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Brandenburg Auf der Jagd nach Autodieben
Brandenburg Auf der Jagd nach Autodieben
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10:15 12.08.2013
Kontrolle am Rastplatz Bademeusel.
Kontrolle am Rastplatz Bademeusel. Quelle: Detlev Scheerbarth
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Forst / Bademeusel

Über den dunstigen Wiesen geht die Sonne auf. Es wird wieder ein heißer Tag. Der junge Pole hat die Hände auf dem Rücken gefesselt. Schmale Schultern und Stoppelhaar, Lederjacke, weite Jeans und Turnschuhe. Sein Blick ist auf einen Punkt am Horizont gerichtet. Seine Lippen sind zusammengepresst. Bereitschaftspolizisten in voller Montur umringen den 20-Jährigen. Für ihn endet die Reise an diesem Morgen um halb sechs auf einem Parkplatz an der Autobahn 15 kurz vor Bademeusel (Spree-Neiße). Der Grenzübergang Forst ist nur gute zwei Kilometer entfernt. Fast hätte der Autodieb es in seine Heimat geschafft, aber eben nur fast.

Die Polizei-Sonderkommission „Grenze“, die ab Mitternacht ihre Netze über Südbrandenburg ausgeworfen hatte, fischt auch den 20-Jährigen aus dem Fahrzeugstrom heraus. Sechs Kontrollstellen mit 100 Beamten von Landes- und Bundespolizei sowie Zoll gibt es, eine davon bei Bademeusel. An ihr kommt keiner vorbei. Wer es riskiert und die Absperrung durchbricht, dem geht schnell die Luft aus, weil er sich in Kunststoffröhren steckenden Stop-Sticks (früher schlichte Nagelbretter) in die Reifen einfährt.

Der komplette Autobahnverkehr wird an diesem Morgen auf den Parkplatz abgeleitet. Lastwagen können, falls es keine Verdachtsmomente gibt, sofort weiterfahren. Pkws werden ohne Ausnahme kontrolliert – sie sind das Ziel der Fahnder. Bereits die Beamten, die mit hochgereckterHalte-Kelle an der Einfädelspur stehen, registrieren Auffälligkeiten wie hervorstehende Türschlösser.

Der junge Pole konnte den in Berlin gestohlenen Audi A6 TDI mit Celler Kennzeichen noch bis in eine Parktasche steuern. Einsatzleiter Olaf Starick beordert zwei Beamte zum Fahrzeug-Check. Sie werden schnell fündig. Im Zündschloss steckt ein Schlüssel, der nicht zum Audi passt. „Auf den Schlüssel fällt unser erster Blick. Verdächtig ist auch, wenn kein Maskottchen dranhängt“, sagt Starick.

Autoknacker benutzen ein Werkzeug, das sich politisch unkorrekt „Polenschlüssel“ nennt. Legal wird dieser General-Türöffner von Schlüsseldiensten verwendet. Zunächst rammt der Dieb den falschen Schlüssel ins Türschloss und schließt dann mit einem Sechskant auf. Der „Polenschlüssel“ hilft auch beim Einschalten der Zündung. Da Wegfahrsperren über den Originalschlüssel funktionieren, werden die Sperren mit Diagnose-Computern ausgetrickst.

Die 95 Fahnder und Kriminalisten der in Frankfurt (Oder) stationierten Soko „Grenze“ stehen gut organisierten Banden gegenüber. Hochwertige Fahrzeuge werden auf „Kundenwunsch“ gestohlen – bis hin zu Motorisierung und Farbe. Haben Diebe ein bevorzugtes Modell im Visier, wird nachts zugeschlagen. Maximal zwei Minuten und 20 Sekunden braucht ein Profi im Schnitt, um einen Wagen der neuesten Generation zu knacken. Die Opfer bemerken den Diebstahl oft erst am Morgen oder werden im günstigsten Fall – wie der in Berlin wohnende Besitzer des A6 von Bademeusel – informiert, dass der Wagen 150 Kilometer entfernt an der Autobahn steht.

Zwischen dem Dieb, der den Wagen knackt, und dem Kurier, der ihn über die Grenze bringt, sowie dem Hehler herrscht strikte Arbeitsteilung. Keiner weiß vom anderen, so das Prinzip, das die Fahndung nach Hintermännern enorm erschwert. Autobahn-Einsatzleiter Starick ist sicher, dass der junge Pole, der nun zur Vernehmung gebracht und einem Haftrichter vorgeführt wird, nie wieder als Kurier fährt. „Der ist bei uns jetzt gespeichert“, sagt der 45-jährige Polizeihauptkommissar.

Beutezüge in Berlin

3355 Kraftfahrzeuge wurden im Vorjahr in Brandenburg gestohlen. Nicht wenige davon verschwinden in den Weiten Osteuropas. Jens Starigk, Chef der Frankfurter Soko, kennt die regionalen Schwerpunkte der Autoschieber. Bevorzugtes Gebiet ist Berlin samt Speckgürtel. Gezielte Beutezüge auf Nobelkarossen werden aber auch im Gebiet um die Autobahnen 11, 12 und 15 gestartet. Die Automafia hat es laut Starigk hauptsächlich auf VW-, Audi-, BMW- und Mercedes-Modelle abgesehen. Über märkische Straßen werden aber auch Fahrzeuge aus dem gesamten Bundesgebiet und Westeuropa nach Osten verschoben.

Aber es geht nicht nur um komplette Autos. Deutsche und polnische Banden haben sich auf Gebrauchtwagen zur Ersatzteilgewinnung spezialisiert. Binnen weniger Stunden werden geklaute Fahrzeuge zerlegt und über die Grenze gebracht. Selten gelingen Starigk und seinen Leuten Erfolge wie der vom Februar. Bei der Suche nach einem in Drebkau (Spree-Neiße) entwendeten VW Passat stießen polnische Polizisten auf ein Gehöft fünf Kilometer hinter der Grenze. Neben dem Passat wurden Teile von 14 gestohlenen Wagen der Marken VW, Audi und Mercedes entdeckt. Acht stammten aus Brandenburg, fünf aus Berlin und ein Auto aus Kiel.

400 Fahrzeuge kontrolliert

Bis 9 Uhr wird in Bademeusel kontrolliert. Am Ende werden es an allen Kontrollstellen 400 Fahrzeuge und 700 Personen sein. Der Verkehr nimmt zu, es ist Urlaubszeit. Viele Polen, die auswärts arbeiten, fahren nach Hause, wie Janusz Piecek aus Posen. Er kommt aus dem Ruhrgebiet. „Muss wohl sein“, sagt der 47-Jährige mit Blick auf die Polizisten in den signalfarbenen Westen und steigt in seinen Golf. Die Truppe von Einsatzleiter Starick kennt die Abläufe, man bleibt höflich. „Dokumente, Pass port, bitte stellen Sie den Motor ab!“ Kofferraum und Motorhaube müssen geöffnet werden. Der Fahrer eines BMW sucht nach seinen Papieren. Daneben sitzt ein junger Mann ohne Führerschein am Steuer eines Passat. „Ein guter Bekannter, den hatten wir schon mal geschnappt“, sagt Starick. Der Mann erhält eine Anzeige und muss 120 Euro bezahlen. Der Beifahrer rutscht hinters Steuer.

Derweil verfolgt ein Hubschrauber 60 Kilometer weiter nördlich den Fahrer eines im Elbe-Elster-Kreis gestohlenen VW Caddy. Der Mann hatte den Wagen bei Staakow (Dahme-Spreewald) zurückgelassen und war zu Fuß geflüchtet. Er kann nicht gefasst werden.

Von Volkmar Krause

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