Brandenburg: Wohnen im Olympischen Dorf in Elstal und in Gransee
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Brandenburg Einheimische bevorzugt – und Zuzügler erwünscht
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Brandenburg: Wohnen im Olympischen Dorf in Elstal und in Gransee

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14:38 25.06.2021
Olympisches Dorf Elstal
Olympisches Dorf Elstal Quelle: foto: Ulrich Wangemann
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Potsdam

Am Wochenende kommen die Wohnungssuchenden mit Reisebussen ins Olympische Dorf nach Elstal (Havelland) an der B5, vor den Toren Berlin-Spandaus. In Grüppchen sammeln sie sich vor den Wohnblocks, wo Mitarbeiter der Projektgesellschaft Treffpunkte ausgeschildert haben. In Trupps nehmen die Fremden die Townhouses und Wohnungen, viele mit schick abgerundeten Balkons, in Augenschein.

Die Gebäude sind in ihren Dimension den Athletenwohnkomplexen von 1936 nachempfunden, ordnen sich strahlenförmig um das denkmalgeschützte, erhalten gebliebene Speisehaus der Nationen. Natürlich ist das per Definition Nazi-Architektur – aber die Anlage hat sich eine gewisse Leichtigkeit der Moderne bewahrt, kommt nicht Blut-und-Boden-mäßig daher.

Samstags kommen die Wohntouristen

Manche Blocks sind schon fertig, vor anderen stapeln sich Mörtelsäcke und Dämmplatten. Wenige Tage nach solchen Visiten ist in der Regel alles vermietet – bis die nächsten Busse kommen. „Am Samstag ist Völkerwanderung“, kommentiert Olaf Michaelis, 58, den Wohntourismus in seiner neuen Heimat.

Seit Mai erst wohnt der Polizeiangestellte aus Berlin in einem Reiheneckhaus, 115 Quadratmeter, vier Zimmer, zwei Bäder mit riesigem Spiegel, 10,50 Staffel-Kaltmiete – bei 12,50 Euro soll Schluss sein, sagt Michaelis.

Olaf Michaelis ist gerade ins ehemalige Olympische Dorf Elstal gezogen. Quelle: Ulrich Wangemann

Fast 30 Jahre war das Baudenkmal mit der problematischen Geschichte dem Verfall preisgegeben, Fotografen waren begeistert vom morbiden Charme dieses „lost place“. Doch nun ist die Rekonstruktion eines der aufregendsten Wohnprojekte des Landes.

Das Vorhaben beleuchtet eine gern übersehene Kehrseite des Berliner Immobilienhypes: Der Preisauftrieb in der Millionenstadt mit all seinen sozialen Verwerfungen macht im Umland Entwicklungen möglich, die sich noch vor wenigen Jahren schlicht nicht gerechnet haben.

Investoren machten einen Bogen um riskante Objekte, da kaum Rendite lockte. Doch die Billigheimer-Zeiten sind vorbei. Über den Nachwende- und Konversionsruinen drehen sich Baukräne.

Das Kapital hat die Mark liebgewonnen. Dieselbe Logik platziert gerade Brandenburgs Landstädtchen, die seit einer Generation nur die Aussicht eines schleichenden Ausblutens kannten, zurück im Wohnungsmarkt.

Wer in Berlin fast die Hälfte seines Nettolohns für Miete oder die Finanzierung einer Zweiraumwohnung ausgeben müsste, für den werden Nauen, Luckenwalde oder Gransee zu echten Alternativen. Die Metropole entsinnt sich ihres Umlands. Die Berlin-zentrierte Erzählung vom Wohn-Wahn lässt sich auf dem Land ins Positive drehen: Das Leid der Berliner ist an vielen Orten ein Turbo für Brandenburg.

Von der schwierigen Geschichte des Areals zeugt noch der kleine Bunker: Olympisches Dorf Elstal. Quelle: Ulrich Wangemann

Unter der Woche, am Abend, ist alles still im Olympischen Dorf, die Bauarbeiter sind abgerückt, Amseln bestimmen die Geräuschkulisse. Von der nahen B5 ist nichts zu hören. Olaf Michaelis hat die Motorhaube seines BMWs geöffnet. Der Wagen parkt direkt vor dem Eingang zur Wohnung, so dass der Polizist in Badelatschen zur Inspektion schreitet. Wo gibt es sowas in der Großstadt? Da ist man froh über einen Parkplatz in Laufweite.

Weg von Großstadtlärm und Gestank

„Der Stress, der Lärm, der Gestank – das ist mir auf den Kreislauf und aufs Gemüt geschlagen“, sagt Michaelis, der in Berlin-Steglitz großgeworden ist. Die Stadt habe sich verändert, ihm gingen etwa die „Poser“ in ihren aufgetunten 500-PS-Geschossen auf der Schlossstraße, dem Tauentzien oder dem Ku’damm auf die Nerven, sagt Michaelis.

Bis er sich in den Ruhestand nach Bayern verabschiedet, wo seine Tochter mit Familie lebt, will er noch ein paar Jahre so wohnen, dass er nicht morgens früh „vom Lastwagen, der in zweiter Reihe mit laufendem Motor parkt, geweckt werde“.

Edel wohnen im Speisehaus der Nationen

Er habe sich „im Internet das Schönste rausgesucht“, sagt Michaelis. Es geht aber noch nobler als Reihenendhaus im Olympischen Dorf: Die Entwicklungsgesellschaft Terraplan lässt im Speisehaus der Nationen 115 Suiten, Maisonetten und Penthouse-Wohnungen anlegen – bis zu 160 Quadratmeter groß. Dazu gehören laut Objektbeschreibung im Internet Sauna, Dachterrasse, Lounge, ein Innenhof mit Yogawiese und eine Boulebahn.

„Speisehaus der Nationen“: In diesem Teil des olympischen Dorfs Elstal sollen Suiten, Maisonetten und Penthouses entstehen. Quelle: Ulrich Wangemann

Terraplan ist auf die Sanierung von historischen Anlagen, respektive Ruinen, spezialisiert. Dabei scheut die Firma, die unter anderem den Flugplatz Rangsdorf entwickeln will, und die Kasernen auf dem Königs Wusterhausener (Dahme-Spreewald) Funkerberg in Wohnungen umgewandelt hat, mittlerweile auch Berlin-ferne Regionen Brandenburgs nicht mehr.

Pläne für Schloss Fürstenwalde

Gerade hat das Unternehmen seine Pläne für das Schloss in Fürstenwalde/Havel (Oberhavel) präsentiert – seit gut 15 Jahren steht die Barockanlage leer. Nun sollen Wohnungen und Co-Working-Spaces, also temporäre Büros für die Kreativszene, in dem ehemaligen Herzogensitz entstehen. Das Vorhaben hat nichts mit Wohltätigkeit zu tun: Solche Investitionen lohnen sich inzwischen.

Es überrascht deshalb nicht, dass dieselbe Firma kürzlich die alte Post am Bahnhof von Gransee (Oberhavel) erworben hat. In dem Backsteinbau mit holländisch anmutendem Treppengiebel sollen Mietwohnungen entstehen.

Gransee: Kleinstadt an der B96

Gransee – auf halbem Wege nach Mecklenburg-Vorpommern gelegen –, ist keine klassische Speckgürtelstadt, deren Wachstum fast zwangsläufig mit dem Schicksal Berlins verknüpft ist. Wer schon einmal versucht hat, mit dem Auto zur Hauptverkehrszeit über die abschnittsweise zweispurige B96 nach Berlin zu fahren, weiß: Pendeln ist hier Nervensache. Und wenn ein Mähdrescher die Spuren blockiert, kommt man ohnehin zu spät.

Amtsdirektor Frank Stege (CDU) in einem neuen Eigenheimgebiet in Gransee (Oberhavel). Quelle: Ulrich Wangemann

In die Bundeshauptstadt sind es gut 60 Kilometer, doch der Regionalexpress 5 fährt stündlich und ist in gut 40 Minuten in Berlin-Gesundbrunnen, danach liegen Potsdamer Platz und Berlin-Südkreuz auf der direkten Strecke. So markiert Gransee mittlerweile die äußere Grenze dessen, was man im Norden Berlins noch als Pendlerstadt bezeichnen kann.

Früher geschrumpft, jetzt Zuwanderung

„Gransee ist seit der Wende um jährlich ein Prozent geschrumpft“, sagt Amtsdirektor Frank Stege (CDU). Seit Mitte der 2010er-Jahre ist die Bevölkerungszahl stabil. Zwar liegt die Sterbe- immer noch höher als die Geburtenrate, doch die Zuwanderung sorge für eine ausgeglichene Bilanz.

Gransees hübsche Innenstadt. Quelle: Ulrich Wangemann

Und diesen Neubürgern will Gransee etwas bieten. Den leerstehenden, mit Graffiti besprühten Bahnhof will die Kommune noch ab diesem Sommer für 4,5 Millionen Euro zu einem Jugendfreizeitzentrum umbauen. Was aber für die Entwicklung der Stadt mutmaßlich viel wichtiger ist: In direkter Bahnhofsnähe soll ein zehn Hektar großes Eigenheimgebiet entstehen.

Neues Eigenheimgebiet für 500 Einwohner

Das Land hat die Kommune gekauft, um die eigenen Geschicke selbst in der Hand zu behalten. „Wir planen, in den nächsten 20 Jahre schrittweise 500 bis 600 Einwohner hier anzusiedeln“, sagt der Amtsdirektor, der als CDU-Mann solchem Interventionismus der öffentlichen Hand eigentlich skeptisch gegenüber steht, verweist aber auf Erfahrungswerte: „Das ist natürlich viel staatliches Handeln – aber wir haben gesehen, was passiert, wenn nichts passiert.“

Öffentliche Ankaufspolitik muss kein schlechtes Geschäft sein, zumal die Nachfrage dank der allgemeinen Immobilienentwicklung, das billigen Geldes und der guten Konjunktur weiter da ist. Als ein Bau-Investor im Ort insolvent wurde, kaufte die Kommune das Eigenheim-Feld kurzerhand selbst. Mit dem Veräußern der Parzellen hat sie später eine Viertelmillion Euro verdient. Amtsdirektor Stege, der seit 2003 strategische Zukäufe tätigt, sagt: „Als Bauernsohn weiß ich, was Land wert ist.“ Landwirte denken – wie Kirchenvertreter – in Generationen und Jahrhunderten.

Die mächtige Kirche in der Stadtmitte von Gransee. Quelle: Ulrich Wangemann

Einheimischen-Modell aus Bayern übernommen

Mittlerweile sind auch in Gransee die Preise für Grund und Boden stark angestiegen. Zwar kostet der Quadratmeter Bauland in Hohen Neuendorf am Berliner Stadtrand immer noch zehnmal so viel, doch sorgt sich der Direktor des Amts Gransee, dass „Leute aus normalen Familien keine Chance mehr haben, ein Grundstück zu erwerben“ – in Konkurrenz zu zahlungskräftigen Berlinern und Leuten, die einfach eine Geldanlage suchen. Um der Spekulation Einhalt zu gebieten, vergibt Gransee seit 2020 deshalb Baugrund bevorzugt an Einheimische.

Neubaugebiet in Gransee: Einheimische können günstig Land von der Kommune kaufen. Quelle: Ulrich Wangemann

Das Modell hat sich Stege in Bayern abgeschaut, wo sein Sohn wohnt. Der Zuteilung von günstigem Bauland – auf Basis des Bodenrichtwerts – erfolgt nach einem Punktesystem. Je länger der potenzielle Käufer im Ort wohnt, desto mehr Punkte gibt es, ebenso wenn Eltern in Gransee wohnen.

Wer sich engagiert, wird bevorzugt

Bevorzugt werden junge Bewerber, die sich in Vereinen engagieren oder bei der Freiwilligen Feuerwehr. Es gilt eine Obergrenze von 100.000 Euro für einen Doppelverdiener-Haushalt, das Haushaltsvermögen darf 200.000 Euro nicht übersteigen. 25 Bewerber meldeten sich nach der ersten Ausschreibung. Mittlerweile sind 16 nach dem Punkteprinzip ausgesucht worden. Sie müssen binnen drei Jahre bauen.

Amtsdirektor Stege legt Wert auf die Feststellung, dass die Regelung nicht engstirnig gemeint ist: „Jeder kann einheimisch werden – wir brauchen hier Leute, die nicht den Bauhof anrufen, wenn der Straßenbaum vor ihrer Tür Wasser braucht, sondern selbst zum Schlauch greifen.“ Ziel sei ein „gesundes Wachstum“. Wachstums-Management – das dies einmal nötig würde, hätte wohl vor 20 Jahren in Gransee kaum jemand für möglich gehalten.

Von Ulrich Wangemann