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Brandenburg Wie Bad Belzig als „Smart Village“ digital werden will
Brandenburg Wie Bad Belzig als „Smart Village“ digital werden will
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20:41 14.12.2018
Das Coconat in Klein Glien bei Bad Belzig mit Janosch Dietrich (l.). Quelle: Tilman Vogler
Bad Belzig

Roland Leisegang ist ein direkter, ein zupackender Politiker – ein digitaler Visionär aber war er bislang nicht. Der parteilose Bürgermeister von Bad Belzig und ehemalige Schlagzeuger der Rockband Keimzeit nennt sich selbst „ein Zwischentier zwischen dem digitalen und dem analogen Zeitalter“. Auf seinem Smartphone nutzt er am liebsten die Wetter-App – kühne Zukunftsträume von künstlicher Intelligenz und autonomen Flugtaxis aber sind ihm völlig fremd.

Das ist „Smart Village“

Bad Belzig und Wiesenburg haben sich in einem von der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (mabb) ausgelobten Wettbewerb gegen zehn weitere Mitbewerber durchgesetzt – und sind seit April ein „Smart Village“. „Die Bewerbung von Bad Belzig und dem Coworking-Projekt Coconat überzeugte die Jury durch ihre konzeptionelle Stärke und durch den bereits zum Zeitpunkt der Bewerbung erreichten Stand der digitalen Entwicklungen“, hieß es in einer Mitteilung des mabb.

In der Region sollen nun verschiedene Modellprojekte für digitale Lösungen auf dem Land erprobt werden, die die Gemeinden attraktiver machen und den Alltag der Menschen vor Ort künftig erleichtern. So soll zum Beispiel im kommenden Jahr die „Smart-Village-App“ für Bad Belzig erscheinen, die lokale Angebote und Informationen für Bürger und Touristen aufbereitet.

Dabei soll ein breites Netzwerk an Akteuren vor Ort in die künftigen Projekte mit einbezogen werden. Neben Bad Belzig und Wiesenburg ist so auch das Coconat, der Tourismusverband Fläming, das Studio Wiesenburg und die Märkische Allgemeine Zeitung am „Smart Village“-Netzwerk beteiligt.

Vielleicht ist Roland Leisegang mit seiner pragmatischen Art aber genau deswegen gut geeignet, sein Dorf in die digitale Zukunft zu führen und seine Bürger auf diesem Weg mitzunehmen. Seit April trägt Bad Belzig zusammen mit der Nachbargemeinde Wiesenburg den Titel „Smart Village“ der Medienanstalt Berlin-Brandenburg – und soll vormachen, womit sich die meisten Dörfer in der Mark bislang so schwer tun. Denn kluge digitale Projekte und Lösungen für den ländlichen Raum gibt es bislang viel zu wenige in Brandenburg. Das liegt an der mangelnden Infrastruktur, an Funklöchern und langsamen Internetverbindungen. Es liegt aber auch daran, dass noch niemand richtig angefangen hat und testet, was andere nachmachen könnten.

Hipster zwischen Feldern

In anderen Bundesländern, in Rheinland-Pfalz und Bayern gibt es schon seit einiger Zeit ähnliche Modellprojekte. Dass in Brandenburg aus elf Bewerbern am Ende aber Bad Belzig und Wiesenburg den Zuschlag bekamen, haben sie vor allem Janosch Dietrich zu verdanken. Der 40-Jährige ist Mitbegründer des Coconat, einem Co-Working-Projekt, das seit eineinhalb Jahren digitale Nomaden auf den Gutshof in Klein Glien, auf halber Strecke zwischen Bad Belzig und Wiesenburg lockt. Hier, zwischen Wiesen und Feldern, direkt an der B246 eröffnet sich jedem, der die schwere Holztür in den Gutshof aufdrückt eine eigene kleine Welt. Hier sitzen sogenannte Berliner Hipster neben französischen Kreativen an ihren Laptops, arbeiten an Start-Up-Ideen und genießen die idyllische Natur. Arbeitssprache ist hier, mitten in Potsdam-Mittelmark – Englisch.

Als Dietrich und seine Mitstreiter damals loslegten, „standen bei vielen hier in Bad Belzig vor allem große Fragezeichen“, erzählt Roland Leisegang. „Das war für uns in unserer heilen Welt alles total neu“. Doch Dietrich und die anderen aus dem Coconat überzeugten – auch analog. „Die sind auf Dorffesten auf die Leute zugegangen, haben sich vorgestellt und man hat gemerkt: Das sind nicht irgendwelche Nerds.“ Seitdem ist das Coconat angekommen in der Region. Am Dienstag traf sich der Seniorenverein auf dem Gutshof, die Freiwillige Feuerwehr sitzt schon lange mit auf dem Grundstück und am Samstag treffen sich beim Weihnachtsmarkt auf dem Hof Dorfbevölkerung und Digital Natives: „Am Ende mögen alle Glühwein“, sagt Dietrich. Und der Elan für den digitalen Aufbruch färbt ab. Dietrich war es, der Leisegang vom „Smart Village“-Projekt überzeugte und die Bewerbung maßgeblich voran getrieben hat. Und Dietrich ist es auch, der viele der kleinen Projekte anstieß, die sich nun nach und nach unter dem gemeinsamen Titel „Smart Village“ zusammenfinden. „Ich bin unheimlich glücklich, dass wir ihn hier bei uns haben“, sagt Bürgermeister Leisegang. „Er hat jetzt schon so viel bewegt.“

Eine App für Bad Belzig

Als erstes und bislang größtes Projekt als „Smart Village“ soll Bad Belzig im kommenden Jahr nun eine eigene App bekommen. Dort finden Bürger Nachrichten aus der Region und Touristen Informationen über die Stadt. Zukünftig könnten über die App auch der Arzt bestellt und Vereinstermine koordiniert werden. „Mit der App habe ich quasi die ganze Stadt in der Hosentasche“, verspricht die Entwicklerfirma aus Berlin.

Staatssekretär Thomas Kralinski (l.) und Bad Belzigs Bürgermeister Roland Leisegang unterzeichnen eine Kooperationsverinbarung. Es ist der Startschuss zur Entwicklung einer "Smart Village App." Quelle: André Großmann

Und der Elan für den digitalen Aufbruch färbt ab. Dietrich war es, der Leisegang vom „Smart Village“-Projekt überzeugte und die Bewerbung maßgeblich voran getrieben hat. Und Dietrich ist es auch, der viele der kleinen Projekte anstieß, die sich nun nach und nach unter dem gemeinsamen Titel „Smart Village“ zusammenfinden. „Ich bin unheimlich glücklich, dass wir ihn hier bei uns haben“, sagt Bürgermeister Leisegang. „Er hat jetzt schon so viel bewegt.“

Elf Kilometer südwestlich von Bad Belzig, auf der anderen Seite des Coconat, denkt Marco Beckendorf in Wiesenburg dagegen groß. Der Bürgermeister der Linkspartei will einen eigenen Smart-Village-Campus in der 5000-Einwohner-Gemeinde errichten. Auf dem Gelände der ehemaligen Brauerei soll so ein Non-Profit-Raum für Kreative und Vereine entstehen. In die ehemalige Drahtzieherei sollen Start-Ups und kleine Firmen gelockt werden. „Das Projekt ist wichtig, weil Grundstücke mit viel Geschichte nicht als Schandflecke brach liegen, sondern eine positive und zukunftsträchtige Perspektive bekommen“, sagt Beckendorf.

Wiesenburgs Bürgermeister Marco Beckendorf hofft, das Quartier Drahtzieherei-Postplatz-Brauerei zu einem Smart-Village-Campus entwickeln zu können. Quelle: Dirk Froehlich

Fünf bis sechs Millionen Euro soll der „Smart Village“-Campus kosten

Dafür allerdings muss er die verfallenen Gebäude der ehemaligen Brauerei und der Drahtzieherei erst einmal komplett zurückkaufen und restaurieren. Fünf bis sechs Millionen Euro soll das kosten und zum großen Teil durch den Bund und mit Mitteln der Städtebauförderung finanziert werden. Ob das Geld bewilligt wird, zeigt sich erst im kommenden Jahr. Der Antrag aber ist raus – und der Anfang gemacht.

Janosch Dietrich vom Coconat ist gespannt, ob das ambitionierte Vorhaben klappt. Für ihn sind die vielen kleinen Projekte und Ansätze unter dem gemeinsamen Dach „Smart Village“ aber mindestens genauso wichtig. So übernimmt Wiesenburg zusätzlich die Trägerschaft des „Landwärts“-Projektes, das Interessenten das Gründen auf dem Land erleichtern soll. Und im „Fab- und Virtual Reality-Lab“ sollen Werkstätten mit 3D-Druckern auf dem Gelände des Coconat entstehen.

Alle müssen mitmachen

Am wichtigsten aber, das sagen alle Beteiligten, sei, was in Zukunft mit der Idee „Smart Village“ entsteht. „Wir könnten neue Lösungen in Fragen der Mobilität auf dem Land finden und Carsharing-Angebote entwickeln“, sagt Dietrich. Vor allem aber müssten dabei die Leute mitgenommen werden, sagt Bürgermeister Leisegang. „Deswegen ist dieser Titel in erster Linie eine Chance. Lassen Sie uns erst einmal anfangen und ihn mit Leben füllen“.

Von Ansgar Nehls

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