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Brandenburg Baumschule erhält Zukunftspreis
Brandenburg Baumschule erhält Zukunftspreis
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17:19 20.07.2018
Stefan Lorberg von der Baumschule Lorberg begutachtet seine Bäume, die für den Export bestimmt sind.
Stefan Lorberg von der Baumschule Lorberg begutachtet seine Bäume, die für den Export bestimmt sind. Quelle: Foto: dpa
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Tremmen

Der Sommerwind streift durch den etwa zwei Meter breiten Pflanzstreifen. Blätter wippen. Auf den lila Blüten der Phacelia landen Hummeln, Bienen und Schwebfliegen. In der Baumschule Lorberg in Tremmen (Havelland) sind jetzt die geflügelten „Nützlinge“ unterwegs. Sie helfen in einer der größten Baumschulen Deutschlands beim Kampf gegen Schädlinge.

Pflanzen sind die große Leidenschaft des Unternehmens, aber auch der biologische Schutz kommt nicht zu kurz, wie das Familienunternehmen betont, das auf eine lange Tradition zurück blicken kann. Es entstand vor gut 175 Jahren und wird heute in sechster und siebter Generation geführt. In diesem Jahr erhält die Firma, die 220 Mitarbeiter und elf Lehrlinge beschäftigt und inzwischen auf internationalen Märkten in insgesamt 32 Ländern unterwegs ist, den Zukunftspreis der sechs Wirtschaftskammern des Landes Brandenburg.

Gewinner des Zukunftspreises

Die Entscheidung über den Zukunftspreis 2018 ist gefallen: Die Jury hat sechs Unternehmen ausgewählt, die am 9. November 2018 im Schloss Neuhardenberg offiziell den Preis erhalten werden. Beworben hatten sich 56 Firmen. Der alljährliche Sonderpreis geht an die Potsdamer Unternehmerin Karin Gendrich, die nach 30 Jahren in der Handelsbranche im vorigen Jahr in den Ruhestand ging. Sie hatte 1987 in Potsdam ihr erstes Modegeschäft geöffnet.

Neben der Baumschule Lorberg aus Tremmen (Havelland) geht der Zukunftspreis an die Bäckerei Exner aus Beelitz (Potsdam-Mittelmark), ABE KSK Bau- und Brennstoffhandlung aus Angermünde (Uckermark), die Ulf Tauschke GmbH aus Höhenland (Märkisch-Oderland), uesa GmbH aus Uebigau-Wahrenbrück (Elbe-Elster) und se.services GmbH aus Schulzendorf (Dahme-Spreewald).

Was die geflügelten „Nützlinge“ angeht, hat die Baumschule extra einen Blühstreifen zwischen den heranwachsenden Linden, Ahornen, Eiben und unterschiedlichsten Kiefern gesät. „Wir haben mit einer normalen Mischung angefangen, mussten aber schon einige Male bereits die Zusammensetzung verändern“, sagt Ronja Lorberg, Sprecherin des Familienunternehmens.

Heute stehen auf etwa 800 Hektar tausende Bäume in 200 verschiedenen Arten. Alle drei bis vier Jahre werden sie an einen neuen Standort verpflanzt – es sei, sie werden verkauft. 60 Hektar nehmen bereits die begrünten Streifen zwischen den zum Teil meterhohen Bäumen ein. Dort sieht es wie auf einer idyllischen Wildblumenwiese aus. Buchweizen, Ölrettich mit kleinen Bohnenschoten, gelb blühende Ringelblumen, Kornblumen, Fenchel oder Rotklee sind zu entdecken. Und darauf tummeln sich Insekten. „Die Zeit der Marienkäfer ist für dieses Jahr schon vorbei“, sagt Lorberg. Jetzt sind vor allem Hummeln, Bienen, Flor- oder Schwebfliegen zu entdecken.

Seit 2015 beschäftigt sich die Baumschule mit biologischem Pflanzenschutz in Zusammenarbeit mit der Beuth Hochschule für Technik Berlin. „Wir wollen erreichen, dass die Pflanzen auf natürliche Art gestärkt werden“, sagt Hartmut Balder, Wissenschaftler an der Hochschule mit dem Fachgebiet Produktion von Gehölzen für die urbane Pflanzenverwendung. Blühende Untersaaten bieten neben den blühenden Baumschulpflanzen vielen bedrohten Insekten einen neuen Lebensraum, so auch Wildbienen.

Der biologische Pflanzenschutz setzt auf Nützlinge, die Insekten fressen, die die Pflanzen schädigen können. Das sind vor allem Blattläuse sowie Spinn- und Rostmilben. Weniger chemischer Pflanzenschutz ist dann notwendig. Um die fleißigen Helfer anzusiedeln, werden Lebensräume benötigt. „Im Weinbau oder beim Hopfenanbau werden die Erdstreifen schon mit Pflanzen begrünt, die Insekten anlocken“, sagt Balder.

Entscheidend aber ist: Welche Insekten sind überhaupt da, welche sollen angelockt oder wieder heimisch werden? „Und welche Pflanzen brauchen die zum Überleben“, sagt Balder. Zudem müssten sie gut im märkischen Boden gedeihen. Für die Brandenburger Baumschule wurden 22 verschiedene Sorten in ganz bestimmten Zusammensetzungen gemixt. Die Anzucht mit sogenannten Untersaaten bedeutet für die Baumschulgewächse aber zunächst auch Stress. Sie passen sich damit aber auch besser an spätere Standorte an und haben dann dort weniger Probleme.

Nach Angaben von Lorberg begann die Forschungsreihe 2015 mit diesem Versuch: In eine Reihe kam eine übliche Rasenmischung in die Erde, in die zweite eine artenreiche Kräutermischung und die dritte wurde nur mechanisch von Unkraut befreit. „Schnell stellte sich heraus: die Kräutermischung zieht die meisten Nützlinge und die wenigsten Schädlinge an“, sagt Lorberg. Mit den Blühstreifen verringert sich in der Baumschule der Pflegeaufwand und die Kosten für Pflanzenschutz. „Und im nächsten Jahr wird sich alles selbst aussäen“, sagt Lorberg.

Die meisten Baumschulen bundesweit säen mittlerweile Zwischenstreifen mit Wildblumen ein, sagt Franziska Weck, Projektleiterin Grüne Städte für ein nachhaltiges Europa im Bund deutscher Baumschulen. Lediglich direkt am Stamm werde das Erdreich meist mechanisch frei von Wildkräutern gehalten. Die ausreichende Versorgung mit Wasser und Nährstoffen solle gesichert werden. „Auf jeden Fall sorgen die Wildblumen für Insektenvielfalt und tragen so zu einer Erhöhung der Biodiversität bei“, sagt sie.

„Wir müssen etwas für Insekten tun und zu mehr Grün beitragen“, sagt auch Wissenschaftler Hartmut Balder. Er verspricht sich von dem Projekt Erkenntnisse zur Gestaltung des städtischen Raumes mit Bäumen und Grünpflanzen. In Tremmen stehen mittlerweile auch Bienenstöcke: Die Tiere finden hier bis weit in den Oktober hinein Nektar. Das erhöht ihre Überlebenschancen.

Von Gudrun Janicke