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Brandenburg Bier vom Späti – Tofu in der Vitrine
Brandenburg Bier vom Späti – Tofu in der Vitrine
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16:58 23.12.2018
An einer Hauswand sind Ereignisse der Wendezeit dokumentiert. Quelle: Julian Stähle
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Berlin

Wladimir Kaminier geht mit schnellen Schritten, beim Reden steigen Nebelwölkchen in die kalte Luft. Ein paar in die Erde gekloppte Steinstufen auf einen Rasenhügel genügen zum Ausblick über den flachen Mauerpark. „Bumm!“, sagt er, als erscheine im Berliner Wintergrau plötzlich der Taj Mahal. „Sieh dir das an, da ist einfach nichts. So eine Freifläche findest du sonst in keiner Großstadt der Welt!“

Moderne Architektur am früheren Mauerstreifen. Quelle: Julian Stähle

Als der Schriftsteller 1990 aus Russland nach Berlin floh, war das Nichts die größte Attraktion. Unbewohnte Mietbauten und etliche Kilometer Mauerstreifen, die plötzlich ihren alten Charakter verloren – vom Sperrgebiet zur Spielwiese. Kaminer besetzte leerstehende Häuser. Im Amphitheater am Mauerpark-Weg, der nördlich und südlich als Schwedter Straße verläuft, las er aus seinen Texten vor.

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Die DDR-Bürger verschwanden

An einem Neubau mit etagenhohen Panoramafenstern und integriertem Bio-Supermarkt bleibt Kaminer wieder stehen. Mit frierenden Fingern zeigt er auf die Hauswand gegenüber, die von einer historischen schwarz-weiß-Aufnahme überdeckt ist. Zu sehen sind Ost-Berliner, die sich 1989 durch einen abgerissenen Teil der Mauer hindurchdrängeln. „Die DDR verschwand und mit ihr verschwanden die Bürger“, erinnert sich der 51-Jährige, „die wollten harte Arbeit und guten Lohn im Westen. Dafür kamen Wessis, die aus ihren Provinzstädten flohen.“

Familienkiez mit hohen Mieten

Heute gilt der Prenzlauer Berg als glattsanierte Hochburg pedantischer Schwaben, die der dreckigen Hauptstadt am liebsten eine Kehrwoche verpassen würden. Soweit das Klischee, Fakt ist: Die Schwedter Straße hat sich zu einem Familienkiez mit hohen Mietpreisen gewandelt. Das gilt allgemein als Gentrifizierung.

Das namensgebende Schwedt hat billige Mieten

Seit 1862 trägt die Schwedter Straße ihren Namen. Die namensgebende Stadt liegt im Landkreis Uckermark. Bereits im 12. Jahrhundert existierte dort im Schutz einer pommerschen Burg ein Dorf am Oderübergang.

In der DDR war Schwedt als Industriestadt für das Petrolchemische Kombinat bekannt. Mittlerweile trägt sie offiziell den Titel „Nationalparkstadt“ – ein Verweis auf den Nationalpark Unteres Odertal, eine einzigartige Naturlandschaft. Sehenswert ist außerdem u.a. die Stadtkirche St. Katharinen aus dem 14. Jahrhundert.

Die Bevölkerungsentwicklung in der uckermärkischen Stadt steht im Kontrast zu der Entwicklung in der Schwedter Straße in Berlin. Direkt nach der Wende lebten mehr als 50 000 Menschen in Schwedt, heute sind es etwa 30 000. Der offizielle Mietspiegel lag im vergangenen Jahr bei 3,23 bis 7,23 Euro pro Quadratmeter.

Kaminier, der einst bei einer Behörde in der Schwedter Straße seine Ein-Zimmer-Außenklo-Wohnung für 12,50 DM anmietete, kann mit dem Begriff wenig anfangen. Wenn seine Kinder feiern gehen, würden die beim Späti Bier für 80 Cent kaufen. „Ist das Gentrifizierung?“, fragt er und verabschiedet sich in Richtung seiner Wohnung, die wenige Häuser von der Schwedter Straße entfernt ist.

Fassadenkunst in der Schwedter Straße. Quelle: Julian Stähle

Kurz vor der Kreuzung zur Kastanienallee findet sich eine Antwort auf die Gentrifizierungsfrage. Sauber abgesteckte Grünflächen. Verglaste Bauten mit weißen quaderförmigen Fassaden davor. Was sich dahinter verbirgt, bleibt von außen so verschlossen wie die zur videoüberwachten Siedlung gehörende Tiefgarage. Ein Tor trennt die mehr als hundert Eigentumswohnungen im Wohnkomplex namens Marthashof vom Kiez da draußen.

Marthashof – ein Wohnareal, das auf dem verwahrlosten Areal eines Garagen- und Werkstattkomplexes entstand. Quelle: Julian Stähle

Der preußische Stadtplaner James Hobrecht verfolgte im 19. Jahrhundert das Ideal vom „empfehlenswerten Durcheinanderwohnen“. Marthashof bildet den Kontrast dazu, auch wenn die verantwortliche Baufirma Stofanel sagt, „im Einklang mit ökologischer und kultureller Nachhaltigkeit“ zu stehen.

Turnschuhe für 400 Euro

Mag der Bierpreis im Kiez-Späti bei 80 Cent liegen, die Kaltmiete pro Quadratmeter ist in der Schwedter Straße laut Wohnmarktreport Berlin auf bis zu 17,54 Euro pro Quadratmeter gestiegen. Wer hier eine Wohnung kaufen will, zahlt pro Quadratmeter 5000 Euro und mehr. Manche versuchen von der gewachsenen Kaufkraft profitieren. Ein „Showroom“ genanntes Schuhgeschäft verkauft Turnschuhe für 400 Euro. Am südlichen Ende der Schwedter Straße gibt es mehr Yoga-Zentren und Heilpraktiker-Praxen als im gesamten Schwedter Stadtgebiet.

Ein bisschen zu perfekt für Underground. Quelle: Julian Stähle

„Wir finden überirdisch nichts mehr, das wir uns leisten können“, sagt Heidi, die Verkäuferin eines Bio-Ladens, der schon lange vor dem Boom der bewussten Ernährung existierte. Sie ist Mitglied eines Kollektivs, das die beiden kleinen Kellerräume gekauft hat, weil das Mietverhältnis auf Dauer zu unsicher war – „auch wenn wir uns dadurch erstmal verschulden“.

Quitten und Obst aus Übersee

Geräucherter Tofu liegt in der Vitrine, verschrumpelte Quitten im Korb. Obst aus Übersee, so wie in den großen Bio-Supermärkten, fehlt. Heidi spricht von zahlungskräftigen Anwohnern, die alle paar Jahre woanders auf der Welt leben und arbeiten. Ihren Nachnamen möchte sie lieber nicht nennen, andere Alteingesessene verraten aus Vorsicht noch nicht mal den Vornamen. „Es ist hier fast alles schlechter geworden, mehr ist nicht zu sagen“, schimpft ein Ladenbetreiber. In einem noch unsanierten Haus nebenan soll es eine Frau geben, die dort seit mehr als 50 Jahren lebt. Doch das Klingeln bleibt unerhört. „Die Wohnung wurde geräumt“, sagt der Mann. Vielleicht sei sie in ein Seniorenheim gezogen. Zumindest hofft er das.

Von Maurice Wojach