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Brandenburg Wurde der Wolfsangriff nur inszeniert?
Brandenburg Wurde der Wolfsangriff nur inszeniert?
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00:24 18.08.2018
Schäfermeister Marc Mennle, hier auf der Brala, hat Ärger mit den Wölfen und fühlt sich diffamiert. Quelle: BauernZeitung
Potsdam

Drei tote Schafe am Deich: War es der Wolf, der zweimal dieselbe Herde attackierte? Ist der Gutachter, der die Kadaver untersucht hat, befangen? Hat der Schäfer den Angriff auf seine Herde nur inszeniert? Der Fall der drei toten Schafe von Lenzen (Prignitz) hat das Zeug zu einem Regionalkrimi. Aber er ist bitterer Ernst. Der Streit zwischen Wolfsfreunden und Wolfsgegnern eskaliert gerade.

Ausgangspunkt ist der Wolfsangriff auf die Herde des Schäfers Marc Mennle, über den die MAZ vor gut zwei Wochen berichtete. Mennle, der mit seiner 460-köpfigen Herde den Elbdeich bei Lenzen pflegt, fand am Morgen des 29. Juli zwei tote, ausgeweidete Schafe, obwohl er die Herde mit einem Elektrozaun geschützt und Herdenschutzhunde angeschafft hatte. Einen Tag später fand der Schäfer ein weiteres totes Schaf. Wieder geht er von einem Wolfsangriff aus.

Zahnabdruck deutet auf Wolf hin

Ein Wolfsgutachter wird zu Mennle auf den Deich geschickt, der die Kadaver in Augenschein nimmt und zwei Rissprotokolle gefertigt. In beiden Dokumenten, über die „PNN“ zuerst berichtet hatten, geht Gutachter Uwe Schanz davon aus, dass die Tiere durch einen Wolf getötet wurden. „An der Kehle sind deutliche Bisswunden zu erkennen, die einem großen Karnivoren zuzuordnen sind. Auf Grund der Zahnabstände ist ein Wolf als Verursacher nicht auszuschließen.“

Im zweiten Fall aber notiert Schanz eine folgenschwere Anmerkung: Verdauungsorgane und Pansen lägen etwas abseits vom Kadaver, dazwischen gebe es keinerlei Blutspuren. Im gesamten Fundbereich sei kein ausgetrocknetes Blut zu sehen. „Es ist daher nicht auszuschließen, dass der Kadaver an der Stelle platziert wurde“, schreibt Schanz. Die Folge: Das Umweltamt wertet nur zwei der drei toten Schafe als Wolfsopfer, wofür es eine Entschädigung geben soll.

Nabu: Schäfer hat Herde nicht richtig geschützt

Der Naturschutzbund Nabu erhebt nun schwere Vorwürfe. Schäfer Mennle habe seine Herde nicht ausreichend geschützt, erklärte Nabu-Landeschefin Christiane Schröder. Er habe zwar an drei Seiten des Deiches einen Elektrozaun aufgestellt, nicht aber an der Wasserseite. Da Wölfe gute Schimmer seien, sei dies geradezu eine Einladung an das Raubtier gewesen.

Mehr noch: Zwischen den Zeilen deutet der Nabu an, dass der zweite Wolfsangriff nur inszeniert gewesen sein könnte – in Komplizenschaft mit dem Bauernbund, der mit seinem Geschäftsführer Reinhard Jung eine „Hetzkampagne“ gegen den Wolf betreibe. Es sei auffällig, dass Mennle den Bauernbund und die Presse eher informiert habe als die Behörde und den Schafzuchtverband, und dass beide, Jung und Mennle, in der Prignitz arbeiteten, so Schröder. „Je genauer man hinsieht, umso mehr Fragen wirft dieser Fall auf.“

Als Vorwurf der Inszenierung will der Nabu-Vorsitzende Friedhelm Schmitz-Jersch das nicht verstanden wissen. Man habe nur die Zweifel des Gutachtens wiedergegeben, hieß es.

Hat der Bauernbund nur auf einen solchen Fall gewartet?

Wenn der Wolf bei Mennle tatsächlich zweimal trotz Herdenschutz zugeschlagen hätte, dürfte er laut Wolfsverordnung auf Antrag abgeschossen werden. So etwas kam in Brandenburg noch nie vor. Der Nabu unterstellt nun, dass der Bauernbund, der gerne zur Wolfshatz blasen würde, genau deswegen nur auf einen solchen Fall gewartet habe.

Dessen Geschäftsführer Jung, der ohne Zweifel um markige Worte in Sachen Wolf nicht verlegen ist, wiederum hält die Begutachtung im Fall Lenzen für fragwürdig. Der eigentliche Skandal sei, so Jung, dass der hauptamtliche Gutachter des Umweltamtes auch Mitglied des Nabu sei. Er stehe damit eindeutig auf der Seite der Wolfsschützer. „Eine objektive Begutachtung ist aufgrund dieser Parteinahme zwar theoretisch möglich, allerdings praktisch schwer vorstellbar“, so Jung. Tatsächlich ist Uwe Schanz ehrenamtlich als Nabu-Wolfsbotschafter engagiert. Er will sich nicht zu dem Fall äußern.

Umweltamt nimmt Gutachter in Schutz

Das Umweltamt nimmt seinen Gutachter in Schutz. An der Objektivität und Sachkunde gebe es keine Zweifel. Das Umweltamt arbeite mit einem ganzen Pool an ehrenamtlichen Wolfsexperten zusammen, die aus ganz unterschiedlichen Bereichen – der Landwirtschaft, der Jagd oder dem Naturschutz kämen.

Bauernbundchef Jung wirft dem Nabu „ehrabschneidende Unterstellungen“ vor. „Der Nabu verbreitet Lügen“, sagt Jung. Mennles Herde sei entgegen der Aussage des Nabu ausreichend geschützt gewesen, sagt Jung und verweist auf ein entsprechendes Schreiben des Landesumweltamts. Darin bestätigt die Behörde, dass durch die dreiseitige Umzäunung und den Einsatz der Hunde der Mindeststandard zum Herdenschutz an Deichen eingehalten gewesen sei. Das Amt gibt Schäfer Mennle allerdings auch mit auf den Weg, seinen Zaun künftig auch an der Uferseite zu spannen.

Schäfer Marc Mennle fühlt sich diffamiert. Dass er den Wolfsangriff nur inszeniert haben könnte, weist er als „ungeheuerlich“ zurück. „Ich bin bestimmt kein Weichei, aber so etwas zehrt an den Nerven“, sagt er. Erneut zugeschlagen hat der Wolf bisher nicht. Aber er sei noch da, meint Mennle. Das könne er am Fährtenbild rund um die Koppel erkennen. „Ich fahre jeden Morgen mit einem mulmigen Gefühl zu meiner Herde“, sagte er.

Von Torsten Gellner

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