt sich die Förderung aus einem Zuschuss und einem Angebot der KfW über ein zinsgünstiges Darlehen zusammen. Für Alleinstehende beträgt der maximale monatliche Unterhaltsbeitrag 768 Euro.

Ihre Mutter vermittelte ihr dann über eine Bekannte die Möglichkeit einer Lehre als Friseurin in einem Salon in Berlin. „Ich war erst etwas reserviert, weil ich das ja eigentlich nie wollte“, erinnert sich Kühne. Aber die zunächst vereinbarte Probewoche „machte so viel Spaß“, dass sie sich doch für die Ausbildung mit dem Schwerpunkt auf Coloration entschied. Die Kommunikation sowohl mit den Kollegen als auch den Kunden reizte sie.

Nach der dreijährigen Lehre und der Gesellenprüfung schloss sie die einjährige konzentrierte Meisterschule am Zentrum für Gewerbeförderung der Potsdamer Handwerkskammer in Götz an. Voraussetzung war ein Aufstiegsbafög (auch Meisterbafög genannt) des Bundes und der Länder, mit dem sie ihren Unterhalt finanzieren konnte. Nebenher zu arbeiten, wäre wegen der zahlreichen Prüfungen schwierig geworden.

Motivation für diesen Schritt zur Meisterschule war bei ihr nicht nur der Wille „etwas komplett zu machen“, sondern auch der damals aufkeimende Wunsch, doch noch zu studieren. In Brandenburg ist dieser Weg des Studierens auch ohne Abitur relativ barrierefrei ohne Eignungsprüfung möglich.

„Mir war bewusst geworden, dass ich gerne anderen Menschen bei ihren Problemen helfe“, sagt Kühne zur Wahl wenn möglich des Studiums der Psychologie. Es sei ihr wichtig, den Menschen zuzuhören und ein offenes Ohr für andere zu haben. „Viele können sich schon allein durch einen aufmerksamen Zuhörer besser fühlen“, hat sie nicht nur beim täglichen Umgang mit anderen im Friseurladen erfahren.

Ihre Freizeit gilt letztlich ebenso häufig der menschlichen Kommunikation. Viele Stunden verbringt sie mit ihrer einjährigen Nichte, verfolgt mit Begeisterung, wie sie sich entwickelt und mit Krabbeln die Welt erkundet.

Letztlich hat Kühne sogar schon eine Berufsrichtung auserkoren: die Wirtschaftspsychologie etwa im Personalwesen. Diese Sparte wird aktuell vor dem Hintergrund wachsender Arbeitsausfälle wegen psychischer Belastungen immer aktueller. „Ich bin froh, diesen Weg gewählt zu haben“, weiß sie heute. Der Meistertitel, für den sie sich als Zwischenschritt entschieden habe, „eröffnete mir mehr Potenziale und neue Sichtweisen“.

Von Gerald Dietz

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