2G-Regel in Brandenburg: Wirt Michael Wittke aus Fürstenberg ist dagegen - und erklärt im Interview, wieso
Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg Brandenburger Wirt im Interview: Warum sind Sie gegen 2G, Herr Wittke?
Brandenburg

2G-Regel in Brandenburg: Wirt Michael Wittke aus Fürstenberg ist dagegen - und erklärt im Interview, wieso

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:30 13.09.2021
Gastronom Michael Wittke aus Fürstenberg/Havel ist ein Gegner der 2G-Options-Regel
Gastronom Michael Wittke aus Fürstenberg/Havel ist ein Gegner der 2G-Options-Regel Quelle: MAZ/Imago
Anzeige
Fürstenberg/Havel

Michael Wittke ist Inhaber des Kulturgasthofs „Alte Reederei“ in Fürstenberg/Havel (Oberhavel). Im MAZ-Gespräch erklärt er, warum er die 2G-Regel – Geimpft oder Genesen – als Verpflichtung für alle Gastwirte für gar keine gute Idee hält.

Herr Wittke, können Sie in wenigen Sätzen sagen, warum Sie die 2G-Regel nicht gut finden?

Michael Wittke: Ich wundere mich, dass man mit der Verpflichtung auf diese Regelung schlagartig eine wertvolle Strategie im Kampf gegen die Pandemie, nämlich die Testung, entwerten will. Ich verstehe auch nicht, dass dieses Vorgehen öffentlich nicht weiter hinterfragt wird. Ich akzeptiere das auch nicht. Nach allem, was ich weiß, bietet die Testung ja eine gleichwertige Sicherheitsstufe wie die Impfung oder die Immunisierung nach der Erkrankung. Sonst hätte man das ja auch nicht eingeführt. Zweitens vermute ich, dass hier einfach Druck gemacht werden soll.

„Wir sollen zu Erfüllungsgehilfen gemacht werden“

Ganz bestimmt. Aber was ist daran schlimm?

Wenn die Politik Druck für notwendig und besser als Überzeugung hält, ist das legitim. Was ich aber auf jeden Fall ablehne, ist, dass wir als Gastronomen auf dem Umweg unseres vermeintlichen Eigeninteresses zum Erfüllungsgehilfen dieser Druckstrategie gemacht werden sollen. Ich finde es unanständig von der Politik, die Gastronomen in diese Rolle zu drängen, bloß weil man denkt, dass sie halt Gäste in ihren Betrieben haben wollen und da schon mitmachen werden. Das Gleiche gilt natürlich auch für Veranstalter oder Betreiber von Kultureinrichtungen.

Der Newsletter direkt aus dem Newsroom

Die Top-Themen, die Brandenburg bewegen - und alle Infos zur Corona-Pandemie. Täglich von der Chefredaktion in Ihr Postfach.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Käme Ihnen eine solche Druckstrategie aber nicht entgegen? Schaffen wir erst mal die Herdenimmunisierung durch Impfung, fallen doch auch die Beschränkungen weg – und dann können zu Ihnen wieder alle Kunden ohne Einschränkung kommen, oder?

Dass eine möglichst umfassende und vollständige Impfung der Bevölkerung wünschenswert ist, da sage ich sofort ja. Ich selber bin geimpft und auch froh darüber. Aber der jetzigen Methode stimme ich sozusagen als Staatsbürger nicht zu und auch nicht als Gastronom. Aus staatsbürgerlicher Sicht schreckt der Druck die Leute ab und spaltet die Gesellschaft weiter. Ich habe dagegen das Beispiel Dänemark mit seiner Impfquote von 74 Prozent. Ich weiß nicht, wie das Land das geschafft hat, aber ich sehe nicht, dass es dort einen unerhörten Druck gegeben hat.

„Die Diskussion um die Impfstoffe ist eskaliert“

Sie sind grundsätzlich gegen Druck beim Durchimpfen?

So wie jetzt, finde ich es nicht in Ordnung. Aufrichtiger wäre gewesen, es von vorneherein zur Pflicht zu machen. In der DDR gab es ja eine Impfpflicht. Ich selbst wurde als Kind gegen Polio geimpft und da hat auch niemand protestiert. Man hat eben gesagt, es ist ja zu unserem Nutzen.

Das sehen heutige Impfskeptiker aber anders.

Die Diskussion um die Impfstoffe ist eskaliert. Das hat ganz viel mit der Kommunikation zu tun. In der öffentlichen Diskussion gibt es schon einen Sack voll Widersprüche. Da kann ich Menschen verstehen, die sagen: Ich misstraue der Sache. Eine solche Haltung müssen wir in der Demokratie akzeptieren. Man sollte da nicht mit, wie ich finde, perfiden Mitteln wie Verteuerung der Tests, selektiver Zulassung zu Einrichtungen und Ausgrenzung arbeiten. Das ist demokratieschädlich. Wir haben inzwischen schon viel mehr Spaltung als uns gut tut.

„Es ist in der Tat eine verfahrene Situation“

Sehen Sie einen anderen Weg, eine höhere Impfbereitschaft herzustellen?

Ich bin da nicht schlauer als die Experten. Aber es ist in der Tat eine verfahrene Situation. Auch ich bin über den fehlenden Impferfolg nicht glücklich. Ich würde mir aber insgesamt wünschen, dass die politischen Entscheidungen mehr auf Einsicht und Logik beruhen. Das sind sie aber nicht. So soll zum Beispiel der Inzidenzwert nicht mehr das ausschlaggebende Kriterium für Maßnahmen der Pandemiebekämpfung sein soll.

Aber in meiner Corona-App finde ich nur den Inzidenzwert. Dabei will man doch jetzt weitere Faktoren wie etwa die Hospitalisierung Erkrankter hinzunehmen. Aber wie das in den Algorithmus fließen kann, der mich als Gastronom bindet und mir Orientierung gibt, das ist noch völlig offen. Jedenfalls weiß ich bisher noch nichts davon. Ich weiß nur, dass wir im Landkreis Oberhavel eine Inzidenz von über 60 haben und dass mir damit als Gastronom Beschränkungen aufgelegt sind. Bisher kann mir keiner sagen, wie die Hospitalisierungsrate bei praktischen Maßnahmen angewendet wird.

Unfair, dass Gastronomen die Dokumentationspflicht übernehmen müssen

Wie stark schränken denn die jetzt geltenden Maßnahmen Ihr Geschäft ein?

In der „Alten Reederei“ ist es milde, weil wir nur den Außenbereich bespielen. Dort versuchen wir die Anmeldepflicht umzusetzen. Die Tourismus Marketing Brandenburg hat uns einen QR-Code zur Verfügung gestellt, für den man keine App laden muss, um sich anzumelden. Diejenigen, die kein Smartphone haben, müssen einen Zettel ausfüllen und müssen bestätigen, wie ihr Status – geimpft, genesen oder getestet – ist. Das ist relativ unproblematisch. Allerdings halte ich es für ziemlich unfair, dass wir als Gastronomen noch Dokumentationspflichten übernehmen müssen. Genau genommen haben wir ja gar nicht die Möglichkeit, die Richtigkeit der Angaben zu überprüfen.

Können Sie einschätzen, wie viele Gäste sich noch aufs Testen verlassen?

Ich kann wirklich nicht sagen, wie viele Gäste wegfallen würden, wenn jetzt 2G gelten würde. Ich habe weder eine belastbare Zahl und noch nicht mal ein Gefühl. Ich kann nur sagen, dass ich diese Zweiteilung 2G oder 3G ablehne. Ich sehe es, wie gesagt, nicht ein, warum plötzlich die Teststrategie gekillt und das nicht einmal diskutiert wird. Als Gastronom bin ich der Meinung, dass wir uns nicht zum Handlanger einer Strategie machen sollten, die von der Politik aus Angst vor dem Wähler verbrämt wird. Da will ich einfach nicht mittun.

Von Rüdiger Braun