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Brandenburg 1000 Euro im Monat – einfach so: Sascha Hillebrenner erfüllt sich damit einen Lebenstraum
Brandenburg 1000 Euro im Monat – einfach so: Sascha Hillebrenner erfüllt sich damit einen Lebenstraum
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09:58 04.12.2019
Sascha Hillebrenner (47) bekommt seit dem 1. November 2019 ein bedingungsloses Grundeinkommen. Er beginnt damit die Ausbildung zum Wildnispädagogen in Buckow. Quelle: Jan Russezki
Berlin

1000 Euro im Monat, unversteuert und bedingungslos für ein Jahr: Für 42 Menschen wurde dieser Traum am Montagabend in Berlin wahr. Der Verein „Mein Grundeinkommen“ verloste im Livestream eine halbe Million Euro. Für den Initiator Michael Bohmeyer ist das Projekt eine „spielerische Feldstudie“, wie das bedingungslose Grundeinkommen in der Praxis wirkt. Denn was der Geldsegen mit den Menschen und der Gesellschaft macht, ist ebenso umstritten wie die Frage, wie es finanziert werden soll.

Auch Michael Bohmeyer wollte sehen, wie es funktioniert. 2014 hat er „Mein Grundeinkommen gegründet. Seitdem hat der Verein 487 Einkommen, also rund sechs Millionen Euro verschenkt. Das Konzept: Menschen, die an die Idee glauben, spenden an den Verein. Kommen 12.000 Euro für ein Grundeinkommen zusammen, wird es verlost. An der Verlosung kann jeder auch ohne Spende teilnehmen. So kommen jeden Monat mehr als 275.000 Euro zusammen, die 1,5 Millionen Menschen aus allen Gesellschaftsschichten darauf hoffen lassen, ein Jahr lang 1000 Euro im Monat zu gewinnen.

Vom Start-up-Manager zum Wildnispädagogen

Für Sascha Hillebrenner hat das Hoffen seit November ein Ende. Es muss wie eine Spamnachricht gewirkt haben, als er die Mail mit dem Satz „Herzlichen Glückwunsch, du hast gewonnen“ in seinem Postfach fand. „Ich habe mich gefragt, ob das wirklich wahr ist. Es hat mich sehr berührt“, erzählt Hillebrenner.

Denn für den 47-Jährigen kam der Gewinn zur rechten Zeit: „Seit drei Jahren plane ich den Schritt aus dem Nine-to-five-Arbeitsalltag. Zum Ende des Jahres stand der finale Weg fest“, sagt er. Hillenbrenner ist Projektmanager für Solaranlagen. Mit dem monatlichen Grundeinkommen will er nun seinem Traum ein Stück näher kommen: Er beginnt im März eine Ausbildung zum Wildnispädagogen im Umweltzentrum Drei Eichen in Buckow (Märkisch-Oderland).

„Es geht nicht um Armutsbekämpfung“

„Der Job war super, aber ich möchte mein eigenes Hotel aufbauen“, sagt der ehemalige Hotelier und gelernte Handwerker. Er wolle kleine Baumhäuser, Tipis und Erdhöhlen vermieten und das mit der Wildnispädagogik verbinden. „Ich will die Menschen zurück zur Urnatur um sie und in ihnen bringen“, sagt Hillebrenner. Damit erfülle er sich seinen Herzenswunsch.

Er glaubt zwar, dass das auch ohne den Gewinn funktioniert hätte. Das Einkommen gebe ihm aber die Ruhe und die Sicherheit, sich auf seine Idee konzentrieren zu können. Unfair findet der Gründer Michael Bohmeyer das nicht. „Das Einkommen ist eben bedingungslos“, sagt er. „Es geht dabei nicht nur um Armutsbekämpfung, sondern darum, wie man Menschen für die Zukunft fit machen kann.“ Durch die Digitalisierung werde sich der Arbeitsmarkt künftig verändern. Allein durch autonomes Fahren könnten dann unzählige Arbeitsplätze bei Fahrdienstleistern wegfallen, meint Bohmeyer.

Michael Bohmeyer, Gründer von Mein Grundeinkommen e.V. Der ehemalige Neuenhagener lebte selbst von 1000 Euro im Monat, das er von der Beteiligung an einem Startup bekam. Das hat ihn auf die Idee zum Projekt „Mein Grundeinkommen“ gebracht. Quelle: Jan Russezki

Kritiker des monatlichen Geldflusses ohne Gegenleistung sehen in dem Modell allerdings die Gefahr, dass die Bezieher überhaupt keine Motivation mehr hätten, einen Beruf zu ergreifen oder sich weiterzubilden. Das sieht der Verein anders: „Die Leute werden eher tätiger, weil sie die Sicherheit im Rücken haben, das zu tun, was sie gerne machen und gut können. Eine Menge der Gewinner bildet sich auch weiter“, meint Bohmeyer.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Grundeinkommen

Ein Experiment in Finnland jedoch zeigt, dass Menschen mit einem Grundeinkommen weder mehr noch weniger arbeiten. Allerdings steige das Wohlbefinden. 56 Prozent der Probanden mit einer geringen staatlichen Grundsicherung fühlen sich gesünder als die Kontrollgruppe (46 Prozent). Stress verspüren die Empfänger des Grundeinkommens ebenfalls nicht so häufig.

Auch die bisherigen Interviews mit Gewinnern von „Mein Grundeinkommen“ zeigten laut Bohmeyer, dass „die Veränderung auf der Gefühlsebene“ stattfinde. „Die Leute sagen, dass ein großes Ruhegefühl einsetzt und sie besser schlafen“, sagt Michael Bohmeyer. Er berichtet, dass zwei an Morbus Crohn erkrankte Gewinner weniger stressbedingte Anfälle hätten und sogar ihre Medikamente abgesetzt hätten. „Das muss nicht unbedingt mit dem Grundeinkommen zutun haben, aber wir haben das jetzt zwei Mal erlebt“, sagt er.

„Mein Grundeinkommen“ will seine Erfahrungen und weitere Fragen zu den Auswirkungen eines bedingungslosen Grundeinkommens wissenschaftlich fundieren. Im Sommer 2020 sollen 120 Testpersonen über drei Jahre ein auf 1200 Euro erhöhtes Einkommen erhalten. „Früher oder später wird es dann auch staatliche Versuche geben“, glaubt Michael Bohmeyer.

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Von Jan Russezki

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