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Brandenburg Wie Pfleger in Brandenburg den Notstand erleben
Brandenburg Wie Pfleger in Brandenburg den Notstand erleben
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17:32 05.08.2019
Guy-Harald Hofmann ist Gesundheits- und Krankenpfleger und arbeitet als Leasing-Kraft in den den Ruppiner Kliniken. Quelle: Hannah Rüdiger
Neuruppin

Es gibt da diese eine Situation aus der Pflege im Krankenhaus, von der Guy-Harald Hofmann gerne erzählt. Eine alte Patientin, leicht verwirrt, bewegt sich nach einer Operation unruhig und nervös in ihrem Bett. Sie dreht sich hin und her, ist kaum zu beruhigen. „In zu vielen Fällen hätte ich dem Stationsarzt vorgeschlagen, ein Beruhigungsmittel zu verabreichen“, sagt Hofmann, 59 Jahre, sein halbes Leben arbeitet er als Gesundheits- und Krankenpfleger.

Stattdessen beginnt Hofmann zu singen, ganz langsam. Man kann ihn sich vorstellen, wie er dort vor der alten Frau steht, in seinem Pflegekittel, mit dem dichten weißen Bart, den kleinen wachen Augen – und einfach so am Krankenhausbett einen Abendchoral anstimmt: „Ruhet von des Tages Müh’n / Nacht will es nun werden / Lass die Sorg’ bis morgen früh! / Gott bewacht die Erden.“

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„Ich weiß doch auch nicht, warum ich das damals gemacht habe“, sagt Hofmann und summt das Lied leise vor sich hin. „Aber was passiert ist, hätte ich nicht gedacht“. Die Frau schaut erst irritiert zu Hofmann, faltet dann die Hände vor dem Bauch – und lässt ihn zu Ende singen. „Danach war Ruhe“, sagt der Pfleger. „Aber das ist ja nun wirklich die Ausnahme“.

Im Pflegealltag bleibt keine Zeit für den Menschen

Denn im harten Pflegealltag ist für solche Einzelbehandlungen eigentlich keine Zeit – eine Tablette geht schneller und ist unkomplizierter. Die Taktung der Pfleger zwischen den Patienten ist hoch, die Arbeitsrealität hart, anstrengend, belastend. Zwei Burnouts hat Hofmann hinter sich. Nicht nur verursacht durch den Beruf, aber auch. Schon lange beschäftigt er sich mit dem Thema Pflegenotstand, das überall in Deutschland ein Problem – im Flächenland Brandenburg aber besonders akut ist.

Denn die Menschen der Mark werden immer älter – immer mehr werden pflegebedürftig. Und schon jetzt ist die Situation prekär. Die Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege in Brandenburg hat im Juli eine Pflegestrategie veröffentlicht. Wer diesen Bericht liest, hört nicht bloß ein Fordern. Es ist ein Hilfeschrei. „Ohne ein beherztes Umsteuern in der Pflegepolitik ist ein Kollaps der Pflege in Brandenburg nicht abzuwenden“, heißt es darin.

Dabei ist das Problem lange bekannt. Doch der Markt für Pflegekräfte ist leergefegt. Es gibt schon jetzt viel zu wenige Pfleger für alle pflegebedürftigen Brandenburger.

Als Zeitarbeiter zur Pflege in Neuruppin

Guy-Harald Hofmann ist als Zeitarbeiter angestellt, als Überbrückungskraft für eine Zeit, in der das Personal der Klinik für die Betreuung nicht ausreicht. Über eine externe Firma wird seine Arbeitskraft für zwei Monate an die Ruppiner Klinken in Neuruppin verliehen, erst seit Kurzem ist er in der Stadt. Für Hofmann ist das ein Glücksfall, durch die Flexibilität bekommt er deutlich mehr Geld als seine Kollegen. Statt wie vorher 1950 Euro netto verdient er nun mit einem Schlag 1000 Euro mehr. „Ich verdiene das, was ich allen Pflegern bei dieser Arbeit wünschen würde“.

Realität in der Pflege: Gruppendruck unter Kollegen

Und er hat einen sehr festen Dienstplan. „Normalerweise komme es sehr, sehr häufig vor, dass man angerufen wird, ob man einspringen könne“, sagt Hofmann. „Dazu kommt der Gruppendruck: Wenn der Kollege letztes Wochenende eingesprungen ist, bin ich an diesem dran. Wie soll man denn so noch ein Privatleben organisieren?“

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Auch die Schilderungen von Daniel Vetter aus Potsdam klingen ähnlich, aber nicht weniger dramatisch. Der Altenpfleger beginnt jeden Morgen eine halbe Stunde vor seinem eigentlichen Dienstbeginn – nur um das zu schaffen, was unbedingt notwendig ist. „Die richtige Biographiearbeit mit den Senioren. Sich mal Zeit für die Menschen nehmen, das fällt alles weg. Wann soll ich das denn alles machen?“ 20 Patienten muss er zusammen mit Hilfskräften versorgen. Wenn jemand ausfällt, sind es auch mal doppelt so viele. Darunter fällt die Versorgung mit Medikamenten, die Absprache mit den Ärzten. Dazu müssen die Patienten gefüttert und bewegt werden. Und fast immer ist das einfach zu viel.

Mehr Geld ist nur ein Teil der Lösung

Wie also lässt es sich lösen, dieses Problem, das seit Jahren bekannt ist und trotzdem noch immer und mehr denn je drängt? Eine besserer Bezahlung der Pflegekräfte alleine sei ein Teil, aber nicht die ganze Lösung. Daniel Vetter wünscht sich Hilfe bei den kleinen Dingen. Eine ständige Hauswirtschaftskraft würde ihm zumindest abnehmen, immer wieder auch Küchenarbeiten zu erledigen. So hätte er wenigstens etwas mehr Zeit für die Menschen.

Guy-Harald Hofmann glaubt dagegen nicht, dass sich die zunehmende Zahl der Pflegebedürftigen mit Fachkräften auffangen lässt: „Das schaffen wir nicht. Keine Chance“. Stattdessen müsse es Nachbarschaftshilfen geben und mehr Anstrengungen, die Menschen zu Hause in ihrem Umfeld zu pflegen. „90 Prozent der Menschen wollen zu Hause gepflegt werden. Da muss man ansetzen“. Vor allem aber würde er sich endlich einen Ruck wünschen: „Das Problem ist so lange bekannt. Warum gibt es keinen Aufschrei in der Gesellschaft. Warum nehmen das so viele hin?“

MAZ whatsapp Quelle: Schultz, Maike

Von Ansgar Nehls

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