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Brandenburg Wie im Havelland die Zukunft der Landwirtschaft erprobt wird
Brandenburg Wie im Havelland die Zukunft der Landwirtschaft erprobt wird
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13:57 10.09.2019
Peter Kaim experimentiert auf seinem Havellandhof in Ribbeck mit verschiedenen Artenschutzmaßnahmen. Er hofft, dass andere Landwirte davon lernen können. Quelle: Torsten Gellner
Nauen

Peter Kaim ist ein fröhlicher Mensch. Er lacht viel, wirkt mit sich im Reinen. „Mein persönliches Glück ist, dass ich im Einklang mit der Natur arbeiten kann“, sagt der 49-Jährige. Kaim, ein bayerischer Schwabe, ist mit seiner Frau vor 27 Jahren ins Havelland gezogen. 980 Hektar bewirtschaftet er dort. Weizen, Roggen, Mais, Gerste.

Sein Ziel sei es von Anfang an gewesen, eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft zu etablieren. Er hat eine Biogasanlage und hält rund 170 Kühe. Die Biogasanlage versorgt den eigenen Hof mit Strom und erzeugt auch Fernwärme für die umliegenden Häuser. Es würden alle Prozesse durchdacht, vom „Regenwurm im fruchtbaren Boden bis zum beheizten Wohnzimmer“.

Harte Kritik am Artenschutzpaket des Bundes

Doch seine Grundfröhlichkeit kennt Grenzen. Das vergangene Woche vom Bundeskabinett verabschiedete Maßnahmenpaket zum Artenschutz in der Landwirtschaft bringt Kaim in Rage. „Das verschlägt auch mir die Sprache. Wir laufen sehenden Auges in einen Notstand hinein“, sagt er. Ab 2021, befürchten die märkischen Landwirte, darf das Breitbandherbizid Glyphosat auf einem Drittel der Äcker nicht mehr verwendet werden.

Dass ausgerechnet Peter Kaim so hart mit dem „Aktionsprogramm Insektenschutz“ ins Gericht geht, mag überraschen. Schließlich gilt sein Havellandhof, der direkt neben dem Besucherparkplatz von Ribbeck liegt, als Vorzeigebetrieb in Sachen Artenschutz. Zehn Prozent der Fläche sind ausschließlich für Naturschutzmaßnahmen reserviert. Hier gibt es Blühfelder und Altgrasstreifen, Landeplätze für Feldlerchen und eine Vogelinsel für Bodenbrüter. Er baut Getreide extensiv, nicht intensiv an. Das hießt: Mehr Platz für Ackerwildkräuter, Insekten und Vögel, keine Düngung, keine Insektizide. Der Preis für so viel Engagement: ein niedrigerer Ertrag.

Was steckt hinter FRANZ?

Im Projekt FRANZ sind deutschlandweit zehn landwirtschaftliche Demonstrations-betriebe vernetzt, die neue Wege in Sachen Naturschutz und Nachhaltigkeit gehen. Die Abkürzung FRANZ bedeutet „Für Ressourcen, Agrarwirtschaft und Naturschutz mit Zukunft“.

Naturschützerund Landwirte erproben dabei gemeinsam, wie Naturschutz und eine effiziente Landwirtschaft Hand in Hand gehen können. Als Demonstrationsbetriebe wollen sie die erfolgreichsten Strategien beispielhaft für andere Landwirte präsentieren.

Einer der zehn Betriebe ist der Havellandhof von Peter Kaim in Ribbeck. Kaim bewirtschaftet mehr als 700 Hektar Ackerland. 2007 stellte der Hof beispielsweise auf Direktsaat um. Dabei wird der Boden nicht mehr gepflügt, um die Vielfalt der Lebewesen im Erdreich zu erhalten.

Getragen wird das Projekt von der Umweltstiftung Michael Otto und dem Deutschen Bauernverband. Es wird wissenschaftlich vom Thünen-Institut und der Uni Göttingen begleitet.

Das Glyphosatverbot geht aber selbst Kaim zu weit. „Wie sollen wir junge Leute überzeugen, in die Landwirtschaft zu gehen, wenn diese nur noch aus Verboten besteht?“ Klüger als Verbote auszusprechen sei es, gemeinsam mit Wissenschaftlern und Naturschützern an einer effektiven und artenschutzfreundlichen Landwirtschaft zu forschen. Das passiert auf dem Havellandhof – und davon will Kaim Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) überzeugen.

Proteste von märkischen Landwirten

Beide sind am Montag nach Ribbeck gekommen, um sich Kaims Hof anzuschauen. Es ist ein Demonstrationsbetrieb des Projekts FRANZ, das erforschen will, wie sich Ökologie und Ökonomie in der Landwirtschaft verbinden lassen. Es wird unterstützt von der Umweltstiftung Michael Otto. Die Stiftung verpflichtet sich unter anderem, die zehn bundesweit beteiligten Demonstrationshöfe finanziell für ihre Ertragseinbußen zu entschädigen. Alle Maßnahmen werden wissenschaftlich begleitet. Denn es gibt zwar viele Artenschutzprojekte, doch wie effektiv und praxistauglich sie sind, ist weitgehend offen.

Noch bevor Klöckner den Hof betritt, wird sie von erbosten märkischen Landwirten empfangen – wegen des Glyphosatverbots. „Mit diesem Kabinettsbeschluss hauen Sie auf die Landwirtschaft so was von drauf, dass man einfach nicht damit einverstanden sein kann“, gibt etwa Wolfgang Scherfke, Hauptgeschäftsführer des Landesbauernverbands, der Ministerin mit auf den Weg. Bauernpräsident Joachim Rukwied spricht von einem „Affront gegen das Engagement von uns Landwirten im Umweltschutz“. Er lädt Umweltministerin Schulze und Agrarministerin Klöckner zu einem Gespräch darüber ein.

Die Ministerin ist um Ausgleich bemüht. „Wir müssen mal auf beiden Seiten verbal abrüsten“, sagt sie und nimmt die Bauern gegen pauschale Kritik in Schutz: „Das Bauernbashing muss aufhören“, sagt Klöckner. „Wir haben in Deutschland 80 Millionen Hobby-Agarwirtschaftler, die glauben, sie könnten sich ein Urteil erlauben.“

Landwirtschaft und Naturschutz seien kein Gegensatz, das werde beim FRANZ-Projekt deutlich, meint Klöckner. „Die Landwirte brauchen die Artenvielfalt. Sie sägen sich sonst den Ast ab, auf dem sie sitzen.“

Von Torsten Gellner

Bei einem Besuch in Ribbeck wurde Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) von märkischen Bauern in ein Streitgespräch verwickelt. Der Grund: Das Glyphosatverbot, das das Kabinett vergangene Woche auf den Weg gebracht hat.

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