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Brandenburg Mehr Arbeit, weniger Geld: BVG-Angestellter berichtet
Brandenburg Mehr Arbeit, weniger Geld: BVG-Angestellter berichtet
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00:25 04.04.2019
Nichts geht mehr bei der BVG. Quelle: Michele Tantussi/Getty Images
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Berlin

Aimo Tügel ist mächtig sauer und trägt ein Plakat durch die Kälte, auf dem er die „36,5-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich“ fordert. Der U-Bahn-Fahrer marschiert am Montagmorgen mit ein paar hundert Kollegen von der U-Bahn-Werkstatt in der Seestraße zum BVB-Busdepot in der Müllerstraße.

Kunden und Angestellte gleichermaßen sauer

Das Depot ist verriegelt, dahinter stehen zwei mit Streikparolen dekorierte BVB-Busse. Von der anderen Straßenseite meldet sich ein einsamer Wutschnauber: „Ey, hab‘ isch bezahlt 63 Euro für Monatskarte!“

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Kein Aprilscherz: Die Berliner Verkehrsgesellschaft BVG streikt am 1. April. Weder U-Bahn, Busse noch Trams fahren an dem Montag.

Beim Gespräch mit den Streikenden wird klar: Sie sind mindestens so wütend wie der Kunde auf der anderen Straßenseite. Aimo Tügel holt weit aus und erzählt vom „Absenkungstarifvertrag“ aus dem Jahr 2005, aus Sicht vieler Bus-, Tram- und U-Bahn-Fahrer die Wurzel allen Übels.

„Tarifvertrag Niedriglohn“

Damals verabschiedeten sich der Nahverkehr und die Stadtreinigung in Berlin aus der Tarifstruktur des Öffentlichen Dienstes, eingeführt wurde ein tiefergelegter Tarifvertrag Nahverkehr. Tügel sagt, das Kürzel TVN heiße intern „Tarifvertrag Niedriglohn“.

Wer nach 2005 zur BVG kam, arbeitet 39 Stunden pro Woche , die Altbeschäftigten weiterhin 36,5 Stunden. Für Lohnverluste infolge des Tarifumbaus zahlt die BVG den Altbeschäftigten zudem einen sogenannten Sicherungsbetrag.

Mehr Arbeit, weniger Geld

Für Aimo Tügel bedeutet das: Er fährt im Monat zehn Stunden länger und verdient ein paar hundert Euro weniger als altgediente Kollegen. Er spricht von einem „Drehtür-Effekt“ bei den jüngeren Fahrern, die Fluktuation sei sehr hoch. Auch ein Busfahrer, der anonym bleiben will, stört sich an dem Mehrklassensystem der BVG.

Der Plan des Unternehmens, 1000 neue Mitarbeiter für den Fahrdienst einzustellen, sei illusorisch. „Nicht zu diesen Konditionen“. Der Vorstand trete in den Tarifverhandlungen „ignorant und arrogant“ auf, so sein Vorwurf.

„Taschenspielertricks“ der BVG-Führung

Verdi-Funktionär Jeremy Arndt greift diese Kritik später in seiner Rede auf: In drei von bisher vier Verhandlungsrunden habe der BVG-Finanzvorstand die Gespräche vorzeitig verlassen, angeblich wegen unaufschiebbarer Termine.

Er geißelt die Kommunikationsstrategie der BVG-Führung, spricht von „Halbwahrheiten“ und „Taschenspielertricks“, die nur ein Ziel verfolgten: die Fahrgäste gegen die Beschäftigten aufzuhetzen. In sein angebliches 90-Millionen-Angebot habe das Unternehmen etwa die Arbeitgeber-Anteile zur Renten- und Krankenversicherung eingerechnet.

Verdi-Vertreter hochzufrieden

Mit dem ganztätigen Warnstreik am Montag ist der Verdi-Vertreter hochzufrieden. „So gut wie keine Streikbrecher“, sagt Arndt. Der Erfolg ist durchschlagend: Seit 3.30 Uhr fährt in Berlin keine U-Bahn, keine Tram und fast kein Bus. Nur einige von Subunternehmen bediente Buslinien sind in Betrieb. Nur die S-Bahn, die nicht zum BVG-Konzern gehört, fährt planmäßig.

Am Donnerstag um 9 Uhr wird weiterverhandelt.

Von Thorsten Keller