Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Brandenburg So profitieren Studenten von Europa
Brandenburg So profitieren Studenten von Europa
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 22.05.2019
Emily Plewka (l.) und Marie Luise Schuster, Studentinnen der Uni Potsdam, Erasmus-Teilnehmerinnen Quelle: Foto: Ulrich Wangemann
Potsdam

Der Wind pfeift um die Universitätsgebäude am Park Sanssouci in Potsdam. Viel zu kühl für die Jahreszeit. Der Flur vorm Akademischen Auslandsamt ist gut gefüllt, man hört Spanisch, Italienisch, Englisch – die Südländer unter den Austauschstudenten haben gesteppte Jacken an. Abenteuer Klima: Emily Plewka kennt das. Im englischen Southampton hat die 22-Jährige zwei Semester ihres Lehramtsstudium verbracht. „In der Regenjacke gemeinsam mit meiner WG-Mitbewohnerin zur Uni zu stapfen – im Nachhinein war das immer ein besonderer Moment“, sagt die junge Frau aus Brandenburg/Havel.

Europäische Normalität seit 30 Jahren

Was für Hochschulverwaltungen seit Jahrzehnten Normalität ist, ist für viele Studenten ein Zeit persönlicher Reifung. In gut 30 Jahren sind mehr als zwei Millionen Studenten mithilfe des europäischen Programms in die Fremde gereist.

Universelles Bildungsideal

Erasmus ist ein Programm der europäischen Union, in dem auch nicht-EU-Staaten wie Norwegen mitmachen.

Namensgeber ist der Humanist Erasmus von Rotterdam – einer der Universalgelehrten der Renaissance.

Das Programm, an dem Studenten und Uni-Personal teilnehmen können, hat ein Gesamtbudget von gut 450 Millionen Euro im Jahr, die aus dem EU-Haushalt stammen. Studenten zahlen, so sieht es die Erasmus-Regel vor, keine Studiengebühren.

„Als ich wieder zurück musste nach Deutschland, hatte ich so etwas wie ein gebrochenes Herz“, sagt Emily Plewka, die seit wenigen Monaten zurück ist. „Ein Jahr lang in ein fremdes Land geworfen zu werden – das macht etwas mit einem“, sagt die junge Frau, die aus Brandenburg/Havel stammt. Erasmus ist viel mehr als ein akademischer Austausch. Zehntausende Studenten reifen jedes Jahr zu europäischen Persönlichkeiten heran, wenn sie in Frankreich die Kunst des Begrüßungsküsschens erlernen und in schiefen italienischen Altstadtzimmern beim Espresso Sekundärliteratur wälzen .

Bewerben dauert wenige Stunden

Es geht so unglaublich einfach. „Ich habe ein bis zwei Stunden für die Bewerbung und Formulare gebraucht“, sagt Marie Luise Schuster (23), Lehramtsstudentin an der Uni Potsdam. Sie hat im spanischen Valencia zwei Semester verbracht. Der Strand war zehn Minuten von ihrer Wohnung entfernt. Recht bald übernahm die Potsdamer Studentin die wohl berühmteste spanische Sitte: „Ich habe mir den Mittagsschlaf angewöhnt.“ Einen zuvor abgesprochenen Leistungsumfang sollten die Studenten dennoch einhalten. Studienleistungen werden ohne größere Probleme anerkannt.

Zur Deckung höherer Lebenshaltungskosten erhalten Studenten einen Zuschuss. Wer nach Dänemark, Schweden oder Großbritannien zieht, bekommt 420 Euro im Monat. Für osteuropäischen Länder gibt es nur 300 Euro pro Monat.

Oft helfen die Großeltern finanziell aus

Das ist mehr als früher, aber auch kein dickes Polster. Oft ist der Austausch ein Zuschussgeschäft, Eltern und Großeltern helfen. „Ich war bis auf den letzten Cent pleite, bin mit dem Flix-Bus zurück nach Deutschland gefahren“, sagt Emily Plewka. Ihre Kommilitonin Marie Luise Schuster arbeitete in Valencia in einer Tapas-Bar.

Emily Plewka (l.) und Marie Luise Schuster, Studentinnen der Uni Potsdam und Erasmus-Teilnehmerinnen vor einem Fakultätsgebäude am neuen Palais in Potsdam. Quelle: Ulrich Wangemann

Die meisten Teilnehmer berichten, sie hätten ihr Deutschsein dank des Auslandsaufenthalts stärker reflektiert. „Mir ist zum Beispiel aufgefallen: Ich kann generell nicht schlendern“, sagt Marie Luise Schuster. Eine gewisse Form der Gelassenheit habe sie zu schätzen gelernt in Valencia. „Mir ist es immer schwer gefallen, spontan zu sein. Ich habe viele Klischees über Deutsche erfüllt“, so die 23-Jährige. Zum Beispiel das vorausschauende Planen auch in Alltagssituationen. „Die Frage: Was machen wir morgen Abend? haben meine Mitbewohner so beantwortet: Frag mich morgen!“

Emily Plewka berichtet, wie sie anfangs bei gemeinsamen Restaurantbesuchen immer bis auf den Cent den jeweiligen finanziellen Anteil ausgerechnet hat. Das habe sie dann irgendwann bleiben lassen. Die penible Deutsche – dieses Stereotyp wollte sie abstreifen. Was sie auch lernte: Man muss nicht in einer halben Stunde satt und fertig sein mit dem Essen – manche Erasmus-Tischrunde dauerte vier Stunden.

Trend zum Schnell-Studium

Rund 300 Studenten und andere Hochschulangehörige wechseln von der Uni-Potsdam pro Jahr mit Erasmus ins Ausland, etwa 250 Gegenbesucher empfängt die Uni – die Teilnehmerquote beträgt also weniger als 20 Prozent.

„Es könnten mehr sein“, sagt Pia Kettmann, Erasmus-Beauftragte an der Uni Potsdam. Die Studenten an sich hätten sich verändert, sagt sie. Immer mehr Studenten befürchteten, Zeit zu verlieren auf dem Weg zu einem möglichst schnellen Studienabschluss. Auch seien die Studenten im Vergleich zu früheren Jahren heute jünger und täten sich teils schwerer, sich aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld heraus zu bewegen. Mittlerweile verbringt die Mehrzahl der Studenten nur noch ein Semester in der Fremde, kein ganzes Studienjahr.

Der Brexit droht

Die Universitäten plagt derzeit noch ein Problem: Der Brexit. Denn Großbritannien rangiert neben Spanien und Frankreich unter den Austausch-Zielen ganz vorn. Neue Verträge müssten gemacht werden. Als die Schweiz sich im Jahr 2014 nach einem Referendum von der Personenfreizügigkeit nach EU-Vorbild verabschiedete, warf die EU das Land aus dem Erasmus-Programm. Die Zahl der Austauschstudenten sackte dramatisch ab.

„Die Wissenschaft hat kein Interesse an einem EU-Ausstieg“, sagt Erasmus-Koordinatorin Kettmann. Junge Leute generell kaum. Kein Wunder: Für den Brexit haben vor allem ältere Briten gestimmt.

Von Ulrich Wangemann

Ob 30 Euro für ein Meerschwein oder 200 Euro für den Rotluchs - Brandenburger Zoos nehmen durch Tierpaten jährlich Tausende von Euros ein. Das Geld fließt oft in den Bau neuer Anlagen - und ins Futter.

19.05.2019

Auch 30 Jahre nach dem Mauerfall hinkt der Osten wirtschaftlich dem Westen hinterher. Viele Ökonomen glauben, dass er nicht weiter aufholen wird. Bundeswirtschaftsminister Altmaier (CDU) ist hingegen optimistischer.

19.05.2019

Früher undenktbar, heute normal: Auf dem Mauerweg gehen Berlin und Potsdam heute wie ganz selbstverständlich ineinander über. Das war nicht immer so. Die beiden Stadtführer Asaf Leshem und Matthew Robinson veranstalten im Jubiläumsjahr Radtouren entlang des historischen Pfades.

22.05.2019