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Brandenburg Die Kleinstadt Rheinsberg wächst auf der literarischen Landkarte
Brandenburg Die Kleinstadt Rheinsberg wächst auf der literarischen Landkarte
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20:59 19.12.2019
Peter Böthig leitet seit 1993 das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum in Rheinsberg und führte 1995 das Amt des Stadtschreibers ein. Quelle: Regine Buddeke
Rheinsberg

Über 25 Jahre haben sie Bett und Schlafzimmer geteilt, nicht mit-, sondern nacheinander. Mit Martin Ahrends beendete gerade der 50. Rheinsberger Stadtschreiber seine offizielle Gastrolle in dem idyllischen Residenzstädtchen. Das fünfmonatige Aufenthaltsstipendium ist mit 5000 Euro nicht besonders üppig ausgestattet und für Großstädter durchaus mit Entbehrungen verbunden.

Im Literaturforum im Brecht-Haus in Berlin-Mitte herrschte am Mittwochabend eine Stimmung wie bei einem Klassentreffen. Dabei kannten sich viele Teilnehmer persönlich gar nicht. Es ist aber zu spüren, wie stark sich die ehemaligen Stadtschreiber auch nach Jahrzehnten mit dem 8000-Einwohner-Städtchen verbunden fühlen.

Die Potsdamer Schriftstellerin Grit Poppe 2018 vor dem Rheinsberger Schloss. Quelle: Regine Buddeke

Bei der öffentlichen Veranstaltung haben im Publikum neben Katja Lange-Müller und Thorsten Becker, Ulrich Enzensberger und Rajvinder Singh, Kathrin Schmidt und Peggy Mädler insgesamt 20 Ex-Stipendiaten Platz genommen. Im Podium sitzen Annett Gröschner, Ralph Hammerthaler und Ahne und lesen Texte, die in Rheinsberg entstanden sind.

Gegenwart im Museum

Anlass ist ein Buch mit dem genialen Titel „Hier soll Preußen schön sein“. Mit diesen Worten beginnt ein fünfteiliger Text der Dichterin Barbara Köhler, die Peter Böthig 1996 von Duisburg nach Rheinsberg locken konnte. Ein Jahr zuvor hatte der Leiter des Kurt-Tucholsky-Literaturmuseums die Tradition der Stadtschreiber ins Leben gerufen. Zu diesem Zweck ließ er eine Wohnung im Kavalierhaus des Knobelsdorff-Schlosses herrichten und besorgte das Geld. Wie ein Intendant – also ohne Jury – entscheidet Böthig allein, wem das Amt angetragen wird. „Bisher hat keiner abgesagt“, bemerkt der Literaturwissenschaftler stolz und erzählt, was ihn auf die Idee brachte. „Ich kam 1993 aus Berlin und dachte im Hinterkopf: Dann bist Du vielleicht nicht ganz so allein. Außerdem hatte ich den Wunsch, dass das Museum kein Mausoleum sein soll, sondern ein Ort, in dem sich auch die literarische Gegenwart spiegelt.“

Realpersonen und Buchpersonen

Der heute 61-Jähige kann etwa zehn Titel aufzählen, in denen sich die Erfahrung Rheinsberg ganz unmittelbar niedergeschlagen hat. „Die Autorenwitwe“ (2003) von Judith Kuckart etwa, eine satirische Titelerzählung, die von einer Frau handelt, die einen Stadtschreiberposten in der ostdeutschen Provinz antritt und ihre eigene Leere findet. Oder das monumentale Leseabenteuer „Der Kantakt (2009), in dem Giwi Margwellaschwili als „Realperson“ in den Tucholsky-Klassiker „Rheinsberg – Ein Bilderbuch für Verliebte“ eindringt und dort auf die „Buchpersonen“ Claire und Wolfgang trifft. Der Deutsch-Georgier nennt Rheinsberg eine „Buchweltstadt“, weil mit dem geschilderten Ausflug des Berliner Liebespaares 1912 das Thema freie Liebe, die Unbeschwertheit und ein locker-launiger Ton in die Literatur der Moderne Einzug hielten.

Akos Doma war von Februar bis Juni Stadtschreiber in Rheinsberg Quelle: Peter Geisler

Die Stadtschreiber werden nicht verpflichtet, sich mit dem Ort auseinandersetzen. Sie sollen lediglich zum Abschied einen unveröffentlichten Text vorstellen, der dann auch in der Reihe „Rheinsberger Bogen“ erscheint. Doch mehr als zwei Drittel der abgelieferten Beiträge handeln ganz konkret von Rheinsberg, von der Landschaft und den Menschen, von der lokalen Geschichte und der gesellschaftlichen Gegenwart.

Lesung mit Marion Brasch, Stadtschreiberin 2015. Quelle: Regine Buddeke

Herausragend war die umfangreiche Recherche von Annett Gröschner, die 1999 in der Siedlung des Kernkraftwerkes Rheinsberg Zeitzeugenstimmen zusammentrug und daraus den literarischen Chor „Kontrakt 903“ komponierte. Wolfgang Hilbig verfasste in Rheinsberg 1996 seine Dankesrede zum Schillerpreis. Darin berichtet der Ausnahmedichter von seiner irritierenden Ankunft im Westen, wie er „wie besoffen die Rolltreppen in den Kaufhöfen rauf- und runterfuhr“ und vor seinem „aschfahlen Grinsen“ erschrak, wenn er wieder gegen einen der vielen Spiegel im öffentlichen Raum rannte. Den berühmten Spiegelsaal im Rheinsberger Schloss erwähnte er allerdings nicht. Hilbig endet mit einer Vorahnung: „Wir dürfen nicht annehmen, dass Profit und Verschleiß unsere Freiheit ungeschoren lassen werden.“ Auch Volker Braun wurde in Rheinsberg politisch. Er verknüpfte das 18. Jahrhundert der Kronprinzenzeit Friedrich II. mit antikapitalistischen Thesen zur Gegenwart.

Ahne im Herbst 2017 in der Stadtschreiber-Wohnung im Kavalierhaus. Quelle: Lars Grote

Bei der Veranstaltung in Berlin bekennt der 51-jährige Ostberliner Lesebühnenautor Ahne freimütig: „Rheinsberg war das erste Mal in meinem Leben, dass ich überhaupt aus Berlin rausgekommen bin. Mich hätte sonst eigentlich nur New York gereizt, aber ich kann kein Englisch.“ Und er schwärmt für die vielen Pilze, die er in den Wäldern um Rheinsberg fand und stellt fest, dass er dort auch erstmals als Erwachsener wieder in einer Oper war.

Kein bezahlter Urlaub

Ein anderer Berliner, Jan Faktor, berichtet, wie ihm seine Ideen auf ausschweifenden Fahrradtouren kamen, die er unterwegs auf ein Diktiergerät sprach. „In Berlin hätte das niemals funktioniert“, so sein Resümee. Auch Antje Rávic Strubel wehrt sich gegen den Eindruck, sie habe den Ausflugsort einfach nur genossen: „Während meines Arbeitslebens hatte ich noch keinen einzigen Tag bezahlten Urlaub“, beteuert sie. Regina Scheer stellte in Rheinsberg 2011 ihren preisgekrönten Roman „Machandel“ fertig. „Ich schrieb an einem langen Text, schrieb mich hinein in die fremden Geschichten, die anderen Leben, lebte selbst in ihnen, erschrak, wenn ich aus der Stadtschreiberwohnung kam und wirkliche Menschen hörbare Sätze sagten, die Zeiten, die Orte verwirrten sich manchmal.“

Jan Faktor war im Herbst 2018 in Rheinsberg tätig. Quelle: Frauke Herweg

Der Münchner Ulrich Enzensberger setzt sich in Rheinsberg mit den Lebensverhältnissen in der ostdeutschen Provinz auseinander. Er erfährt, dass für die Grundreinigung eines Zimmers in einem Hotel eine Putzkraft zwei Euro bekommt und schlussfolgert daraus, dass ein Stadtschreiber dafür in den fünf Monaten 2500 Zimmer putzen müsste.

Land ohne Gipfel

Johannes Groschupf, ein anderer Gast mit West-Hintergrund, stellte fest: „Reiche Bauern oder selbstbewusste Händler gab es hier nie, und auch heute bleibt es etwas rätselhaft, wovon die Leute, abgesehen vom Tourismus, eigentlich leben.“

Stadtschreiber Christoph Klimke, 2016 in der Tucholsky-Ausstellung. Quelle: Regine Buddeke

In Berlin entspinnt sich nach der Lesung ein Streitgespräch, ob der Tourismus für Rheinsberg ein Segen oder ein Fluch ist. Wer im Januar anreiste, war dankbar, wenn sich ab Ostern Straßen und Cafés belebten. Wer sein Aufenthaltsstipendium im August antrat, den schockierten die vielen Busse mit Rentern. Der im Mai verstorbene Satiriker Wiglaf Droste versetzte sich 2009 in die Rheinsberger Kellner und hinterließ eine heftige Polemik gegen die Berliner „Chefausflügler“: „Was ist der Unterschied zwischen Terroristen und Touristen? Terroristen haben Sympathisanten.“

Der Dichter Ron Winkler wird der 51. Rheinsberger Stadtschreiber und tritt im Januar 2020 sein Amt in Rheinsberg an. Quelle: Christiane Wohlrab

Wozu ließen sich die Stadtschreiber noch inspirieren? Der bosnische Lyriker und Kriegsflüchtling Stefan Tontic konnte hier durchatmen: „Zu wohltuend, unwirklich ist die Idylle/ für Ohren, an Explosionen gewöhnt/ und an den Lärm des Bombardements“. Und Katja Lange-Müller setzte sich hier 2001 mit der der weiblichen Identität in Preußen auseinander: „Jawoll, der Preußenmythos ist ein maskuliner durch und durch, die Preußentugenden, die vermeintlichen, sind derart burschenschaftlerisch und/oder soldatisch, wie‘s männlicher kaum geht.“

Peter Böthig (Hrsg.) Hier soll Preußen schön sein. Fünfzig Stadtschreiber erfinden eine poetische Provinz. Quintus, 278 Seiten, 20 Euro.

Von Karim Saab

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