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Brandenburg Andreas Kalbitz - Der Schrecken der anderen Parteien
Brandenburg Andreas Kalbitz - Der Schrecken der anderen Parteien
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19:50 21.08.2019
AfD-Chef Andreas Kalbitz verteilt Flyer in Königs Wusterhausen. Quelle: Ulrich Wangemann
Königs Wusterhausen

Der Kandidat für den Wahlkreis 27 geht von Vorgarten zu Vorgarten, steckt ein paar Flyer in Briefkästen. Im Königs Wusterhausener Ortsteil Senzig ist an diesem Vormittag kaum ein Mensch ist zu sehen. Ein Mann mit Sonnenhut schneidet mit der Heckenschere eine Wand aus Thuja-Bäumchen. Er brummt dem Kandidaten zu, nickt kurz, mehr nicht. Ein paar Mal in der Woche geht Andreas Kalbitz, AfD-Chef in Brandenburg, mit einem Stapel Broschüren unterm Arm durch seine Nachbarschaft. Basisarbeit fürs Spitzenpersonal. Kalbitz, ehemals Zeitsoldat bei der Bundeswehr, kommentiert das so: Beim Militär gibt es einen Grundsatz, an den er glaube – „führen durch Vorbild“.

Der 46-Jährige ist der wohl umstrittenste Politiker Brandenburgs. Nach aktuellem Umfragestand wäre Kalbitz mit 21 Prozent Zustimmung für seine Partei aussichtsreicher Kandidat auf das Amt des Ministerpräsidenten. Nur koalieren will niemand mit den Rechtspopulisten.

Deshalb gilt es als sehr unwahrscheinlich, dass der Mann mit der charakteristischen Glatze und der kleinen ovalen Brille im Herbst in die Staatskanzlei einzieht. Eins ist Kalbitz in jedem Fall: Der Schrecken der anderen Parteien – und das sogar bundesweit, denn er gehört zum inneren Zirkel der Führung um Alexander Gauland. Bei der Europawahl im Mai 2019 war die AfD stärkste Partei im Bundesland geworden.

„Vollende die Wende!“ steht auf den Faltblättern, die der Kandidat in die Briefkästen – viele von ihnen phantasievolle Eigenbauten – schiebt. Neben dem Slogan prangt das Konterfei des AfD-Chefs. Kalbitz kommt, kaum ein Kommentator weist nicht darauf hin, ebenso wenig aus dem Osten wie sein Thüringer Kollege Björn Höcke, ein Hesse.

Die Mutter war Heimatvertriebene

Dennoch plakatieren sie zwischen Erzgebirge und Prignitz: „Schreib Geschichte!“ Zum Wahlkampfauftakt in Cottbus im Juli beschwor Kalbitz die Menge: „Wir sind nicht 1989 in diesen Prozess eingetreten, um das geliefert zu bekommen, was wir jetzt zu erdulden haben…“ Das klang, als hätte er höchstselbst die Stasi-Zentrale gestürmt.

Andreas Kalbitz propagiert im Wahlkampf die „Wende 2.0“ – hier Anfang August in der AfD-Hochburg Cottbus. Quelle: Patrick Pleul/dpa

Der AfD-Spitzenmann kontert derartige Biografiekritik mit dem Hinweis auf seinen Familienteil aus Pritzwalk – seine Mutter war als Heimatvertriebene dort gelandet, studierte später in Görlitz. „Die Ost-West-Problematik war immer virulent bei uns“, sagt der 46-Jährige. „Bei uns hieß es nicht DDR, sondern Ostzone.“ Die Teilung jedenfalls habe man in der Familie, die zum anderen Teil aus Kalbitz’ Geburtsstadt München stammt, immer als etwas Unnatürliches empfunden. Sinngemäß soll das heißen: Der Osten ist ein Kalbitz-Thema, auch wenn er in Bayern geboren wurde.

Leben im Idyll am See

Die Anlieger-Straßen sind an diesem Vormittag wie ausgestorben. Wer nicht arbeitet, sitzt im Garten – hinterm Haus. „Hier wache ich“, steht an manchen Zäunen. Am alten Dorfanger bellen ein paar Hunde hinter einem Zauntor. Dieses Idyll am See, mit seinen Stegen, dem Schilfgürtel und dem gepflegten Wassergrundstücken sieht nicht aus, als gebe es viel Potenzial für eine Partei der Unzufriedenen. Eines der größeren Problem im Ort sind Vibrationen, die der neu errichtete Kirchturm beim Glockenläuten in die Nachbarhäuser überträgt. Die Krisen der Welt scheinen hier nicht angekommen zu sein.

Das sei auch gar nicht der Punkt, sagt Kalbitz. Die Menschen wollten, dass alles so bleibe wie es ist. Früher hätten die Ortsbewohner die Türen offen gelassen, sagt Kalbitz. Mittlerweile würden Fahrräder aus Gärten gestohlen. Und bei Regen sei der Bahnhof von Königs Wusterhausen voller junger Ausländer – Mädchen und Frauen würden dann draußen im Regen warten. Kalbitz wohnt schon seit vielen Jahren in dem Ort. Er läuft hier im Polohemd herum – keiner scheint Notiz von Brandenburgs wohl umstrittenstem Politiker zu nehmen.

Keine Notiz nehmen, das gilt auch für Kalbitz‘ politisches Vorleben: AfD-Anhänger scheint es nicht zu stören, dass der ehemalige Fallschirmjäger bei den vom Verfassungsschutz beobachteten Republikanern war, beim völkischen Witikobund, und bis 2015 bei dem als rechtsextrem eingestuften Verein „Kultur- und Zeitgeschichte, Archiv der Zeit“.

Mit Lederhose im Pfingstlager

Keine Enthüllung hat ernsthaft Dellen in den Wahlprognosen hinterlassen. Seit zwei Jahren steht die Partei bei 20 Prozent Zustimmung. Kalbitz‘ Führungsrolle im AfD-internen „Flügel“ – er steht als „Verdachtsfall Rechtsextremismus“ unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes – hat ebenso wenig geschadet wie Fotos von Kalbitz in kurzer Lederhose mit Koppelschloss auf dem 2007er Pfingstlager der kurz darauf verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ).

Leidensfähige Landser

Erneut stand in den vergangenen Tagen Kalbitz‘ Verhältnis zur revisionstischen Rechten im Fokus. Die „Welt“ hatte ausgegraben, dass Kalbitz an zwei Dokumentarfilmen seines Schwiegervaters zum Dritten Reich mitgearbeitet hat. Einer berichtet laut Werbetext von der „fast übermenschlichen Leidensfähigkeit“ einer Gebirgsjägerdivision der NS-Wehrmacht – deren Beteiligung an Kriegsverbrechen taucht nicht auf.

„Die Nazi-Keule hat sich abgenutzt“, sagt Kalbitz beim Cappuccino im Straßencafé. Er hat eine Kugel Bananeneis bestellt. „In Wahrheit geht es doch nur darum, Schlagzeilen zu produzieren, in denen ,Hitler‘ und ,Kalbitz‘ in einem Satz genannt werden können.“ Er nehme für sich in Anspruch, eine persönliche Entwicklung durchgemacht zu haben seit seinen Aktivitäten in den kritisierten Vereinigungen.

Kritiker sagen: Nicht nur bei den eigenen so genannten Jugendsünden geht Kalbitz ziemlich milde um, nachsichtig ist er auch bei der Auswahl seiner Entourage. Drei Mitarbeiter, die Kontakte zur völkisch–extremistischen Identitären Bewegung (IB) hatten, arbeiten weiterhin in Kalbitz‘ Umfeld, bestätigt der Partei- und Fraktionsvorsitzende. „Ich werde keinem jungen Menschen ein Brenneisen aufdrücken, weil er an einer gewaltfreien Aktion teilgenommen hat – und aus jugendlichem Übermut mal vor der Tür der CDU saß“, rechtfertigt Kalbitz seine Personalpolitik. Dennoch gelte der Unvereinbarkeitsbeschluss von IB- und AfD-Mitgliedschaft.

Viele AfD-Plakate hängen nicht lange

AfD-Plakatierer sind meist mit Leitern unterwegs. Ab 3,50 Metern seien Plakate relativ sicher, sagt Andreas Kalbitz: Das entspricht ungefähr der Höhe eines Mannes, auf dessen Schultern ein anderer Mann steht. Denn die Abrissquote sei hoch. „In Potsdam annähernd bei hundert Prozent“, sagt Kalbitz. Neulich haben Plakatiertrupps doch noch ein paar Pappen an Laternen entlang der Nutheschnellstraße in Potsdam angebracht. Die hängen allerdings so hoch, dass kein Autofahrer sie entziffern kann.

Wahlkämpfer in Herzberg (Elbe-Elster) waren so genervt vom Plakatschwund, dass sie eins in den Druck gaben mit der Aufschrift: „Hol Dir einen runter, kleiner Antifant – Abreiß-Plakat für den hirnlosen Linksfaschisten!“ Den von vielen als niveaulos empfundenen Selbstbefriedigungs-Slogan will Kalbitz nicht kommentieren. Die Kreisverbände seien selbst verantwortlich für ihre Öffentlichkeitsarbeit.

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Von Ulrich Wangemann

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