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Brandenburg Experten haben sich bei den Pflegefällen kräftig verschätzt
Brandenburg Experten haben sich bei den Pflegefällen kräftig verschätzt
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07:39 24.10.2018
Die Zahl der Pflegefälle steigt schneller als erwartet. Quelle: Bodo Marks/dpa
Potsdam

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Brandenburg steigt schneller an, als Experten das bislang vermutet haben. Im vergangenen Jahr erhielten gut 133 000 Menschen Leistungen aus der Pflegeversicherung, hatte das Statistische Landesamt am Dienstag mitgeteilt. Das ist ein Anstieg um fast 20 Prozent gegenüber der letzten amtlichen Erhebung aus dem Jahr 2015. Damals gab es noch rund 111 600 Pflegebedürftige. 2017 rutschten durch eine Gesetzesänderung zwar knapp 1600 Brandenburger neu in den Pflegegrad 1, die zuvor keine Leistungen bezogen hatten. Dies allein erklärt aber den drastischen Anstieg der Patientenzahlen nicht.

Damit wird die bisherige Prognose des Gesundheitsministeriums deutlich übertroffen. Die Experten hatten damit gerechnet, dass es im Jahr 2020 rund 126.000 Pflegebedürftige geben wird. Das hatten sie noch Anfang des Jahre mitgeteilt. Doch diese Zahl ist bereits jetzt überholt. Kein Wunder: Die Prognose basierte auf einer damals schon veralteten Zahl – nämlich der Zählung des Statistikamts von 2015.

Gesundheitsministerin: Bin nicht überrascht

Die Prognose ist wichtig für Landkreise und kreisfreie Städte, damit diese abschätzen können, wie sich die Zahl der Pflegefälle entwickelt und damit entsprechende soziale Angebote geschaffen werden können. Auch wenn die Zahlen nun höher lägen: die Kommunen wüssten, was auf sie zukommt, heißt es aus dem Ministerium. Die Prognose werde turnusgemäß auf der Basis der neuen Zahlen angepasst.

Gesundheitsministerin Susanna Karawanskij (Linke) sagte, die Entwicklung überrasche sie nicht. „Wir wissen, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in den kommenden Jahren weiter ansteigen wird.“ Brandenburg habe die Herausforderungen in der Pflege früh erkannt und notwendige Maßnahmen rechtzeitig angestoßen. „Der zentrale Ansatz unserer Pflegepolitik ist es, Pflegebedürftigkeit so gut und so lange wie möglich zu vermeiden“, sagte die Ministerin. Menschen, die Einsamkeit nicht kennen und bis ins hohe Alter aktiv sind, würden seltener und deutlich später pflegebedürftig, erklärte sie. Deswegen fördere das Land über die Initiative „Altern und Pflege im Quartier“ Nachbarschaftsprojekte für Ältere.

Volkssolidarität spricht von Pflegenotstand

80 Prozent der Betroffenen werden in Brandenburg von Angehörigen oder von ambulanten Diensten betreut. Nur etwa 24.400 Menschen leben in einem Heim. Von einem Pflegenotstand könne derzeit keine Rede sein, hieß es aus dem Ministerium. Schließlich sei auch die Zahl der Pflegeeinrichtungen gestiegen.

Während aber die Zahl der Patienten um rund 20 Prozent stieg, erhöhte sich die Zahl der Pflegekräfte in dem Zeitraum nur um knapp acht Prozent auf 37400, wie aus den Daten des Statistikamts hervorgeht. Die Fachkräftelücke hat sich also vergrößert, wie auch Andreas Heil, Pflegeexperte der Brandenburger Volkssolidarität, bestätigte. „Wir haben längst einen Pflegenotstand“, sagte er. Der Sozialverband betreibt selbst mehrere Sozialstationen betreibt und hat wie viele andere Träger auch große Probleme, frei werdende Stellen zu ersetzen. „Es gehen viele Mitarbeiter in Rente, aber die Jungen kommen nicht nach.“ Zum Teil müssten deswegen Klienten auch abgewiesen werden.

Kosten werden steigen

Heil erwartet, dass die Kosten für die Pflege in den kommenden Monaten deutlich ansteigen werden, nämlich dann, wenn weitere Tarifverträge abgeschlossen werden und die Pflegekräfte besser bezahlt werden. Das ist politisch und gesellschaftlich zwar allgemein erwünscht. Für Betroffene und deren Angehörige läuft das aber auf deutlich höhere Beiträge hinaus.

Unterdessen zeichnen sich auf Bundesebene Erleichterungen für Pflegende und deren Angehörige ab. Die große Koalition will die Unterstützung verbessern. So sollen Pflegebedürftige künftig keine Genehmigung mehr bei der Krankenkasse einholen müssen, wenn sie mit dem Taxi zum Arzt fahren. Das sehen Änderungsanträge zum Pflegepersonal-Gesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor, die dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) vorliegen. Außerdem sollen pflegende Angehörige entlastet werden: Wenn sie selbst in eine Reha-Klinik müssen, können sie ihr pflegebedürftiges Familienmitglied mitnehmen und in der gleichen Einrichtung betreuen lassen. „Bei allem notwendigen Engagement für Pflegekräfte: Ohne die gegenseitige Hilfe in den Familien würde unser Pflegesystem zusammenbrechen“, sagte Spahn dem RND.

Von Torsten Gellner

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